Milliardenware Daten

Künstliche Intelligenz vernichtet Arbeitsplätze und Demokratie

26.04.16

Über die Erfolge der sozialen Netzwerke von Facebook und Google ist man bestens unterrichtet, jedoch nur andeutungsweise darüber, dass diese als Mischkonzerne aufgestellten Großmächte sich mittlerweile in einem Wettkampf der Entwicklung von digital gesteuerten Maschinen und Robotern befinden. Sie haben ihren Automaten das selbstständige Lernen beigebracht, das Denken und sogar das Fühlen. Die Schlüsseltechnologie dafür heißt Künstliche Intelligenz (KI). Schon jetzt ist unser Alltagsleben mehr davon beeinflusst, als man gemeinhin ahnt. Erstaunlich ist, dass nicht unsere Politiker, die es wissen müssen, sondern internationale Wissenschaftler öffentlich vor KI warnen. Der Physiker Stephen Hawking bezeichnet KI als die größte Gefahr für die Menschheit.
Auf der Basis umfassender Recherchen hat Kai Schlieter ein aufrüttelndes Buch mit dem Titel „Die Herrschaftsformel“ geschrieben, in dem er erklärt, „wie künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert“, so der Untertitel. Schlieter erläutert, auf welche Weise die Herrscher über die digitalen Medien und Technologien reich geworden sind, etwa durch unseren Kommunikationsdrang per Mobiltelefon und Mausklick sowie durch Werbung. Gezielt plazierte Werbung soll demnächst die gesamte Weltbevölkerung kaufsüchtig machen. Inzwischen bauen die Milliardäre aus dem Silicon Valley ihre Macht über Milliarden Menschen immer weiter aus, auch in Form politischer Einflussnahme.
Grundlage dieser Macht ist, dass unser aller Datenspuren im Internet der Rohstoff sind, den ihre Maschinen nutzen. Dementsprechend kostbar und begehrt ist dieser Rohstoff. Wir begreifen nun, warum die riesigen Datenmengen hoch gehandelt und weiterverkauft werden, zum Beispiel an Geheimdienste, die auch für Wirtschaftsspionage zuständig sind. Mit dem Aufstieg der Smartphones entstand ein neuer militärisch-industrieller Komplex mit einer Partnerschaft zwischen NSA, Apple, Google, Facebook und anderen. Es kam zur seltsamen Konstellation, dass Krebsforschung auf Basis von KI sowohl durch Google als auch von der NSA vorangetrieben wird.
Ideengeschichtlich ist die Erforschung Künstlicher Intelligenz ein Kind des Zweiten Weltkriegs, genauer: der Kybernetik. Von Anfang an kamen die Forschungsgelder vom Militär. Heute forscht das Militär weltweit mit Hochdruck an Kampfrobotern. Demnächst wird KI unser Leben entscheidend verändern. Selbststeuernde Autos und Schiffe sowie Pflegeroboter für den Einsatz in Pflegestationen sind bereits in der Testphase. Facebook entwickelt Drohnen, um das Internet – und damit die Überwachung? – in alle Welt zu bringen. Das alles ist nur scheinbar ein Selbstgänger, wie Schlieter bereits eingangs andeutet. In Wirklichkeit stehen die Firmen aus dem Silicon Valley für einen schon lange vorherrschenden Ökonomismus, der keine Loyalitäten kennt und für den Traditionen und die Demokratie nur Hindernisse beim globalen Kampf um Marktanteile darstellen. Zwar glaubt fast niemand mehr deren einseitigem Zweckoptimismus, doch die Politiker sind mit von der Partie bei diesem Spiel. Entweder sitzen sie auf der Zuschauerbank oder sie empfangen die Chefs dieser Spitzenkonzerne (oder deren Abgesandte) mit gebührendem Respekt, gleich hohen Staatsgästen.
Fest steht, dass die neuen Technologien Millionen von Arbeitsplätzen vernichten werden. Beim letzten Weltwirtschaftsforum in Davos stand KI im Mittelpunkt der Debatten der Eliten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Was verhandelt wurde, blieb geheim. Ein Riesenversäumnis, findet Schlieter, denn es sei Aufgabe der Politik, den Menschen nicht nur die Chancen durch KI zu erläutern, sondern sie auch über die Risiken aufzuklären. KI müsse zum Wohle aller genutzt werden.
Wenig beruhigend ist die Tatsache, dass sich das Spezialwissen zunehmend in den Köpfen einiger weniger, heiß umworbener Experten konzentriert. Sie treiben die Entwicklung der lernenden Systeme mit zunehmender Geschwindigkeit voran. Muss Künstliche Intelligenz staatlich beaufsichtigt werden wie Atomkraft, fragt Schlieter und fordert auch die Medien auf, sich endlich deutlicher zu positionieren. Möge sein Buch dazu beitragen. D. Jestrzemski

Kai Schlieter: „Die Herrschaftsformel. Wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert“, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2015, gebunden, 320 Seiten, 19,99 Euro


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Kommentare

Christian R.:
29.04.2016, 13:53 Uhr

Das was KI so bedenklich macht ist dasselbe was seine Stärke ausmacht: Je menschenähnlicher diese Intelligenz, desto ebenso unberechenbarer wird sie, genauso wie beim Menschen. Bislang sind Algorithmen ziemlich berechenbar weil sie in einem nur engen Kontext hochgradig deterministische Entscheidungen fällen. Ein Wesenszug der KI ist aber dass die autonom hochgradig kontextuelle Entscheidungen fällen werden. Dem Menschen werden immer mehr Befugnisse abgenommen, der Mensch verdummt.

Bislang hiess es ja immer Technologie würde hochgradig monotone Arbeitsplätze durch interessantere ersetzen. Woimmer sich das teilweise bewahrheitet haben mag, ist es aber neben der Reduzierung von Arbeitsplätzen dazu gekommen dass die verbleibenden Arbeitnehmer bei unwesentlich höherer Bezahlung viel mehr erledigen müssen, mit mehr Stress und höherer Einstiegsqualifikation, die zugleich ein Hindernis darstellt.

In den 60er Jahren hiess es gross-spurig dass Technologie uns die 20 Stunden Woche und jede Menge Freizeit ermöglichen werde. Dieses Versprechen bleibt uns Technolgie bislang schuldig. In Wahrheit wird noch immer Technologie immer mehr zum Selbstzweck ohne uns messbar glücklicher zu machen. KI wird den Menschen zunehmend entmündigen und Allmachts- und Überwachungs-phantasien ungeahnten Spielraum eröffnen.

Es ist kein Zufall dass Menschen in so manchen armen Gegenden der Welt mehr lächeln als bei uns. Die rasant voranschreitende Abhängigkeit von Komplexizität schafft innere Unsicherheit weil wir unbewusst erahnen dass das nicht mehr lange gut gehen kann und wir mehr und mehr unserer Autonomie beraubt werden.

Und wie man bei Facebook & Co sieht, sind soziale Netzwerke eine noch grössere süchtig machende Zeitverschwendung als das Fernsehen es je zu sein vermochte. Man schaue bloss auf die ganzen Smartphone-Zombies - "Smombies". Vielleicht ist auch dies das Ziel der Oberen: Gebt dem Volke möglichst viel Gelegenheit Unnützes zu tun und in immer neue Abhängigkeiten zu geraten, anstatt sich Gedanken zu machen. Letzteres könnte ja gefährlich für die Eliten sein.


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