Nicht nur Hubertus Heil widerspricht

Mit der »Normalität« sieht der Buchautor und Journalist Daniel Goffart den Mittelstand erodieren

16.04.19
Bei der Präsentation von Daniel Goffarts Buch „Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“: Der Buchautor sowie der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil (von links) Bild: pa

Daniel Goffart hat mit der Präsentation seines Werks „Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“ eine Dis­kussion über den wirtschaftlichen Wandel ausgelöst. Mehrere Studien zu dem Themenkomplex widersprechen sich.
 
Die einheitliche Mittelschicht auf sicherem Boden sieht Daniel Goffart am Ende. Mieten und Immobilienpreise seien explodiert. Gesunken seien die Kaufkraft und die Fähigkeit, Vermögen anzusammeln. „Viele strampeln sich ab wie im Hamsterrad“, so Goffart. Hinzu komme nun die Digitalisierung.
Zur Mitte zählen Experten alle, deren Einkünfte um das mittlere Einkommen der Gesellschaft liegen – nämlich bei 80 bis 150 Prozent dieses Medians. Das waren 2015 für einen Single 1440 bis 2710 Euro netto im Monat. Fast jeder Zweite gehört demnach zur Mittelschicht – 47,5 Prozent der Bevölkerung. 32,9 Prozent liegen darunter, 19,5 Prozent darüber.
Korrespondierend mit dem Mittelstand sieht Goffart die „Normalität“ erodieren. „Die ,Normalität‘ ist das Fundament des Mittelstands, doch diese Normalität bröckelt“, schreibt er in seinem Buch: „Zu verschwinden drohen die Normalarbeitsverhältnisse, die Normalbürger, die Normalbiografien, der Normalarbeitstag und der als ,Otto Normalbürger‘ bezeichnete Durchschnittskonsument.“ Goffart glaubt, dass den Menschen in Deutschland nicht die ganze Wahrheit gesagt werde. „Sie vermuten völlig zu Recht, dass Politiker und Wirtschaftsführer uns über das wirkliche Ausmaß dieser angekündigten Zerstörung bewusst im Unklaren lassen“, schreibt er in seinem Buch.
Deutschlands größtem Wirtschaftsforschungsinstitut zufolge, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Sitz in Berlin, haben heute deutlich weniger Menschen mittlere Einkommen als vor rund 20 Jahren. Die DIW-Forscher untersuchten, wer 77 bis 130 Prozent des mittleren Einkommens verdient – und stellten fest, dass diese Schicht von 48 Prozent Ende der 90er Jahre auf 41,4 in den Jahren 2014/15 geschrumpft ist.
Ein Schrumpfen der Mittelschicht konstatiert auch eine aktuelle Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (HBS). „Die Mittelschicht ist seit den 1990er-Jahren geschrumpft. Das ist eine Folge der auseinanderlaufenden Lohnentwicklung“, glaubt die Stiftung. Die Armut werde für immer mehr Menschen in Deutschland zu einer Art Dauerzustand. Lebten Anfang der 90er Jahre noch 3,1 Prozent der Bevölkerung in dauerhafter Armut, sind es laut der HBS-Studie aktuell schon 5,4 Prozent – eine Steigerung um 74 Prozent. Gut vier Millionen Menschen lebten und arbeiteten in Deutschland auf Dauer unter prekären Umständen, etwa Verkäufer in Billigschuhläden, Nachtpförtner oder alleinerziehende Krankenschwestern. Die Stabilität der Gesellschaft habe ihr Fundament im „Gründungsversprechen der deutschen Demokratie, dass sich jede und jeder kraft eigener Leistung, flankiert von sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen, einen Platz in der Mitte der Gesellschaft sichern kann“, betont die Stiftung die Bedeutung ihres Befundes.
Wie wichtig die Regierenden in Berlin die aktuelle Debatte nehmen, zeigt sich daran, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bei der Buchvorstellung anwesend war und dem Autor auffallend oft widersprach. Bei der Industrie 1.0 habe es einen in Trier gebürtigen Philosophen namens Karl Marx gegeben, der „auch das Ende der Mittelschicht propagiert hat“, erklärte der SPD-Politiker. „Er ist dann historisch widerlegt worden.“ Der Minister räumt zwar ein, dass er der Kassiererin im Supermarkt schon heute sagen könne, dass es ihren Job in einigen Jahren so wohl nicht mehr geben werde. Er sei sich aber sicher, dass die Arbeit so bald nicht ausgehe, die Arbeit mit hilfsbedürftigen Menschen schon gar nicht. „Die Arbeitsfelder werden sich verändern, aber die Arbeit wird bleiben und damit auch die Mittelschicht“, sagte der Minister und warnte vor „zu schlechter Stimmung“.
Laut einer Allensbach-Umfrage zur „Generation Mitte“ ist die Stimmung eher gut als schlecht. 42 Prozent der 30- bis 59-Jährigen ginge es heute nach eigenen Angaben besser als vor fünf Jahren, nur 18 Prozent schlechter. 21 Prozent rechnen mit weiteren Verbesserungen – sieben mit einer Verschlechterung.
Laut der Forscherin Judith Niehues vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sei die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes auf einem Tiefststand. „Auch die Sorgen um die wirtschaftliche Situation haben stark abgenommen und sind in der Mittelschicht auf einem niedrigen Stand“, so die Forscherin.
„Die Mittelschicht stellt weiterhin eindeutig die größte Bevölkerungsgruppe in Deutschland“, lautet Niehues’ Feststellung. „Im Zuge des ostdeutschen Aufholprozesses ist die Mittelschicht zunächst etwas größer geworden“, konstatiert sie, um die Jahrtausendwende habe der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung zwar abgenommen – zeitgleich mit einem Anstieg der Ungleichheit – aber seit 2005 „ist sie wieder relativ stabil“. Laut Niehues ist allerdings eine Differenzierung vonnöten. „Die gespaltene Mitte“ lautet denn auch der Titel ihrer diesbezüglichen Studie. So sei es nicht die Mittelschicht in ihrer Gesamtheit, die „sich durch vergleichsweise wenig Sorgen und einen optimistischen Blick in die Zukunft“ auszeichne, sondern die „größere Gruppe, die etwa zwei Drittel der Mittelschicht ausmacht“.    
    Peter Entinger


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