Mozart auf der Reise nach Berlin

Hoffen auf Aufträge – Zwei Jahre vor seinem Tod besuchte Mozart den Preußenkönig Friedrich Wilhelm II.

19.04.19
„Hier wohnte Mozart“: Haus am Bassinplatz in Potsdam Bild: S. Friedrich

Vom Dichter Eduard Mörike stammt die Erzählung „Mozart auf der Reise nach Prag“. Dabei ist auch Mozarts Reise nach Berlin und Potsdam vor 230 Jahren eine eigene Erzählung wert. Am Morgen des 8. April 1789 fuhr er von Wien aus über Prag, Dresden und Leipzig nach Berlin, wo er Fried­rich Wilhelm II. treffen wollte. Den traf er aber erst in Sanssouci an. In Potsdam erinnert ein Haus am Bassinplatz 10 daran, dass Mozart dort gewohnt haben soll.

„... und ich muß hier auf eigene Kosten zehren“, schrieb Mozart im Frühjahr 1789 aus der Stadt in Brandenburg an seine Frau Con­stanze. Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus (lat. Amadeus) Mozart hatte sich zwei Jahre vor seinem Tod auf eine Reise in den Norden begeben. Er fuhr mit seinem Freund und Schüler, dem Fürsten Karl Lichnowsky. Dieser musste sowieso nach Berlin und bat seinen Lehrer, ihn zu begleiten.
Dem ewig von Geldsorgen gebeutelten Komponisten war längst bekannt, dass Preußens König ein Musikliebhaber war, ja selbst ein guter Cello-Spieler. Auch wusste Mozart, dass Fried­rich Wilhelm II., der Nachfolger Friedrichs des Großen, sich des Öfteren lobend über den „Compositeur“ aus der Kaiserstadt ge­äußert hatte. Zudem saß dem jetzigen König auf Preußens Thron der Geldbeutel recht locker, zumindest im Hinblick auf begabte Musiker.
Nach beschwerlicher Fahrt wa­ren die Reisenden im April 1789 in Berlin eingetroffen. Da „Kö­nigs“ nicht zu Hause weilten, sondern sich in ihren Schlössern in Potsdam tummelten, setzte sich die Kutsche unverzüglich in diese Richtung in Bewegung. Mozart, der „sich beym Einpaßieren für einen Capell-Meister aus Wien angegeben hat“, wurde dem Herrscher vorgestellt, natürlich erst nach einem Tag des Wartens. Er durfte vorspielen. Was Seine Majestät dazu zu sagen geruhten, ist nicht überliefert.
Fest steht, dass Mozart beauftragt wurde, für die Prinzessin Friederike von Preußen sechs leichtere Klaviersonaten zu komponieren. Warum von diesen Sonaten später nur eine entstanden ist, seine letzte Klaviersonate im Juli 1789 in D-Dur, Köchelverzeichnis 576, ist nicht ganz klar. Ungewiss ist ebenfalls, ob der gebürtige Salzburger auch hier eine „Ironie des Überlegenen“ zeigt, wie es Wolfgang Hildesheimer in seiner Mozart-Biografie zum Ausdruck bringt. Nach Meinung des Schriftstellers und Biografen vergaß das Genie bei seinen Kompositionen nämlich sehr häufig den Zweck und den Empfänger. So wäre bei der geforderten, aber keineswegs leichten Klaviersonate die preußische Prinzessin wohl daran gescheitert, die Sechzehntel-Läufe des Allegretto mit der linken Hand so zu spielen, wie sie zu spielen seien.
Selbstbewusst behauptet die Tafel über der Eingangstür am Bassinplatz 10 in Potsdam, dass Mozart dort gewohnt habe. Aber, hat er wirklich dort seine Unterkunft gehabt? Hat er die Klinke, die durchaus noch aus der Zeit der Französischen Revolution stammen könnte, tatsächlich mehrmals heruntergedrückt, um hinein- und hinauszugehen?
Beim angegebenen Wohnort des großen Komponisten soll es sich um einen historischen Irrtum handeln. Andere wiederum be­haupten, dass die Informationen über Mozarts Logis sicher seien. Er habe bei einem Bekannten aus Pariser Tagen, dem Waldhornisten Karl Türrschmidt, im Holländischen Viertel am Bassinplatz ge­wohnt und als gerngesehener Gast in den Häusern namhafter Künstler verkehrte. Aber wo? Am Bassinplatz? Und wenn ja, war es dort das Haus Nummer 10? Wir werden es möglicherweise nie erfahren.
Sicher ist, dass Mozarts Hoffnungen finanzieller Art sich nicht erfüllten. Anfang Mai des Jahres befand er sich wieder in Leipzig und gab ein Konzert im Gewandhaus. Am 19. Mai kehrte er allein nach Berlin zurück. An diesem Tag wurde im Nationaltheater am Gendarmenmarkt sein Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ aufgeführt. Unerkannt schlich sich Mozart in die Vorstellung. Der ebenfalls anwesende Dichter Johann Ludwig Tieck erblickte einen ihm unbekannten kleinen Mann: „rasch, beweglich und blöden Auges, eine unansehnliche Figur im grauen Überrock“. Nach einer Zeit des Zuhörens ließ diese optisch so unattraktive Erscheinung es sich nicht nehmen, die Streicher des Orchesters lautstark anzublaffen: „Verflucht! Wolt’s Ihr D greifen!“ Nun erkannt, holte man ihn auf die Bühne.
Am 26. Mai durfte das Genie, das wegen seiner überdimensionierten Nase von einer damaligen Zeitung einmal als „enorm benaster Mozart“ bezeichnet wurde, noch ein Konzert bei Hofe geben. Doch damit endete sein Berlin-Potsdamer Intermezzo.
Akribisch festgehalten hat er Anzahl und Daten der abgesandten Briefe an sein „theuerstes Weibchen“: am 28. April und 5. Mai von Potsdam; 19., 20., 22., und 23. Mai von Berlin. Sind die Potsdamer Briefe am Bassinplatz 10 geschrieben worden? Eine gewisse Ehrfurcht bleibt, wenn man vor dem Gebäude steht und der Phantasie freien Lauf lässt: „Hier wohnte Mozart im Frühjahr 1789.“     Silvia Friedrich


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