Mittel und Zweck

Wie man ein Volk hinters Licht führt, wieso wir immer wieder darauf hereinfallen, und weshalb Athen lieber nicht an alten Krediten rührt / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

20.03.15

Wie legt man eigentlich Völker aufs Kreuz? Wie lockt man sie so abgefeimt in die Falle, dass sie den Betrug erst bemerken, wenn die Klappe hinter ihnen schon vor Jahren zugeschlagen ist?
Darüber haben sich Generationen ebenso kluger wie abgefeimter Demagogen, Ideologen und Macht-Alchimisten den Kopf zerbrochen, bis sie eine ideale Lösung fanden, die eigentlich ganz einfach ist.
Es ist ja so: Wie alles im Leben besteht auch Politik aus Mittel und Zweck. Die Mittel werden eingesetzt, wenn nötig auch verschlissen, um den hehren Zweck zu erreichen. Jetzt kommt der Trick: Um die Völker hinters Licht zu führen, musst du Mittel und Zweck vertauschen.
Wie ich das meine? Nehmen wir zum Beispiel den Sozialismus, das wohl durchtriebenste und daher langjährigste Betrugssystem der Menschheitsgeschichte.
Die roten Heilsbringer traten einst auf mit einem tollen Versprechen: Der „real existierende“ Sozialismus werde der unterjochten und ausgebeuteten Mehrheit im Volk, die aus Arbeitern und Bauern bestand, endlich Freiheit und Wohlstand bringen. Heißt: Der Sozialismus ist das Mittel, Freiheit und Wohlstand für die Massen das Ziel, zu dessen Erreichen sich nicht wenige revolutionäre Kämpfer heroisch verschleißen würden.
War der Sieg aber errungen, bemerkten die Leute bald, dass von Wohlstand für die Massen gar keine Rede sein konnte, stattdessen überall immer mehr Mangel. Und die versprochene Freiheit? Vor der postierte sich die allgegenwärtige Geheimpolizei. Wer was Falsches sagte oder gar schrieb, verschwand im Dunkeln.
Ja, sagten da die Kommunisten, das ist natürlich alles sehr misslich, aber zur Erhaltung des Sozialismus müsse eben jeder Opfer bringen – und „Freiheit“? Die könnten wir nicht riskieren, weil sie von „Provokateuren“ und „Agenten der Konterrevolution“ missbraucht würde, um den Sozialismus zu untergraben!
Da haben Sie’s: Plötzlich war der Sozialismus der Zweck, nicht mehr das Mittel. Freiheit und Wohlstand der Massen dagegen nicht mehr der Zweck, sondern die Mittel, die man drangeben müsse, um diesem Zweck zu dienen.
Die Nationalsozialisten trieben es genauso. Anfangs versprachen sie, der NS sei das Mittel, mit dem der Zweck, die Wohlfahrt Deutschlands, erreicht würde. Als es dann eng wurde für den „Führer“, befahl der große Adolf, dass ganz Deutschland zu opfern sei im Kampf für seine gruselige Ideologie. Deutschland war jetzt das Mittel, der NS der Zweck, für den das Mittel ruhig verschlissen werden durfte.
Die gleiche Finte findet sich bei windigen (pseudo-) religiösen Sekten. Am Anfang wird den armen Seelen ein besseres Leben und „Erleuchtung“ versprochen. In Wahrheit finden sie sich in einem lausigen Sklavendasein wieder, das von Finsternis statt von Licht geprägt ist. Wieder die Umkehr: Nun ist die Sekte der Zweck, für welches das Glück der Menschen als Mittel drangegeben wird.
Gut, das ist ja eine schöne Erkenntnis, aber benötigen wir die denn heute noch? In die Sekten geht kaum einer und nach den Erfahrungen der apokalyptischen Verbrechen von Braunen und Roten sind wir doch um einiges klüger, so dass wir nie und nimmer mehr auf so etwas hereinfielen.
Wirklich? Dazu eine kleine Geschichte, sie ist kaum mehr als 20 Jahre alt. Damals strichen wichtige Leute durch die Länder Europas und verhießen uns großes Glück. Sie hätten das Mittel gefunden, mit dem wir das Gemeinschaftsbewusstsein der Europäer noch viel stärker machen könnten und dazu den Wohlstand der EU auf bislang nicht geahnte Höhen heben würden: eine große gemeinsame Währung für alle namens Euro.
Also, kurz ausgedrückt in unserer Gleichung: Zweck – gestärktes Gemeinschaftsbewusstsein der Europäer und mehr Wohlstand, Mittel – der Euro.
Jetzt schauen Sie sich das Projekt mal in seiner gegenwärtigen Verfassung an und horchen Sie, was uns die Mächtigen dieser Tage dazu predigen.
Von mehr Wohlstand ist nun wirklich nichts zu sehen. Im Süden sind die Leute, vor allem die jungen, millionenfach arbeitslos geworden, im Norden verlieren die Bürger durch den Euro-bedingten Nullzins ihre Ersparnisse. Das „gestärkte Gemeinschaftsbewusstsein“? Im Gegenteil, überall Streit, Missgunst, wenn nicht gar Hass wegen des Euro und seiner Erhaltungsinstrumente.
Was war die zweite Frage nochmal? Ach richtig: Und was predigen uns die Politiker heute? Ja, da wird es wirklich witzig: Für die Erhaltung des Euro müss­ten wir eben alle Opfer bringen, wir Deutsche ebenso wie die armen Leute im Süden des Währungsgebiets. Man sollte an das Gemeinschaftsbewusstsein der Europäer appellieren, damit sie die Mühen auf sich nehmen.
Wir sehen wieder dieselbe freche Masche wie bei den Politverführern und Sektenheinis. Das angebliche Mittel, der Euro, wird zum Zweck erhoben, der vermeintliche Zweck, Wohlstand und Gemeinschaftsbewusstsein der Europäer, wird als Mittel in Stellung gebracht, um diesem Zweck zu dienen. Dabei geht der Verschleiß der Mittel im Kampf für den Zweck munter voran.
Insbesondere mit unseren griechischen Ex-Freunden liegen wir uns heftig in den Haaren. Da ist jedes „europäische Gemeinschaftsbewusstein“ längst beim Teufel.
Sie wollen nur Geld, Geld, Geld, und suchen ständig nach Wegen, uns zu erpressen. Da war es eine Freude für die Griechen, als sie auf ihrem Dachboden auf alte Reparationsforderungen stießen. Bedauerlicherweise aber war da ein Abkommen zwischen Bonn und Athen von 1960 sowie der Zwei-plus-Vier-Vertrag drangetackert, welche die alte Forderung für obsolet erklären. Schade.
Überhaupt fragen sich die Deutschen, warum kein Grieche in derselben Angelegenheit mal in Sofia oder Rom klingelt? Es war ja so: Zunächst waren die Italiener in Hellas einmarschiert. Erst als Mussolinis Operetten-Armee vom kleinen griechischen Gegner eins übergezogen bekam und davonrannte, griff die Wehrmacht ein. Sofia war mit von der Partie und bekam sogar ein prächtiges Stück griechischen Bodens ab, wo die Bulgaren nicht eben den feinen Herren raushängen ließen. Egal: Gefordert wird immer nur von Deutschland. Was sollen wir dazu sagen? Sehr einfach: Ihr könnt uns mal!
Daneben entdeckte Athens Finanzmittelfinger Varoufakis aber noch etwas anderes, nämlich einen Kredit aus dem Zweiten Weltkrieg, den Deutschland bis heute nicht zurückbezahlt habe, was nun aber langsam Zeit werde.
Hätte er noch ein bisschen tiefer in der alten Truhe gewühlt, wäre ihm indes ein weiteres verstaubtes Dokument in die Hände gefallen: die Quittung über einen Millionenkredit aus Bayern, den König Ludwig in den 1830er Jahren den Griechen gewährte – und der ebenfalls bis heute nicht beglichen ist. Autsch! Wenn ein gut 70 Jahre altes Millionendarlehen heute nach Verzinsung in die Milliarden geht, wohin hat sich dann ein Millionendarlehen entwickelt, das fast 200 Jahre zählt?
Ludwig hatte versucht, die bayerischen Steuerzahler für den Kreditausfall bluten zu lassen. Aber der Landtag des Königreichs Bayern ist nicht der Deutsche Bundestag. Die Volksvertreter pfiffen ihm eins, er musste mit seinem Privatvermögen einspringen und ging pleite.
Der Bayern-Kredit war eigentlich nur als Notüberbrückung gedacht, weil Russland, Frankreich und Großbritannien ihre Versprechen nicht hielten, den Griechen viel Geld zu leihen. Sie waren dahintergekommen, dass die Moneten sowieso nur versickern. Danach stand der König mit seiner Forderung splitternackt im Wind.
Wie sich die Dinge gleichen, nicht wahr? Es ist wie mit der Mittel-Zweck-Umkehrung: Wir fallen immer wieder auf dieselbe Schliche herein.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Arnold Schacht:
22.03.2015, 19:46 Uhr

Schöne Theorie ümer Mittel und Zweck.

Nur eine Ideologie haben sie nicht genannt: Den Neoliberalismus. Behauptete er zuerst, Steuersenkungen für Reiche würden nach der "Trickle Down"-Theorie bis unten durchsickern und somit auch den Ärmeren was bringen, heißt es nun, da das nicht passiert ist, die Armen müßten halt Opfer bringen für den Markt.


peter 789:
20.03.2015, 21:11 Uhr

Danke Hr. Heckel für die Aufdeckung dieser sensationellen und erschreckenden Parallelen!


Björn B:
20.03.2015, 12:32 Uhr

Vielen Dank Herr Heckel, ein absolut gelungener "Wochenrückblick", wie immer! Wenigstens darauf können wir uns jede Woche verlassen!


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!