Neulich auf der Post: Wenn aus Demut Wut wird

Eine Glosse von Jürgen Rath

27.12.18
Wie in uralten Zeiten: Viele Postler behandeln die Bürger noch immer nicht wie Kunden, sondern wie Untertanen Bild: Ullstein

Ich war auf Dienstreise in Berlin, im östlichen Teil der Stadt. Ich hatte am vorhergehenden Abend einige liebevolle Zeilen an meine Frau geschrieben, jetzt wollte ich eine Ansichtskarte vom Alexanderplatz beilegen. Doch die Andenkenläden hatten noch nicht geöffnet, also erst einmal zur Post.
Ich wartete. In der Schlange. Auf dem Postamt. Seit sich der Sozialismus aus Deutschland verabschiedet hat, ist die Post ja die einzige Institution, bei der man noch einen Teil seiner Lebenszeit in der Schlange verbringen kann. Merkwürdig, dachte ich, was sich hier so alles am frühen Morgen einfindet: junge Leute, alte Leute, Männer im Bürodress, Mütter mit ihrem Nachwuchs auf dem Weg zum Kindergarten. Und in der Mehrzahl natürlich diejenigen, die ihre bestellten Waren – aus welchen Gründen auch immer – an Zalando zurück­schicken wollten. Also alles Leute, die die gleiche kluge Idee hatten wie ich.
Wir rückten langsam, sehr langsam vorwärts. Von hinten zog mir der Geruch von Coffee to go in die Nase, da waren Profis in der Schlange. Immerhin gehörte ich mit den vor mir Wartenden zur privilegierten Spitze, wir schauten bereits aus dem Meer der Trübnis heraus. Die anderen 90 Prozent potenziellen Postkunden hatten sich bereits an der Tür angeekelt mit den Worten „Internet“ und „E-Mail“ abgewendet.
Schließlich stand ich ganz vorne und fixierte mit angespannter Aufmerksamkeit die Reihe der Postbeamten. In diesem DHL-Shop waren die Schalter in einem unvollständigen Halbkreis angeordnet, was wohl modern und weltoffen wirken soll, doch leider ist diese Anordnung extrem kundenunfreundlich. Eigentlich ist sie nur beamtenfreundlich. Die Postler hinter den Schaltern haben von jeder Position aus die Schlange der Wartenden voll unter Kontrolle, während der Kunde hochkonzentriert seinen Kopf wie eine Wetterfahne drehen und wenden muss, um einen freigewordenen Schalter zu registrieren. Wer nicht schnell genug reagiert, dem wird mit einem lauten „Der Nächste, bitte“ Beine gemacht. Auf diesem Postamt klang das eher wie auf dem Kasernenhof: „Na,  wird’s bald!“
Ich wollte nicht viel von der Post. Ich wollte nur, dass der Umschlag mit meinem Brief gewogen wird, wollte nur, dass mir der Beamte sagt, ob ich noch eine Ansichtskarte dazupacken kann und dass er mir eine dem zukünftigen Gesamtgewicht entsprechende Briefmarke verkauft.
„Der Nächste, bitte!“, schnarrte eine Stimme.
„Ich möchte eine Marke. Was kostet dieser Brief?“
Der Beamte schaute auf die Adresse. Er wog den Brief, er prüfte die Größe, er teilte mir das Ergebnis mit: 70 Cent.
Ich zückte das Geld, die Hände des Beamten schwebten über der Tastatur, plötzlich zuckte er zurück, seine schnarrende Stimme empörte sich. „Dieser Umschlag ist geöffnet!“
Ich erklärte ihm die Besonderheit der Sachlage. Der Beamte schob das Couvert mit spitzen Fingern zu mir hin, als würde er eine Briefbombe vermuten.
„Einzelmarken bekommen Sie am Automaten.“
„Der Automat ist defekt.“
„Einzelmarken bekommen Sie am Schalter 5.“
Am Schalter 5 wartete seit einer halben Stunde ein Kunde auf seinen Handy-Vertrag. Der Beamte an Schalter 5 hing seit genau der gleichen Zeitdauer am Telefon. Beide, der Kunde und er, schauten gespannt aus dem Fenster, als könnten sie den Postillion mit der Pin-Nummer auf den Ätherwellen heranreiten sehen. Es ritt aber nichts. Die Kommunikation zwischen der gelben Post und der Telekom scheint nicht besser geworden zu sein, seit sich die beiden Unternehmensteile getrennt haben.
„Der Nächste, bitte!“, schnarrte die Stimme an meinem Schalter.
Während ich noch darüber nachdachte, ob ich mich wieder hinten in die Schlange stellen musste oder ob ich – den Diskretionsabstand ignorierend – direkt zu Schalter 5 hinüberwechseln durfte, drängte eine ältere Dame an mir vorbei.
„Ich möchte diesen Brief verschicken.“
„Einzelmarken bekommen Sie am Automaten.“
„Der Automat ist defekt.“
„Ach?“
Wie durch Zauberhand spuckte der Computer einen kleinen, bedruckten, selbstklebenden Zettel aus, der frankierte Brief verschwand im Postsack. Meine Demut schlug in Wagemut um.
„Warum hat diese Dame eine Briefmarke bekommen und ich nicht?“
„Einzelmarken gibt es an Schalter 5.“
Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme anschwoll. „Ich brauche keine bunte Briefmarke. Mir reicht so ein Aufkleber!“ Die Schlange hinter mir wurde zum Tausendfüßler, der jetzt mit allen Füßen gleichzeitig scharrte.
„Ich kann Ihren Brief nicht frankieren.“
„Warum nicht?“
„Weil er nicht verschlossen ist.“
Diese Antwort machte mich für einen Moment sprachlos. War das eine besondere, mir unbekannte Logik: die Postlogik? Meine war es jedenfalls nicht.
„Wenn ich zum Automaten ginge, wäre der Brief auch nicht verschlossen. Verschließen kann ich ihn selbst. Ich will eine Briefmarke!“
„Einzelmarken bekommen Sie an Schalter 5…“, dort hatte man sich inzwischen gemütlich eingerichtet,  „... oder am Automaten.“
„Der Automat ist kaputt!“
„Ach? – Der Nächste, bitte.“
Aus Wagemut wurde Wut.
„Eine Frage noch...“
Hochgezogene Augenbrauen, irritierter Blick.
„Wo, bitte, ist der nächste private Postdienst?“
„Ham wa hier nüscht.“
Ha, erwischt! Wusste ich’s doch, die ganze Zeit schon: Hier war immer noch DDR.


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Kommentare

Patricia Steinkirchner:
7.01.2019, 21:57 Uhr

Das kenne ich - da muss man gar nicht in Berlin bzw. in der ehemaligen DDR leben, es reicht Oberfranken. Wir leben seit 30 Jahren in einer Kleinstadt hier und waren in der Post persönlich bekannt, trotzdem wurde mir ein Päckchen für meinen Mann im Krankenhaus nicht ausgehändigt, erst mit seiner schriftlichen Genehmigung ...


Gerd Bonin:
27.12.2018, 13:28 Uhr

Dazu passende Geschichte. Vor 3 Wochen wollte ich in der Post DHL Fredersdorf ein einschreiben abholen. Ich bekam dies nicht, da in meinem Ausweis meine Heimatanschrift CSassnitz), nicht mit der Empfängeranschrift Fredersdorf, ich bin zurzeit dort auf Montage, übereinstimmt. Telefonische Beschwerde von mir an DHL, meine Reklamation wird weitergeleitet und ja stimmt es muss nur ein Ausweis mit Lichtbild vorliegen, den hatte ich. 7 Tage wurde mir das Einschreiben verweigert. Täglich Anrufe von mir an Beschwerdestelle, E-Mail, Brief. Ergebnis, Einschreiben zurückgeschickt, bis heute noch keine Ergebnis aus der Beschwerde. Da merkte ich, Fredersdorf liegt in der ehemaligen DDR, dort konnten die Mitarbeiter wahrscheinlich nicht die Web Seiten DHL lesen auf denen steht, welches Dokument man benötigt, um ein Einschreiben abzuholen. Bis heute kann ich dort keine Einschreiben empfangen. Arme Post, was ist aus dir geworden. Bahn, Post und Bundeswehr ich sehe schon, wir brauchen euch nicht mehr (ihr uns als Kunden sowieso schon nicht).


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