»Nur Afghanen besiegen Afghanen«

Auch die Russen mussten diese Erfahrung machen – Vor 30 Jahren begann ihr Einmarsch in das Nachbarland

20.12.09

„Afghanen sind nur durch Afghanen zu besiegen.“ Die Erfahrung, dass dieses alte Sprichwort unverändert gilt, musste schon manche Großmacht machen. Außer für die Briten gilt das auch für die Russen. Weihnachten 1979 begann ihr Afghanistankrieg, der nach zehn Jahren mit einer schweren Niederlage der UdSSR endete.

Schon ab dem Jahre 1839 versuchte Großbritannien, das durch Stammesstreitigkeiten und Teilungskriege zerrüttete Land gewaltsam seinem Kolonialreich einzuverleiben. Doch nach drei blutigen Kriegen musste das den halben Globus beherrschende Empire 1919 endgültig erkennen, dass es in Afghanistan nicht Fuß fassen konnte.
In den folgenden Jahrzehnten stürzten Machtkämpfe und Revolten die 1925 errichtete Monarchie immer wieder ins Chaos. Im Juli 1973 wurde König Mohammed Sahir Shah während eines Auslandsaufenthalts von seinem Schwager gestürzt, der die Republik ausrief und eine brutale Diktatur errichtete. Fünf Jahre später übernahm das Militär mit Unterstützung der links-islamistischen Opposition, die vom pakistanischen Exil aus agierte, gewaltsam die Macht. Der neue Machthaber, Nur Muhammed Taraki von der sowjetisch beeinflussten Demokratischen Volkspartei, rief die „Demokratische Republik Afghanistan“ aus und versuchte, das unterentwickelte Land durch Säkularisierung und eine radikale Bodenreform in einen modernen sozialistischen Staat umzuwandeln. Dabei stieß er jedoch auf den bewaffneten Widerstand der konservativ-islamistisch geprägten Kräfte wie die enteigneten Großgrundbesitzer und den muslimischen Klerus, die von China und den USA unterstützt wurden. Tariks entschiedenster Widersacher war Hafizullah Amin, dem es im September 1979 gelang, Taraki zu beseitigen. Hatte die Sowjet­union bislang aus außenpolitischen Gründen jede militärische Hilfe für das sozialistische Regime in Kabul abgelehnt, war sie jetzt zum gewaltsamen Eingreifen bereit.
Die Invasion begann in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 1979 mit dem Einsatz von Luftlandekräften, die strategisch wichtige Punkte in der Hauptstadt besetzten. Am 27. Dezember marschierten zwei Schützendivisionen und Panzerverbände in Afghanistan ein. Gleichzeitig erreichte eine sowjetische Spe­zi­al­einheit den Regierungspalast. Amin wurde kurzerhand liquidiert: Als ein vergiftetes Frühstück am 27. Dezember nicht wie gewünscht zum Tode führte, besorgten sowjetische Soldaten wenige Stunden später mit einer Handgranate den Rest.
Als neuer Staats- und Regierungschef wurde der sowjetfreundliche Babrak Karmal eingesetzt. Karmal erklärte, Amin sei US-Agent gewesen und die UdSSR leiste „brüderliche Hilfe“. Der Westen reagierte auf den Einmarsch mit Protesten, einem Weizen- und Ölembargo gegen die Sowjetunion und einem Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau.
Während Karmal darum bemüht war, deeskalierend auf die Bürgerkriegsparteien einzuwirken, versuchte das sowjetische Militär, die Regierungsautorität im Lande mit Gewalt wiederher­zu­stellen. Doch der Widerstand gegen Karmal und die Besatzungsmacht nahm rasch zu. Neben den Mujaheddin, die sich als islamische Glaubenskrieger im Heiligen Krieg betrachteten, lieferten sich islamistische und monarchistische Gruppierungen blutige Kämpfe mit den Invasoren. Diese Kreise waren untereinander zerstritten, und ihre Zusammenarbeit beschränkte sich auf den gemeinsamen Kampf gegen die kommunistische Herrschaft. Unterstützung erhielten sie durch die USA, Großbritannien, China und Pakistan, die ihnen Waffen und Ausrüstung lieferten.
Obwohl die Sowjetarmee mit 120000 Mann im Land stand und ihren Gegnern weit überlegen war, konnte sie deren Widerstand nicht brechen. Ähnlich wie die GIs im Vietnam-Krieg sahen sich die sowjetischen Soldaten einem Feind gegenüber, der das offene Gefecht vermied, hauptsächlich aus dem Hinterhalt zuschlug und anschließend in dem ihn begünstigenden Gelände verschwand oder in der Bevölkerung untertauchte. Zwar gelang es den Besatzern, einige Städte, Verkehrswege und Schlüsselpunkte in die Hand zu bekommen, die Kontrolle über die Fläche erlangten sie jedoch nie. Als sich daran auch nach zehn Jahren verlustreicher und von beiden Seiten mit grausamen Mitteln geführter Kämpfe nichts geändert hatte, sah die sowjetische Regierung ein, dass dieser asymmetrische Krieg nicht zu gewinnen war, und befahl den Truppenabzug. Am 15. Februar 1989 verließen die letzten sowjetischen Soldaten Afghanistan und überließen das Land sich selbst.
Aus dem folgenden Machtkampf ging schließlich die radikalislamisch-fundamentalistische, paschtunisch dominierte Bewegung der Taliban als Sieger hervor, die ein archaisches Regime errichtete. Lediglich in einem kleinen Landesteil im Nordosten behaupteten sich die in der „Nordallianz“ zusammengeschlossenen Taliban-Gegner. Die Gewaltherrschaft in Kabul rief immer wieder die Empörung der Weltöffentlichkeit hervor, doch zu einer militärischen Intervention kam es erst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Zu diesen Anschlägen hat sich in Video-Botschaften der seit Jahren von Afghanistan aus agierende saudi-arabische Millionär Osama Bin Laden bekannt. Nachdem die Taliban-Regierung eine Auslieferung Bin Ladens abgelehnt hatte, begannen die USA mit Unterstützung Großbritanniens Anfang Oktober 2001 mit Luftschlägen gegen Afghanistan. Gleichzeitig unterstützten die USA und ihre in einer „Allianz gegen den Terror“ zusammengeschlossenen Verbündeten die Gegner der Taliban. Am 13. November waren Kabul und die Taliban-Hochburg Kandahar in der Hand der Nordallianz. Das Taliban-Regime war beseitigt.
Seitdem versucht die Nato mit 190000 Soldaten und Sicherheitskräften, im UN-Auftrag das Land durch gewaltsames Vorgehen gegen die Taliban und ihre Unterstützer zu befrieden und gleichzeitig durch Schaffung staatlicher Strukturen und Aufbauhilfe zu stabilisieren. Doch auch acht Jahre nach Beginn des Einsatzes gibt es kaum Erfolge. Die Koalitionstruppen stehen in einem latent eskalierenden asymmetrischen Krieg, in den auch die 4500 in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten trotz ihres reinen Stabilisierungsauftrages zunehmend hineingezogen werden. Bombenanschläge, Selbstmordattentate und Hinterhalte fordern fast täglich Opfer. Die Macht des der Korruption und des Wahlbetrugs überführten Präsidenten Hamid Karsai reicht kaum über Kabul hinaus; weite Teile des Landes werden von Stammesfürsten, „Warlords“ und Kriegsgewinnlern beherrscht. Wann und wie dieses Trauerspiel endet, ist ungewiss.    
  

Jan Heitmann


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