Merci, Udo!

Mit »Merci, Chérie« wurde er zum Liebling der deutschen Schlagerfans − Der scheinbar ewig junge Udo Jürgens wird 80 Jahre alt

21.09.14
Eifriger Beifallssammler: Udo Jürgens bei der Präsentation der ARD-Doku über sein Leben. Bild: action press

Am 30. September feiert Schlagersänger Udo Jürgens seinen 80. Geburtstag. Eine Filmdokumentation auf Arte (am 21.9. um 21.40 Uhr) und im Ersten (am 29.9. um 20.15 Uhr) zeigt auch die Schattenseiten des Publikumslieblings.

Die Dokumentation, die das Erste am Vorabend seines 80. Geburtstags zeigt, ist eine Verneigung, in der Weggefährten wie der kürzlich verstorbene Blacky Fuchsberger auftreten, seine Kinder Jenny und Johnny, sein langjähriger Manager. „Er hat den Sound der Bundesrepublik geprägt“, wird Schauspielerin Iris Berben im Film sagen.
Wie wahr: Dieser Österreicher, mit zwei Brüdern auf Schloss Ottmanach in Kärnten aufgewachsen, gab in den Jahrzehnten seiner Karriere dem jeweiligen Zeitgeist eine Stimme. Mit dem heiteren Schunkellied „Griechischer Wein“ setzt er dem Heimweh der Gastarbeiter ein Denkmal. „Ein ehrenwertes Haus“ beschreibt den bigotten Biedersinn in den frühen 70er Jahren. Und mit der Hymne „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ rüttelte er an den Schlagbäumen, die die Ruheständler vom Leben trennen.
Über 1000 Lieder hat Jürgens komponiert – für sich selbst und Weltstars wie Shirley Bassey. Seine Songs gingen um die Welt, seine Verkäufe in die Millionen. Steht da nun ein Sieger vor seinem Publikum, ein Held?
Wer die Biografie des Udo Jürgens durchleuchtet, wer womöglich das Glück hatte, ihn in seinem Refugium oberhalb des Zürichsees zu besuchen, der trifft auf einen Mann, der freimütig Momente der Verzagtheit und des Scheiterns einräumt. Der auch ungefragt an den schlaksigen jungen Mann erinnert, der er mal war: Jürgen Udo Bockelmann, der für die Musik entflammte und doch jahrelang erfolglos in Bars und Kaschemmen auftrat. Seemannslieder lässt man ihn singen, Italien-Schnulzen. Er soll den Ge­schmack der Zeit bedienen und denen gleichen, die damals erfolgreich waren – Freddy Quinn, Peter Kraus.
Erst sein Manager Hans R. Beierlein schiebt ihn auf die Er­folgsspur. Der Grand Prix 1966 in Luxemburg wird den Durchbruch bringen: Udo Jürgens, wie er sich längst nennt, startet mit „Merci, Chérie“ für Österreich. Die Erfolgsaussichten sind schlecht, und Manager Bei­erlein lässt schnell an den Kios­ken noch alle Zeitungen mit kritischen Titelzeilen aufkaufen, um seinen Schützling zu schonen. In dem ARD-Porträt erinnert sich Jürgens an den Rausch, der ihn auf der Bühne erfasst hat: „Jeder Ton stimmte, es fühlte sich alles richtig an.“
„Merci, Jury!“, singt der so lange Verkannte nach seinem Sieg und kann es bis heute kaum fassen: „Viel Zeit hätte ich nicht mehr gehabt, damals warst du mit 30 schon ein halber Methusalem.“
Seitdem begleitet Jürgens dieses Land am Klavier. Er sucht sich Textdichter, die die Themen der Zeit erfassen. Er singt von Sehnsüchten, ohne kitschig zu sein. Er wagt große Gefühle, ohne dass es kalkuliert wirkt: „Ich weiß, was ich will, ich habe noch nie im Leben Berge versetzt, ich tu es jetzt.“ Und weiter sagt er in der TV-Doku: „Das wünscht sich doch jede Frau, dass ein Mann sich für sie entscheidet. Nur für sie“.
Er selbst heiratet 1964 Panja, seine erste Frau. Fotos zeigen ein glamouröses Paar: sie mit hohen Wangenknochen und brünettem Haar, er ein nervöser Künstler, der am Küchentisch halbherzig den Familienvater verkörpert. Draußen warten die Karriere, die Bühne, der Applaus. Und hinter dem Bühnenausgang warten die Mädchen, denen er eines seiner berühmtesten Lieder widmet: „17 Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir.“
Die Ehe wird scheitern, genauso wie die zweite mit der blonden Corinna. Die Leidenschaft, die seine Lieder befeuert, treibt ihn zu neuen Ufern und Abenteuern.
Wenn es einmal still wird in diesem rastlosen Leben, wenn der Mann, der sich Udo Jürgens nennt, in seinem Haus sitzt und zurück­blickt, dann nimmt er sich vor, die Wunden dieses Künstlerlebens zu heilen. „Ich finde, abgebrochene Beziehungen sind eine Wunde, die man sich selbst zufügt. Wunden schlägt das Leben von alleine, dazu muss ich nicht noch beitragen.“
Manchmal greift er zum Telefonhörer und ruft die Menschen an, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Seinen früheren Ma­na­ger Beierlein etwa. Seine Ex-Gefährtinnen. Oder seine beiden unehelich geborenen Töchter.
Wie so viele seiner Generation be­gibt sich auch Jürgens in der Mitte seines Lebens auf Spurensuche. Wa­rum etwa wanderte sein Großvater Heinrich Bockelmann von Deutschland nach Moskau aus, um dort eine Bank zu leiten? Und wieder trifft er bei seinen Recherchen auf die Zaubermacht der Musik: Ein Fagottspieler spielte anno 1891 auf dem Bremer Weihnachtsmarkt derart sehnsuchtsvoll eine russische Weise, dass Großvater Bockelmann alle Brücken kappte und dem Ruf der Töne bis nach Russland folgte.
„Der Mann mit dem Fagott“ wird Jürgens seine Autobiografie nennen und nicht eher ruhen, bis die Geschichte seiner Familie als Zweiteiler für das Fernsehen verfilmt wird. In diesem Film wird auch der Moment seiner größten Demütigung ge­zeigt, als ein vermögender Onkel den jungen Musiker von einer Familienfeier ausschließt, weil der arme Schlucker im Kreis der Arrivierten nicht gern gesehen ist. Jahre später wird jener Onkel an der Künstlergarderobe des längst Erfolgreichen anklopfen, um Verzeihung bitten, bis auch bei Jürgens Tränen der Rührung fließen.
Große Gefühle, Pathos gar, hat Jürgens nie gescheut. Wenn er auf der Bühne steht, sollen sie da unten im Parkett sehen, wie ihm der Schweiß in den Nacken rinnt. Sie sollen spüren, dass er alles gibt, selbst nach der x-ten Zugabe, bereits im weißen Bademantel, zurück auf die Bühne drängt. Nie wird er zulassen, dass Routine die künstlerische Leidenschaft lähmt.
Es gibt eine Schlüssel-Szene in der ARD-Dokumentation, eine dieser Situationen, die jeder Künstler kennt. Jürgens und seine Band treten bei einem Unternehmer auf, aber der Funke springt nicht über, das Publikum bleibt teilnahmslos. Aber ein Udo Jürgens gibt nicht auf. Er kämpft. „Ich kann ohne Applaus leben, aber nicht, wenn ich auf der Bühne stehe.“ Zum Schluss des Konzerts werden sie tanzen und mitsingen, er wird alle mitreißen und wie immer triumphieren.
Diesen Herbst geht der 80-jährige auf Tournee, von Abschied ist nicht die Rede. Warum auch: Seine Konzerte feiern die Sehnsucht nach dem Leben – eine Melodie, die noch lange nicht verklungen ist.    Harriet Richter


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Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
3.10.2014, 21:12 Uhr

Mit 80 Jahren wird man kaum noch etwas reißen, auch wenn "mit 66 Jahren fängt das Leben an"das Motto ist. Ein wenig spät, wie es scheinen will. aber nicht zu spät für die Erkenntnis: "Aufhören zum richtigen Zeitpunkt." Mir will scheinen, der liebe Udo will nicht loslassen können, von der öffentlichen Anerkennung. Zu süß schmeckt der Erfolg, zu sehr wird das eigene künstlerische Ego gestreichelt. Aber Vorsicht, denn wer sich zu spät verabschiedet, den bestraft das Leben. Die öffentlichen Medien kennen keine Gnade und schlachten Misserfolge gelegentlich mit Genuss aus, wenn sie sich denn gut verkaufen lassen.
Wer sich noch immer als jugendlicher Teenager im Sattel halten will, den wirft der Gaul gelegentlich ab. Wollen wir es für Udo nicht hoffen, aber seine Bademantel-Offerte ist nun auch abgedroschen. Das Gekreische seiner Verehrerinnen ist inzwischen merklich stiller geworden. "Siebzehn Jahr, blondes Haar" ist schon eine Weile her. In Würde Abschied nehmen können. hat auch seine Berechtigung.


peter 789:
27.09.2014, 20:44 Uhr

wenn er sich zu politischen Themen zu Wort meldet ist er ein typischer linker, besserwisserischer Moralapostel: "Schäme mich für die Schweiz..."


Hans-Joachim Nehring:
21.09.2014, 14:37 Uhr

Gut, dass es zwei Barden mit dem Namen Udo in der Musikszene gibt.
Der Altrocker von der Waterkant wird mit seiner näselnden Stimme den Österreicher aus Kärnten gern bescheinigen: "Hinterm Horizont geht`s weiter." Merci, Udo! Das geht schon in Ordnung, auch wenn beide Künstler nicht gerade Klosterschüler waren. Sicher hat ihr Leben so manche Spuren hinterlassen, da hilft auch keine Schminke mehr. Ihre Lieder jedoch sind jung geblieben und haben so manchen Schlager überdauert.


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