Marmelade

Warum Macron so neidisch auf Berlin blickt, was die EU alles für uns tut, und wieso wir die Hände an die Hosennaht legen / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

19.01.19

Das wird ziemlich anstrengend für Emmanuel Macron. Der französische Präsident will durchs Land tingeln und einen Bürgerdialog starten, mit dem Volk reden. In einem wunderschönen Brief hat er vor Reiseantritt versprochen, „Wut in Lösungen“ zu verwandeln. Ob das klappt? Wir werden sehen. Kenner der französischen Verhältnisse bangen, dass das präsidiale Simsalabim in einem fürchterlichen Knall enden wird.
Mehr als zwei Drittel der Franzosen glauben, dass bei den Debatten sowieso bloß Blabla herauskommt, weil das Gerede mit dem Volk gar nicht ernst gemeint sei. Der eitle Präsident wolle ihnen ins Gewissen reden, als seien sie blöde Gören, denen man die Welt erklären muss.
So etwas wollen sich die widerborstigen Gallier nicht gefallen lassen. Wir Deutsche können da nur mit den Augen rollen und staunen. Schon Napoleon soll ja gesagt haben, wäre er Kaiser der Deutschen gewesen, wäre er nicht abgesägt worden, weil die Teutonen bis zum Äußersten zu ihren Führern stehen.
Stimmt: Wäre Macron unser Präsident, wir trügen ihn auf Händen durchs Land und zeigten uns überglücklich und dankbar, dass er uns überhaupt zur Kenntnis nimmt und sich dazu herablässt, uns zu belehren.
„Bürgerdialoge“ kennen wir nämlich auch, aber wir gehen da nicht in gelben Westen hin, was sollen Majestät denn von uns denken! Nein, uns erfüllt eine frohe Erwartungshaltung, die nicht enttäuscht wird. Uta Seibold-Pfeiffer jedenfalls war ganz hingerissen vom Dialog mit Angela Merkel. Die Jenaer Lehrerin hat dem neuen Magazin der Bundesregierung namens „Schwarzrotgold“ ihre wundervolle Erfahrung geschildert: „Der Bürgerdialog hat mir einen Weitblick gegeben, so dass ich sage, ich sehe jetzt vielleicht nicht mehr so klein-klein auf die Dinge, sondern versuche mal auf das große Ganze zu schauen. So wie die Kanzlerin es betrachten muss.“
Das ist doch eine Erzählung, die jedem Potentaten die Tränen der Rührung in die Augen treibt: Der milde Herrscher beugt sich gütig hinab zum blöden kleinen Bürgerchen, nimmt es bei der Hand, entreißt es dem Morast seiner Kleingeistigkeit, um ihm den weiten Horizont der Welt zu weisen, das „große Ganze“ statt „klein-klein“. Und das Bürgerchen ist vollkommen verzückt vom Strahlenkranz der Macht und der Weisheit, die vom Throne zu ihm herunterleuchtet.
Macron muss vor Neid platzen. Und bis hierher können wir hören, wie Napoleon im Pariser Invalidendom mit den Zähnen knirscht: Die Deutschen, ja, das sind Untertanen, wie man sie sich wünscht. Die in Berlin haben es gut.
Damit das auch so bleibt, müssen die Bundesbürger allerdings bei guter Laune gehalten werden, sonst kommen sie noch auf  Gedanken − wo auch falsche Gedanken dabei sein könnten. Die Geschichte mahnt: An solchen Gedanken ist die DDR gescheitert. Resigniert seufzte der unvergessene Karl-Eduard von Schnitzler angesichts der Ungarn- und Botschaftsflüchtlinge im Spätsommer 1989 in die Kamera: Man habe es versäumt, den Werktätigen klar­zumachen, wie gut sie es hätten in der DDR. Nur deshalb liefen die Idioten jetzt in Scharen davon.
Das wird uns nicht passieren, daher erscheint „Schwarzrotgold“ ab sofort alle drei Monate. Jede Folge fesselt uns mit einem Schwerpunktthema. Nummer 1/2019 dreht sich um „Europa“, womit selbstverständlich nur die EU gemeint ist und nicht die Uneuropäer in Russland, der Schweiz, Norwegen und dem übrigen Restgerümpel.
Dieses „Europa“ ist einfach nur super, weiß das Magazin: „Italienische Salami im Supermarkt, eine französische Brasserie und ein Job in Dänemark − das ist gelebte europäische Realität“, lesen wir voller Begeisterung.
Was aber ist mit denen, die lieber Mettwurst kaufen, das Wort „Brasserie“ nachschlagen müssen und ihr Leben lang in Deutschland gearbeitet haben? Alles Abgehängte jenseits der „gelebten Realität“, die zählen nicht. Und wenn sie die Mehrheit sind? Populistische Hetze! „Wir sind mehr!“ Also die mit dem Job in Dänemark und der Salami.
Allerdings, wenn die Anwesenheit von ein paar französischen Brasserien in Berlin nur wegen der EU und ihres Binnenmarkts möglich wurde, wie sind dann die Tausende von Dönerläden in die Stadt gesickert? Die Türkei ist schließlich nicht in der EU. Und wie haben es die vielen China-Lokale bloß an die Spree geschafft?
Wechseln wir das Thema. Die Broschüre stellt die Frage, was wäre, wenn sich die EU nicht für die Sicherheit aller einsetzen würde − und gibt auch gleich eine Antwort: „Ein Gemeinwesen ohne innere und äußere Sicherheit wird zwischen Anarchie und äußerer Bedrohung aufgerieben.“
Die Frage ist wirklich interessant, und der Antwort können wir nur aus vollem Herzen zustimmen. Allerdings würden wir gern wissen, was Frage und Antwort miteinander zu tun haben. Waren es statt der EU nicht die Fürsten der populistischen Finsternis, Matteo Salvini und Viktor Orbán, welche die Mittelmeer- und die Balkanroute dichtgemacht und sich dafür die wütende Verachtung ihrer EU-Partner eingehandelt haben? Und wäre Deutschlands „innere und äußere Sicherheit“ ohne diese Maßnahmen nicht schon lange vollends im Eimer?
Wenden wir uns lieber den kleinen Dingen des Alltags zu, bei denen die EU längst unentbehrlich geworden ist, wie uns „Schwarzrotgold“ aufklärt, denn: „Wer in Kopenhagen Marmelade einkauft, findet darauf die gleichen Informationen über Zutaten oder Mindesthaltbarkeit wie in Stuttgart oder Warschau.“ Mal ehrlich: Wer würde sich in Stuttgart jemals dem Risiko des Marmeladenkaufs aussetzen, wenn er nicht sicher sein könnte, dass in Kopenhagen und Warschau die gleichen Informationen über ...
Ach, manchen Leuten kann  man’s nie recht machen. Immer dieses Genörgel. Aber sobald man den Defätisten mal eins überbrät, jammern die gleich rum wegen „Beschneidung ihrer Meinungsfreiheit“.
So auch Handball-Legende Stefan Kretzschmar (siehe „Meinungen“). Nur wer Losungen wie „wir sind bunt“ oder „Refugees wel­come“ aufsage, bleibe ungeschoren. Wer sich dagegen regierungskritisch äußere, bekomme sofort Probleme. Man könnte auch sagen: Dem ist der Schlag mit der Nazi-Keule gewiss.
Alles Quatsch, was Kretzschmar da sagt, entgegnen sofort zahlreiche Prominente. Jeder könne in Deutschland frei sagen, was er will, ohne gleich als Nazi verunglimpft zu werden. Wolf Biermann zeiht den Handballer sogar der Lüge. Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, stellt klar, es gebe „keine Themenbeschränkung, aber gewisse Spielregeln“.
Was sind das für Spielregeln? Offenbar gehört dazu, dass man nie behaupten darf, die Meinungsfreiheit werde in Deutschland irgendwie behindert, gar unterdrückt. Es gehört nämlich zur Quintessenz jeder Unterdrückung, dass man sie nicht benennen darf.
So fragt der „Spiegel“-Ableger „Bento“ spitz: „Ist Stefan Kretzschmar ein Kleingarten-Nazi?“ Das ist doch witzig: Da singen alle im Chor, dass jeder in Deutschland seine Meinung sagen könne, ohne als Nazi geächtet zu werden, und es vergeht nur ein Tag, da zieht der erste dem Kretzschmar schon die Nazi-Keule über.
Aber der gute Kretzschmar ist zum Glück Deutscher, kein Franzose. Daher hat er sofort verstanden und die Hände wieder an die Hosennaht gelegt. Die „Instrumentalisierung meines Interviews von politischen Gruppierungen, die meiner eigenen politischen Einstellung nicht ferner liegen könnten“, sei „grotesk“. Damit hat er den aufgeschreckten Meinungszensoren signalisiert, dass er im Grunde ja zu ihnen gehört und nicht etwa zu den Kritikern von „bunt“ und „Welcome“. So hat die Dressur am Ende doch noch gegriffen.


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Kommentare

Emmanuel Precht:
19.01.2019, 06:08 Uhr

Die Jenaer Lehrerin hatte doch was mit Relotius, der edlen Feder. Wohlan...


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