Meister aller Klassen

Vor 500 Jahren starb das Renaissancegenie Leonardo da Vinci – Die Faszinationskraft seiner Werke wird einem bald unheimlich

03.05.19
Das meistabgelichtete „Fotomodell“ der Welt: Die „Mona Lisa“ im Pariser Louvre Bild: tws

Kaum ein Künstler bewegt die Welt so stark wie Leonardo da Vinci. Der 500. Todestag des am 2. Mai 1519 gestorbenen Malers und Erfinders bietet die Gelegenheit, im Pariser Louvre, in Mailand und in weiteren Ausstellungsorten zu erforschen, woher diese Faszination rührt.

Die „Mona Lisa“ hat Besuch. Viel Besuch. Mehrere Hunderte drängen sich im Louvre täglich vor ihr, um einen Blick von ihr zu erhaschen. Es geht zu wie bei der Audienz des Papstes: Jeder hält sein Smartphone hoch und fotografiert, was das Zeug hält. Entweder sie alleine oder ein Selfie mit ihr. Bei jedem anderen wäre das Lächeln längst vergangen, doch dieses Renaissance-Model lächelt professionell weiter.
Der späte Da-Vinci-Zeitgenosse und Künstlerbiograf Giorgio Vasari beschreibt in seinen „Lebensgeschichten“, wie da Vinci beim Porträtieren die Frau eines floren­tinischen Seidenhändlers bei Laune hielt: Während er die Mo­na Lisa malte, musste immer je­mand zugegen sein, „der sang, spielte und Scherze trieb, damit sie fröhlich bleiben und nicht ein trauriges Aussehen bekommen möchte“. Heute sind die Besuchermassen die Clowns, die einen mit ihrem Selfiewahn amüsieren.
Und ärgern. Denn ein ungestörtes Kunsterlebnis ist in diesem Trubel nicht möglich. Ganz nahe kommt man der hinter Panzerglas aufgehängten „Mona Lisa“ ohnehin nicht. Das verhindern ein Ab­sperrband und die Sicherheitsleute im Saal. Wer ergründen will, warum dieses Bild das wohl wertvollste Gemälde der Menschheit ist, sollte besser eine Reproduktion studieren. Aber auch das hilft vielen Kunst-Laien nicht viel weiter. Mancher würde das Gemälde für 100 Euro auf dem Flohmarkt verscherbeln, hätte er es in Un­kenntnis der Urheberschaft auf dem Dachboden gefunden. In ei­ner Welt voller Partygelächter ist Mo­na Lisas fotogenes Lächeln aus der Mode gekommen.
Aber die Franzosen haben dieses Lächeln als Markenzeichen geschickt vermarkten können. Dabei half die Legende, wonach da Vinci vier Jahre an dem Bildnis arbeitete, es seinem Auftraggeber niemals zeigte, es dann jahrelang auf seinen Reisen mit sich herumtrug, um es dann dem französischen König zu überlassen. Dass es 1911 aus dem Louvre gestohlen wurde, trug zur weiteren Popularität bei. Seit ihrem Wiederauffinden ein paar Jahre später ist die „Mona Lisa“ das Ziel vieler Jäger nach Sehenswürdigkeiten.
Mailand geht da einen ganz anderen Weg. Dort befindet sich mit dem „Abendmahl“ ein weiterer Da-Vinci-Klassiker. Wer sich im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie das Fresko mit Jesus und seinen zwölf Jüngern ansehen will, sollte gut ein halbes Jahr vorher übers Internet einen Termin buchen. Aus konservatorischen Gründenwerden alle 15 Minuten höchstens 25 Personen hineingelassen.
Weil der Andrang nach solchen Terminen enorm hoch ist, nimmt man es mit der Gruppenanzahl nicht so genau. An diesem Tag um 10 Uhr morgens sind es 34 Kunstbeflissene aus aller Welt, welche nach Einlass durch die Sicherheitsschleuse in den Genuss des Abendmahls kommen.
Und es ist tatsächlich ein Kunstgenuss. Im großen Speisesaal herrscht andächtige Friedhofsruhe. Aufseher achten peinlich ge­nau darauf, dass nicht fotografiert wird. Blitzlicht könnte dem Fres­ko schaden. Das an einer Stirnseite des Saals befindliche neun Meter lange Gemälde übt eine ungewohnte Magie und Dynamik aus. Man spürt die Aufregung der Jünger, als Jesus verkündet, unter ihnen sitze ein Verräter. Wie bei Italienern, die da Vinci Modell saßen, üblich, gestikulieren sie wild mit ihren Händen. 13 Personen und 25 Hände zählt man. Nur dem rechts neben Jesus im Hin­tergrund mit einem Finger in die Luft zeigenden Apostel Thomas fehlt eine fuchtelnde Hand.
Wie viel da Vinci tatsächlich noch in diesem Fresko steckt, war Gegenstand vieler Diskussionen. In den 1990ern wurde es aufwendig restauriert. Weil da Vinci mit einer neuen Freskotechnik experimentierte, blätterten die Farben bereits wenige Jahre nach der Fertigstellung von der Bleigipsgrundierung ab. Man konnte nicht mehr erkennen, ob Jesus spricht oder nicht. Jetzt ist sein Mund geöffnet. Interpretationssache eben. Es schadet aber diesem ausdrucksstarken Kunstwerk nicht, das man nach 15-minütiger Be­suchsdauer be­eindruckt verlässt.
Unweit vom Kloster hat da Vinci außerdem im Castello Sforzesco seine Spuren hinterlassen. Seine Fresken im Sala delle Asse werden derzeit allerdings restauriert. Vom 16. Mai an werden dort jedoch im Rahmen einer Ausstellung erste Restaurierungsergebnisse vorgestellt.    Harald Tews


Im Jubiläumsjahr übertreffen sich die Museen in Europa mit vielen Veranstaltungen. Ein Überblick:
Im Geburtsort des Künstlers, dem toskanischen Vinci, steht Leonardos früheste datierte Zeichnung, die Landschaft des Arno-Tals von 1473, im Mittelpunkt der Schau des Museo Leonardiano, die noch bis 15. Okto­ber den Ursprüngen des Genies nachspürt.
Am Ende stehen die frisch rekonstruierten Ateliers im Loire-Schloss Clos Lucé, Leonardos letztem Arbeitsplatz und Sterbeort. Vom 1. Juni bis 2. September werden hier „Leonardo da Vinci, seine Schüler, das Abendmahl und Franz I.“ präsentiert. In der Kapelle des nahen Schlosses Amboise begraben, kreist vom 2. Mai bis 31. August die Ausstellung im Königsschloss rund um Leonardos Tod. Höhepunkt ist das Ölgemälde von François-Guil­laume Ménageot von 1781.
Die gesamte Region Centre-Val de Loire nutzt den 500. Todestag, um das ganze Jahr mit einem Mammutprogramm von über 500 Ausstellungen und Veranstaltungen Leonardo und die Renais­sance in Frankreich zu feiern. 1519 begann der Bau von Schloss Chambord, und Katharina von Medici, ab 1547 Königin von Frankreich, erblickte im selben Jahr in Florenz das Licht der Welt.
Die von Leonardo nach Frankreich mitgebrachten Gemälde der Mona Lisa, der Anna Selbdritt und Johannes’ des Täufers wurden von Franz I. erworben und in die königlichen Sammlungen aufgenommen, zu denen wahrscheinlich bereits die von Ludwig XII. angeschaffte „Felsgrottenmadonna“ und „La Belle Ferronnière“ gehörten. Vom 24. Oktober bis 24. Februar 2020 will der Louvre möglichst viele der 14 bis 17 Ge­mälde, die Leonardo aktuell zugeschrieben werden, in einer einmaligen internationalen Retrospektive präsentieren.
Die größte Ausstellung der letzten 65 Jahre zu Leonardos Werk beansprucht allerdings Großbritannien für sich. Denn mit rund 500 Blättern besitzt die Royal Collection eines der größten Konvolute an Leonardo-Zeichnungen. Vom 24. Mai bis 13. Oktober sind über 200 in der Queen’s Gallery im Buckingham Palace, London, zu sehen, anschließend 80 vom 22. November bis 15. März 2020 auch in der Queen’s Gallery, Pa­lace of Holyroodhouse, Edinburg.
Die Biblioteca Reale in Turin besitzt 13 Leonardo-Zeichnungen, darunter das berühmte „Selbstporträt“, dazu den Codex über den Vogelflug. Die Schau in den Königlichen Museen kreist bis zum 14. Juli mit etwa 50 Werken um den Turiner Bestand.
In Deutschland gibt es nur sechs Leonardo-Zeichnungen, vier werden vom 5. bis 19. Juni in der Hamburger Kunsthalle präsentiert. In Gießens Mathematikum kann man vom 18. Mai bis 29. März 2020 an rund 20 interaktiven Stationen herausfinden, welche Maschinen von Leonardo tatsächlich funktionieren.
Mit rund 30 Funktionsmodellen, darunter verschiedene Flugobjekte, widmet sich auch Burg Hohenwerfen im Salzburger Land noch bis Ende des Jahres Leonardos Erfindergeist. Im Leipziger Kunstkraftwerk beeindruckt eine Klang- und Videoinszenierung noch bis Ende des Jahres mit berühmten Werken von Leonardo, Raffael und Michelangelo.
Selbstverständlich ist auch Italien ganz vorne mit von der Partie und ehrt sein Genie besonders in Florenz und Mailand. Der Florentiner Palazzo Strozzi feiert noch bis 14. Juli Leonardos Lehrmeister Verrocchio. Das Wissenschafts-Museum Galileo präsentiert gleich mehrere Leonardo-Ausstellungen. Und im Wissenschaftsmuseum von Mailand, Italiens größtem seiner Art, ist noch bis 13. Oktober die wohl umfangreichste Modellsammlung nach Leonardo zu sehen.
Etwas spät dran ist das künftige Da-Vinci-Museum in Berlin, das am Leipziger Platz Leonardos Kunst und Erfindungen multimedial und interaktiv aufbereiten will. Die angekündigte Eröffnung für dieses erste Halbjahr kann man allerdings nicht einhalten.
    Helga Schnehagen


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.