Nicht nur Glanz und Gloria

Alte Briefe von Amerika-Auswanderern dokumentieren Alltagsleben

17.04.13

„Im wahrsten Sinne des Wortes haben wir im Schweiß unseres Angesichts unser Brot gegessen. Wenn unsere Kraft zuweilen erlahmte, trieb der Gedanke ‚Es gibt keine Hilfe, du musst vorwärts!‘ zu immer neuen Anstrengungen und gab uns die Kraft wieder“, schrieb die aus der Gegend von Kattowitz stammende Julie Hanke (1813–1902), eine ehemalige Emigrantin, nachdem sie 1870 verwitwet aus Amerika zurückgekehrt war. Ganz anders klangen Berichte, die seit den 1830er Jahren in Deutschland kursierten und in denen ein Loblied auf das Land der Freiheit und Unabhängigkeit jenseits des Atlantiks gesungen wurde, in dem jeder angeblich leicht und mit geringen Mitteln ein sorgenfreies Leben führen könne. Rund fünf Millionen Deutsche brachen im 19. Jahrhundert nach Übersee auf, die meisten aus ökonomischen Gründen, ein kleiner Teil aufgrund politischer Verfolgung. Meistens hielten die Ausgewanderten noch über längere Zeit brieflichen Kontakt mit Verwandten und Freunden in ihrer alten Heimat. Ihre Briefe und Berichte lesen wir heute mit Faszination, sie zeugen von harter Arbeit und zähem Durchhaltewillen trotz häufiger Rückschläge.
Die in Berlin und Tübingen lebende Journalistin und Dozentin Liane von Droste fand durch ein Seminar im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven Interesse an dem Thema. Im Rahmen eines Uni-Projekts sammelte und erschloss sie gemeinsam mit Studenten überlieferte Lebenszeugnisse von deutschen Auswanderern. Zunächst wurden Kontakte zu Privatpersonen im In- und Ausland geknüpft, die über einen derartigen Nachlassschatz verfügen. Auf dieser Grundlage gelang es Liane von Droste, vier Biografien deutscher Amerika-Auswanderer zu rekonstruieren. Die drei Männer und eine Frau stammten aus Schlesien, Marburg und dem Kreis Tübingen. Sie verließen Deutschland im Zeitraum von 1848 bis 1857. Ihre Schicksale hat von Droste zu einer fesselnden Dokumentation zusammengefasst, die den Titel trägt: „Dazwischen der Ozean. Biografien, Erinnerungen und Briefe von Deutschen in Amerika nach 1848“. Das reichhaltige Bildmaterial trägt zur Anschaulichkeit der anregenden Lektüre bei. Ein doppelseitiges Panoramabild „New York 1850“ mit Sicht über den Hudson zeigt Schiffe vor der Silhouette der Weltstadt. Nach der anstrengenden siebenwöchigen Schiffsreise bot sich damals den Auswanderern dieser grandiose Anblick und löste bei ihnen stets Jubel aus.        
Erstaunlich ist die hohe Rate an Rückkehrern: Drei der vier Auswanderer, deren Biografien durch Zufall überliefert und hier dokumentiert sind, gaben auf und kehrten in ihre alte Heimat zurück. Der Ingenieur Gustav Lenz aus Tübingen war höchstwahrscheinlich an der 1848er Märzrevolution in Südwestdeutschland beteiligt gewesen. Im Mai 1848 reiste der 21-Jährige im unbequemen Zwischendeck eines Auswanderer-Segelschiffs von Antwerpen nach New York. 1851 kündigte er seiner Mutter in Tübingen an, dass er zurückkehren werde, sobald sich in Deutschland das „dunkle Gewölke“ vom „politischen Himmel“ verzogen habe. Da er sehr hart arbeitete, ohne eine echte Aufstiegschance für sich zu erkennen, war er wenig motiviert, „lange den Capitalisten meine Kräfte anzubieten“. Drei Jahre später kehrte er gemütskrank heim und lebte wieder bei seiner Mutter.
Julie Hanke aus Schlesien erwähnte in ihren Amerika-Erinnerungen, dass sie mit ihrer 24-jährigen Tochter Anna nach „22-jähriger Wanderung im fernen Welttheil“ auf Bitten von Verwandten zurückgekommen sei, obwohl beide zuletzt recht beschaulich auf einer kleinen Farm in Texas gelebt hatten. Julie Hankes Schilderung der dramatischen Lebenswanderung ihrer Familie von New York nach Texas, Nicaragua und wieder nach Texas lesen wir mit Spannung und Anteilnahme. 
 Dagmar Jestrzemski

Liane von Droste: „Dazwischen der Ozean. Biografien, Erinnerungen und Briefe von Deutschen in Amerika nach 1848“, edition steinlach, Glienicke 2013, broschiert, 248 Seiten, 19,90 Euro

Liane von Droste


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