Ottos Schatztruhe

Mit dem Ottonianum besitzt Magdeburg ein neues Museum – Eine Grundlage zur Kulturhauptstadt 2025

07.06.19
Gotisches Herzstück der Elbestadt: Der Magdeburger Dom Bild: Helga Schnehagen

Magdeburg hat als Memorialort von Deutschlands erstem Kaiser Otto dem Großen seit Kurzem einen neuen Anlaufpunkt.

Wie sähe Magdeburg wohl aus, wenn sich Karl Friedrich Schinkel durchgesetzt hätte? Wo fände man heute die letzten Ruhestätten von Otto dem Großen, seiner ersten Gemahlin Editha und so manchen Erzbischöfen? Als Magdeburg nach 1806 Napoleon übergeben wurde, soll der Dom als Lagerhalle und Pferdestall gedient haben.
Nachdem die Besatzung 1814 endete, ordnete Friedrich Wilhelm III. von Preußen seine Sa­nierung an. Schinkel, Preußens oberster Denkmalpfleger, plädierte für den Abriss. Der Monarch blieb bei seiner Meinung und ließ das Gotteshaus umfassend restaurieren. Schinkel fügte sich und leitete von 1826 bis 1834 die Sanierung fast aller Bauteile.
Der Magdeburger Dom ist das Herzstück der Elbestadt. Mehrmals hing sein Schicksal am seidenen Faden. Im Dreißigjährigen Krieg richteten die kaiserlichen Truppen unter General Tilly in Magdeburg ein beispielloses Massaker mit maßlosen Plünderungen an. Rund 20000 Menschen starben, fast alle Häuser brannten nieder. Zurück blieben ganze
450 Überlebende, die zwischen Schutt und Asche den Neuanfang wagten. Der Angriff vom 20. Mai 1631 stand über Jahrhunderte für die Schrecken des Krieges schlechthin. Nur der Dom, das Kloster und einige Fischerhütten blieben verschont. Tilly feierte seinen Sieg in der Kathedrale mit einem katholischen Gottesdienst. Dessen protestantische Ära fand damit vorerst ein Ende.
Der Zweite Weltkrieg führte zu Magdeburgs zweiter verheerenden Zerstörung. 92 Prozent der Innenstadt fielen ihr zum Opfer. Einige Sprengbomben trafen auch die Seitenschiffe des Doms. Am 2. März 1945 durchschlug noch ein gezielter Treffer die Westfassade. Einzig die östlichen Partien mit Chor, Chorumgang und Chorempore blieben gänzlich verschont. Dennoch kommt der Dom mit einem „blauen Auge“ davon: Von 1946 bis 1955 werden die Kriegsschäden beseitigt. Die deutsche Einheit bescherte ihm seine jüngste Schönheitskur. Schon 1990 wurde ein Gesamtsanierungsprogramm begonnen. Seitdem bilden Dom und Domplatz samt seiner neuen alten Barock­fassaden wieder den strahlenden Mittelpunkt der Stadt.
Konnte der Dom auch seine Haut retten, einen eigenen Domschatz hat er im Gegensatz zu vielen anderen Kathedralen nicht mehr. Das Anfang November in der Schalterhalle der ehemaligen Reichsbank direkt gegenüber der Westfassade eingeweihte neue Dommuseum Ottonianum ist damit auch keine Schatzkammer im herkömmlichen Sinn.
Mit drei Themenbereichen würdigt es vor allem Magdeburgs Bedeutung als Kaiserstadt: 1. die Großbauten auf dem Domplatz aus dem 10. Jahrhundert, 2. Kaiser Otto der Große, Erbauer des ersten Doms, und seine Gemahlin Königin Editha sowie 3. das Erzbistum Magdeburg.
Karl der Große und Aachen sind jedem ein Begriff. Otto der Große und Magdeburg mussten es erst wieder werden. Zu diesem Zweck führte man in den vergangenen Jahrzehnten archäologische Grabungen durch, zuletzt von 2001 bis 2003 am Domplatz und von 2006 bis 2010 im Dom. Dabei kamen Reste von Fundamenten zweier Großbauten und ihrer luxuriösen Ausstattung ans Tageslicht, darunter Fragmente antiker Säulen und glasierte Dachziegel.
Einer der Bauten war der von Otto dem Großen in den 950er Jahren begonnene und 1207 vom Stadtbrand zerstörte erste Dom. Ein Modell versucht eine Rekonstruktion. Wenn auch kein Mauerwerk des ottonischen Doms mehr steht, so haben doch über 40 seiner aus Italien über die Alpen importierten antiken Spolien im heutigen gotischen Neubau (1209–1520) überlebt. Besonders auffällig ist neben den Chor-Säulen aus Granit sowie rotem und grünem Porphyr das Taufbecken aus dem gleichen kaiserlichen Material.
Der Weg vom Museum in den Dom ist noch aus anderen Gründen zwingend. Es ist der Gang vom 3D-Druck zum Original. Höhepunkte der Ausstellung sind die im 3D-Druck-Verfahren 1:1 hergestellten Deckplatten der Gräber von Königin Editha (910–946) und Erzbischof Ernst von Sachsen (1464–1513). Eindrucksvoll gesteigert durch ihre aufrechte Stellung. Doch erst im Dom zeigt sich ihre ganze Bedeutung.
Das um 1510 gefertigte Grab der mehrfach umgebetteten Editha steht im Scheitelpunkt des Chorumgangs, da sie seit ihrem Tod wie eine Heilige verehrt wurde. Das bereits zu Lebzeiten 1495 von der Nürnberger Werkstatt Peter Vischers d. Ä. gefertigte Hochgrab von Erzbischof Ernst von Sachsen hat eine eigene Kapelle unter den Westtürmen.
Damit muss jeder Bischof und jede Bischöfin beim Einzug durch das Westportal huldigend an ihm vorbei. Das Grab liegt bewusst in der Achse von Taufe, Kaiser- und Editha-Grab. Einer Achse, die sich als genialer Kunstgriff in der Ausstellungsarchitektur fortsetzt.
Ottos original erhaltenes Kaisergrab von 973 hatte bereits Fried­rich Wilhelm IV. von Preußen 1844 öffnen lassen. Gefunden hatte man noch sein Skelett ohne Kopf sowie Gewandreste, jedoch keine Grabbeigaben mehr. Bei der jetzigen Öffnung des Bleisarges von Editha kamen neben den Gebeinen und hochwertigen Textilien überraschend Reste von 4829 mittelalterlichen Insekten, davon 3993 Käfer, ans Tageslicht, die Anlass zu weiteren Forschungen gaben.
Die Eröffnung des Ottonianums fiel mit der 1050-Jahr-Feier 2018 des von Otto dem Großen in Ravenna gegründeten Erzbistums Magdeburg zusammen, nachdem er 962 in Rom zum römisch-deutschen Kaiser ge­krönt worden war. Die Dombauten sind bis heute Zeichen von dessen herausragender Bedeutung.
Tiefe Einblicke ins Mittelalter gibt es auch auf der anderen Domseite. Direkt hinter dem Chor beherbergt die ehemalige Alte Möllenvogtei (um 1600) heute das Haus der Romanik mit einem sehenswerten Info-Zentrum zur Straße der Romanik. Zusammen mit dem Kulturhistorischen Mu­seum zur Stadtgeschichte, Original des Magdeburger Reiters in­klusive, und dem Kunstmuseum im ehemaligen Kloster Unserer Lieben Frauen zur zeitgenössischen Kunst, macht das Ottonianum jetzt die Kunstmeile im Domquartier komplett. 2025 will Magdeburg Kulturhauptstadt Europas werden. Ein Schritt da­hin ist getan.     Helga Schnehagen
Dommuseum Ottonianum, Domplatz 15, geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr, Eintritt 7,50 Euro. Haus der Romanik, Domplatz 1b, geöffnet am Montag sowie von Mittwoch bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag bis 16 Uhr. Internet: www.dommuseum-ottonianum.de


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Kommentare

sitra achra:
9.06.2019, 15:45 Uhr

War da denn etwa der Stammsitz der Ahnen von Otto, dem Außerfriesischen?


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