Mehr als nur eine Wohn-Fußnote

Größtes Bauprojekt im Ersten Weltkrieg – Der Wiederaufbau kriegszerstörter Ortschaften in Ostpreußen. Was wird aus dem Erbe?

23.11.18
Villa Kunterbunt: Ein Haus des Bremer Architekten Heinz Stoffregen in Gerdauen Bild: Aschenbeck

Zahlreiche Städte im östlichen Ostpreußen bekamen vor 100 Jahren ein neues Gesicht. Damals sollten Gerdauen, Goldap, Neidenburg oder Lyck Idealstädte werden, neu geordnet, neu gestaltet – leuchtende Beispiele für ein zukünftiges Deutschland.

Der Erste Weltkrieg endete in Ostpreußen recht schnell. In der Schlacht von Tannenberg und endgültig bis Anfang 1915 wurden die Russen aus dem Land ge­drängt. In den kurzen aber heftigen Kämpfen waren zahlreiche Orte zerstört und die Einwohner in die Flucht getrieben worden.
Unmittelbar nach der Befreiung des östlichen Ostpreußens versprach der Kaiser den Wiederaufbau der zerstörten Orte. Der Deutsche Werkbund, damals die wichtigste Sammelbewegung der modernen Kräfte, appellierte an die Architekten des Landes, nach Ostpreußen zu kommen, um hier einen idealtypischen Wiederaufbau umzusetzen. Mehrere hundert vor allem junge Architekten kamen, unter ihnen einige aus Königsberg und viele aus den westlichen Gebieten wie Berlin, Bremen oder München. Sie hatten in den ersten Jahren des
20. Jahrhunderts die Ideen der Re­form verinnerlicht. Und sie hatten mit dem Historismus der Gründerzeit gebrochen und wollten nun schlichte Architektur schaffen – ohne die als falsch verstandenen historistischen Dekorationen. Die neue Architektur sollte das Leben der Menschen in ihrer ostpreußischen Eigenart zum Ausdruck bringen, sie sollte den Charakter der Menschen am Äußeren ablesbar machen.
Damit Architekten, die an alten Rezepten hingen, nicht doch zum Zuge kamen, wurde eine staatliche Bauberatung eingesetzt und mit Reformkräften besetzt. Nur die Bauherren, deren Projekte den Segen der Bauberatung bekamen, konnten auf öffentliche Wiederaufbau-Gelder hoffen. Die Bauberater zeigten sich als strenge Kontrolleure, sie strichen eingereichte Planungen zusammen und zeichneten oft eigene Alternativentwürfe.
Trotz der rigiden Einflussnahme der Bauberater entstand in Ostpreußen während und nach dem Krieg eine durchaus vielfältige Wiederaufbau-Architektur. Die kaum ausformulierten Ideale der Reform ließen zahlreiche auch sehr unterschiedliche Lösungen zu. So entstanden am Goldaper Markt schlichte Reihenhäuser (Architekt Fritz Schopohl, Berlin), die allein durch Laubengänge und die Anordnung der Fenster gestaltet sind. In Gerdauen hingegen formte der Bremer Architekt Heinz Stoffregen eine neue Altstadt, die an mittelalterliche Städte erinnern soll. Er setzte Feldsteine in die Mauern, gliederte die Häuser mit Erkern und Gauben, schmückte Eingangstüren durch Schnitzarbeiten und ließ alles wie zufällig gewachsen erscheinen. Niemand sollte erkennen, dass das neue Gerdauen eine vom Architekten geplante Stadt ist.
Um mit dem Wiederaufbau auch eine Qualitätsverbesserung in den Städten zu erreichen, hatten sich im ganzen Reich Vereine gegründet, die Spenden für den Neubau von Schulen, für die Verlegung von Straßen, Errichtung von Denkmälern und manche Zwecke mehr sammelten. Ostpreußen sollte nach Vollendung des Wiederaufbaus schöner sein als je zuvor.
Auch Gutshäuser wurden nach den Vorstellungen der Reform aufgebaut. In nicht wenigen Fällen erstrahlten die Hofanlagen eindrucksvoller, als es die Vorgängerbauten taten.
Während an den Westgrenzen weiter die Kämpfe tobten, wurde in Zeitungen und Zeitschriften eifrig über den Wiederaufbau im Osten geschrieben; die Neugestaltung des östlichen Ostpreußens war nicht weniger als ein Beleg für eine Sinnhaftigkeit des Krieges. Wilhelm II. kam im August 1917 nach Gerdauen gereist und lobte die neu errichtete Altstadt.
Mit der deutschen Niederlage 1918 war auch das Wiederaufbau-projekt entwertet. Goldap, Gerdauen, Schirwindt und die anderen Wiederaufbau-Orte standen nun nicht mehr exemplarisch für den Neuanfang, sondern beispielhaft für das untergegangene Kaiserreich. Die Wiederaufbau-Architektur wurde, kaum war sie vollendet, schon vergessen.
Immer wieder wurde in jüngeren Publikationen auf das Erbe hingewiesen, das wichtigste Buch dazu lieferte der in Lodsch lehrende Architekturhistoriker Jan Salm: „Ostpreußische Städte im Ersten Weltkrieg“ (2012). Vier Jahre später erschien außerdem die Studie „Reformarchitektur – Die Konstituierung der Ästhetik der Moderne“, welche die Wiederaufbau-Leistungen in Ostpreußen thematisiert. Die Veröffentlichungen kursieren jedoch nur in Fachkreisen, in den Städten selbst ist die eigene Geschichte kaum bekannt – und wenn sie bekannt ist, wird sie als Teil der deutschen Kulturgeschichte kaum geschätzt. Jedes Jahr müssen Verluste im Bestand der Wiederaufbau-Architektur beklagt werden. In Polen ist die Situation allerdings deutlich besser als in Russland, wo beispielsweise die einst besonders sehenswerte Stadt Gerdauen (russisch Schelesnodoroschny) langsam zugrunde gerichtet wird.
Um das unbekannte und in seiner Bedeutung bisher kaum begriffene „Weltkulturerbe Wie­deraufbau“ zu retten, wäre eine Bestandsaufnahme dringend ge­boten: Welche Bauten wurden von 1915 bis 1925 im östlichen Ostpreußen errichtet? Wo wurden neue Stadtgrundrisse realisiert? Was ist an Denkmälern und womöglich sogar an Inventar erhalten geblieben? Viele Antworten lassen sich in zeitgenössischen Publikationen finden, sie sollten mit dem vorhandenen Bestand abgeglichen werden. Erst wenn man in Deutschland, Polen und auch in Russland den Schatz der Reformzeit kennt, wird man sich um ihn kümmern können.
Der Wiederaufbau der zerstörten Ortschaften, begonnen im Ersten Weltkrieg, ist keine lokale Fußnote der Architekturgeschichte, im Gegenteil. Die Idealstädte der Reform waren ein erstes Projekt der Moderne, das in den Berliner Großsiedlungen der 1920er Jahre – Mitwirkender war nicht zuletzt der Wiederaufbau-Architekt Hans Scharoun – und auch in zahlreichen Städtebauprojekten nach dem Zweiten Weltkrieg seine wirkungsvolle Fortsetzung fand.     Nils Aschenbeck


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