Menschlichkeit der Welt nimmt Anfang an der Krippe

Gastbeitrag von Sophia Kuby

25.12.11
Weihnachtliches Potsdam: Auch in diesem jahr sind wieder viele Gassen geschmückt. Bild: Look

In ein paar Tagen ist Weihnachten. Besinnlichkeit, brennende Kerzen, glitzernde Christbäume, Weihnachtslieder, Nelken- und Zimtduft in der Luft. Das ist der bessere Teil von dem, was uns Jahr für Jahr in einem nicht zu überbietenden Kaufrausch von der Konsum- industrie als Weihnachten verkauft wird. Advent ist zum Synonym für verkaufsoffene Sonntage verkommen und die spontane Assoziation sind unendliche Menschenmassen in den Einkaufsstraßen und Kopfzerbrechen über möglichst originelle Geschenke für Eltern, Geschwister, Cousins, Freunde, Kollegen. Nicht zu vergessen sind natürlich die kulinarischen Orgien dieser Jahreszeit. Eine Weihnachtsfeier jagt die andere, obwohl Weihnachten noch gar nicht da ist.    
Auch wenn der Fall unwahrscheinlich ist, könnte man hier und da einem Menschen begegnen, für den Weihnachten etwas anderes ist, nämlich das Unglaublichste, das sich in der Geschichte zugetragen hat: die Menschwerdung Gottes. Für einen solchen Menschen ist der Advent statt Kaufrausch eine Zeit der inneren und äußeren Vorbereitung auf dieses Ereignis. Statt Schnäppchenjagd ist der Advent für ihn Zeit des Gebets, der geistlichen Besinnung, der eigenen Bekehrung. Er ist Fastenzeit.
Es scheint, als seien in unseren Breitengraden diejenigen, für die Weihnachten noch Weihnachten ist, zumindest in den U30-Generationen, eine seltene Spezies geworden. Eine bin ich. Aus einigen weiteren Gleichgesinnten besteht die „Generation Benedikt“, ein Netzwerk junger Katholiken, für die Glaube nicht nur Privatsache ist, sondern „Kraft der Humanisierung“ (Papst Benedikt XVI.) in der Welt.
Was uns verbindet, ist der Glaube an Gott, was uns motiviert ist eine Welt, die diese Botschaft der Hoffnung nicht mehr kennt und ächzt und stöhnt unter der Unzulänglichkeit ihrer eigenen, rein innerweltlichen Maßstäbe des Lebens.
Allerdings ist die gesellschaftspolitische Verantwortung, die aus dem Glauben erwächst, nur ein zweiter, wenn auch notwendiger Schritt. Am Anfang steht eine persönliche Glaubenserfahrung. In vielen Variationen hat jeder von uns irgendwann die Erfahrung gemacht, dass Gott existiert. Egal, ob in eine katholische Familie hineingeboren oder ohne Glauben aufgewachsen, wie es mein Fall ist: Die persönliche Erfahrung Gottes im eigenen Leben ist der größte Umsturz, die größte Revolution, die einem passieren kann. Das Leben wird grundsätzlich, existenziell neu ausgerichtet. Plötzlich ist die tiefste Verunsicherung des menschlichen Lebens – die Frage nach dem Sinn – verschwunden. Plötzlich weiß man sich getragen von dem, der nicht nur die Antwort auf diese Fragen gibt, sondern vom dem, der selbst die Antwort ist.
In einem Land, in dem man es in der Kirche grundsätzlich besser weiß als der Papst und ihm ununterbrochen wohlwollende Vorschläge unterbreitet, kann es einem jungen Katholiken durchaus schwer fallen, in der Kirche seinen Platz zu finden. Wir glauben, weil der Glaube Sinn und Freude gibt. Was wir in der Kirche suchen, ist Begegnung mit Gott, Bestärkung, Wegweisung, Gemeinschaft. Die Kirche ist für uns kein Verein, dem man angehört, solange er die eigenen Interessen vertritt, und den man verlässt, sobald dies nicht mehr geschieht oder einem der Vorstand nicht passt. Das verbindende Element für uns junge Katholiken ist, dass für uns die Kirche Heimat ist. Sie ist, wie es Papst Benedikt vor Journalisten auf dem Flug nach Deutschland im September ausdrückte, ein „Netz mit guten und schlechten Fischen“, gemeinsam unterwegs mit Gott in dieser Welt. Dabei empfinden wir den Papst nicht als eine Figur „exzessiver Autorität“, wie ich es am vergangen dritten Adventssonntag in der Sonntagspredigt hörte, sondern als Hirten, der die schwere Last der Autorität angenommen hat, um den Dienst zu erfüllen, für den er gewählt wurde. Es ist der Dienst der Wahrheit, der Unterscheidung von Gut und Böse, die so verwischt ist in unserer Zeit, es ist der Dienst der geistigen Wegweisung für ein gelungenes Leben als Christ. Die üblichen Schlagworte, mit denen ein solches Kirchenverständnis für gewöhnlich von der Generation 60+ bezeichnet wird – Romhörigkeit, Unterordnung der Frau, Sexualfeindlichkeit, Spaßverderber – wollen so gar nicht zu unserer Lebenswirklichkeit passen! Katholisch sein bedeutet für uns ein Mehr, kein Weniger an Freiheit, es bedeutet ständige Anregung zur geistigen Auseinandersetzung, Erweiterung des Horizonts von der deutschen Provinzkirche zu einer weltweiten Gemeinschaft von Gläubigen, es macht uns fähig, echte und stabile Beziehungen aufzubauen, weil uns die Kirche auf den Weg der Überwindung des Egoismus statt den der Selbstverwirklichung führt. Beim Deutschlandbesuch des Papstes hätte man bei all dem aufgeregten Geschnatter und Gezeter – die gesammelte Mannschaft der Kirchenkritiker, auch derer, die sich katholisch nennen, sah ihre Stunde gekommen – fast überhören können, was der Papst den Journalisten sagte: dass er Opposition gegen seinen Besuch nicht nur erwartet habe, sondern er sie in einer säkularisierten Zeit als normal empfinde. Mehr noch, gegen Opposition, in zivilisierter Weise ausgedrückt, sei nichts einzuwenden, sondern sie gehöre zu unserer Freiheit. Es ist diese gelassene Furchtlosigkeit, ja sogar Freude an der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, die diesen Papst auszeichnet. Diese Furchtlosigkeit ist möglich, weil er selbst tief in Gott verankert ist und ihm im Übrigen kaum einer intellektuell das Wasser reichen kann. Wie könnte diese intellektuelle und menschliche Gelassenheit und Souveränität uns junge Menschen nicht beeindrucken? Benedikt XVI. macht den Mund nicht auf, ohne uns das vor Augen zu führen, was er unermüdlich wiederholt: Vernunft ohne Glauben ist leer, Glaube ohne Vernunft blind. Transzendenz und Natur sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander, wenn der Mensch zur vollen Entfaltung seiner Erkenntniskraft kommen will.
Es ist diese Wahrheit über den Menschen, die den katholischen Glauben zu einer unendlichen Quelle geistiger Nahrung und Orientierung werden lässt. In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sagte der Papst: „Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.“ Eine solche, aus katholischer Sicht eingeschränkte Vernunft könne über das Funktionieren heraus nichts wahrnehmen und gleiche Betonbauten ohne Fenster, in denen wir Licht selber geben und beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollten – so der Papst.
Es ist diese eingeschränkte, selbstreferenzielle Vernunft, die doch so unfähig ist, tragende Antworten auf die immer existenzieller werdenden Fragen unserer Zeit zu geben. Statt der ewigen kirchenpolitischen Querelen und einer Art engem Strukturdenken, welches aus der Kirche, die Salz und Sauerteig sein soll, einen komatösen Patienten macht, wünschen wir uns eine Kirche, die ihre humanisierende geistliche Kraft voll entfaltet und der Welt ein menschliches Antlitz gibt.
Die Menschlichkeit der Welt nimmt ihren Anfang an der Krippe mit einem Gott, der die Welt so sehr geliebt hat, dass er selbst Mensch wird, um sie zu erlösen. Deswegen ist Weihnachten für Christen Anlass zu Staunen und Dankbarkeit.

Sophia Kuby hat Philosophie studiert und ist Sprecherin der „Generation Benedikt“. Sie lebt und arbeitet in Brüssel.


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