Mit Wärme

14.03.12

Ostpreußen liegt längst nicht mehr fernab. In jüngster Zeit sind mehrere Bücher erschienen, etwa von Andreas Kossert oder Ulla Lachauer, die eine überaus freundliche Aufnahme auch bei einem größeren Publikum gefunden haben. Nun ist dieses mehr als 900 Seiten starke Buch des in Berlin und Bremen arbeitenden Historikers Hermann Pölking hinzugekommen, dem man, um es gleich zu sagen, eine möglichst weite Verbreitung wünscht, denn so intensiv, so „hautnah“ hat man Ostpreußen lange nicht erlebt.
Pölking nennt sein Buch im Untertitel „Biografie einer Provinz“. Und genau das macht den Unterschied gegenüber vielen anderen Titeln aus: Der Autor erzählt nicht nur spannend und außerordentlich kenntnisreich die fast 800-jährige Geschichte Ostpreußens, sondern wo immer möglich beginnt er mit persönlichen Zeugnissen, mit Erinnerungen und Augenzeugenberichten, um von hier aus auf das allgemeine Geschehen überzugehen. So wird die Erzählung ungemein plastisch und anschaulich; selbst die kleinsten Orte, fast jeder Fluss, jede Anhöhe, jeder Forst des Landes finden Erwähnung; für alle, die das Land (noch) kennen, dürfte diese Darstellungsweise mit einem Wiedererkennen verbunden sein.
Anders als viele historische Darstellungen macht Pölking den Leser zunächst mit Land und Leuten vertraut, informiert also über die hier lebenden Deutschen, Polen, Litauer, Masuren und − wer kennt sie noch? − Kuren (im Memelland). Auch bei den Flüssen dürften die meisten Deutschen nur noch Weichsel, Pregel und Memel kennen, nicht aber andere wie Passage, Alle, Rominte, Pissa, Lepone und Scheschuppe – die meisten spielten in vielen Kriegen als Auffang- oder Verteidigungslinien eine wichtige Rolle. Und wer weiß noch, dass nicht nur Hugenotten und Salzburger ins Land geholt wurden, sondern unter Friedrich dem Großen auch mehr als 10000 Siedler aus der Pfalz, aus Rheinhessen und Württemberg. Man könnte die Fülle der Details, die man hinzulernt, noch lange fortsetzen.
„Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt“ sagt Schiller über Wallenstein, und so ist es auch hier, etwa bei den ewigen Streitfragen, wer zuerst das Land besiedelte, wer wirklich Kultur brachte, nach welchen Kriterien ein Volk als Nation anzusehen sei. Gerade für Mittelalter und Neuzeit konzentriert sich der Autor auf das historische Geschehen, hält sich aber mit eindeutigen Festlegungen meist zurück. Mit Blick auf das Königliche Preußen im polnisch-litauischen Staat im 16. und 17. Jahrhundert resümiert er lediglich: „Deutsche und Polen geben auf diese Frage verschiedene Antworten.“
Etwa ein Drittel des Buches reicht für die ersten 500 Jahre ostpreußischer Geschichte, der größere Teil gilt den letzten beiden Jahrhunderten, weil einfach für sie viel mehr persönliche Zeugnisse und Aufzeichnungen zur Verfügung stehen. Mit Wärme zeichnet der Autor den Aufstieg Königsbergs nach, zeigt aber auch, dass Ostpreußen alles in allem ein agrarisch geprägtes Land geblieben ist. Das blühende Königsberg, das industriell geprägte Elbing, die zahlreichen schmucken Mittelstädte wie Allenstein, Insterburg oder Memel, prächtige Herrensitze konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die meisten Menschen ein hartes, entbehrungsreiches Leben war. Einmal mehr bestätigt sich der ambivalente Eindruck: Zum einen eine berückend schöne Landschaft aus Meer, Sand, Wäldern und Seen, die fast jeden in den Bann schlug, zum anderen aber auch − so sagt es der Autor − „unzumutbare Lebens- und Sozialverhältnisse“ oft bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges hinein, was ja die große Abwanderung nach Berlin und ins Ruhrgebiet zur Folge hatte.
Die letzten beiden Kapitel gelten dem Inferno von 1945 samt den Folgen von Vertreibung und Neustrukturierung des Landes. Pölking schließt mit einem versöhnenden Blick auf manchen erfolgreichen Neubeginn im Westen. Dass Ostpreußen in der Erinnerung nach wie vor lebendig ist, sei auch ein Verdienst „der in ihrer Landsmannschaft organisierten Ostpreußen und deren Nachbarn.“ Ein großes Buch, das lange nicht loslässt. Dirk Klose

Hermann Pölking: „Ostpreußen. Biografie einer Provinz“, be.bra Verlag, Berlin 2011, geb., 928 Seiten, 29,95 Euro.

Hermann Pölking


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