Pavillon der Moderne

Die Neue Nationalgalerie in Berlin wird 50 – Der gläserne Bauhausstil trifft nicht jedermanns Geschmack

21.09.18
Im Geist der 60er Jahre: Die Neue Nationalgalerie, Ansicht Potsdamer Straße von 1968 Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Reinhard Friedrich

Am 15. September feiert die Neue Nationalgalerie am Berliner Kulturforum ihr 50. Jubiläum. Der vom früheren Direktor des Dessauer Bauhauses, Ludwig Mies van der Rohe, entworfene gläserne Riesenpavillon stellt Kunst der Klassischen Moderne aus, ist aber wegen Sanierungsarbeiten seit fast vier Jahren geschlossen.

An der Neuen Nationalgalerie scheiden sich die Geister. Anhänger des modernen Architekturstils sehen darin einen kühnen Entwurf der gläsernen Offenheit, Kritiker bemängeln den gesichts- und seelenlosen Zustand des rundum verglasten Gebäudes mit seinem schlichten Flachdach einer Tankstelle.
Und doch ist das einem Pavillon ähnelnde Museum ein Architektur-Star: Man spricht eher über das Haus, als über die Kunst, die es beherbergt, es sei denn, es finden solche aufsehenerregenden Ausstellungen statt wie etwa die hochkarätige Schau mit mo­dernen Werken aus dem New Yorker Museum of Modern Art, die 2004 unter dem Titel „Das MoMA in Berlin“ sämtliche Besucherrekorde einstellte.
Der sachliche und rein funktionale Bauhausstil ist bei der Nationalgalerie nicht zu übersehen.  Schließlich war es das letzte eigenständige Werk des Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969). Mit der gläsernen oberen Halle des Museums vollendete er seine langjährige Beschäftigung mit dem fließenden, offenen Raum. Kurz nach der Einweihung des Baus verstarb der Architekt. So gilt die Neue Nationalgalerie mit ihrem Stahldach und in ihrer reduzierten Formensprache nicht nur als Ikone der Moderne, sondern zugleich als Vermächtnis eines visionären Baumeisters des 20. Jahrhunderts.
Das Museum an der Potsdamer Straße wurde als Standort für die Sammlung der Nationalgalerie im damaligen West-Berlin errichtet und ist heute Hauptort ihrer Bestände der Klassischen Moderne und internationalen Nachkriegsmoderne. Am 15. September 1968 wurde das Gebäude mit einer heute legendären Piet-Mondrian-Ausstellung und einer großen Sammlungspräsentation im Untergeschoss eröffnet. Seit 2015 ist die Neue Nationalgalerie wegen der Grundinstandsetzung geschlossen. Zeitgleich zum Jubiläum finden die Rohbaumaßnahmen ihren Abschluss, und die letzte Sanierungsphase beginnt. Wenn die Galerie wie geplant im Jahr 2020 wiedereröffnet wird, werden über 100 Millionen Euro in die Sanierung geflossen sein.
Besichtigen kann man das Ge­bäude schon an diesem Wochen­ende. Am 15. September von 14 bis 18 Uhr sowie am 16. September von 10 bis 18 Uhr la­den die Staatlichen Museen zu Berlin und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) anlässlich des Jubiläums zu öffentlichen Baustellenführungen in die Neue Nationalgalerie ein. Allerdings ist dafür eine Anmeldung über das Internet erforderlich (www.smb. museum/veranstaltungen/detail/106052.html). Treffpunkt ist das Zugangstor an der Potsdamer Straße. Freunde der Plakatkunst kommen außerdem durch eine Freiluftausstellung auf ihre Kosten, denn der Bauzaun ist mit Sonderausstellungsplakaten der vergangenen 50 Jahre bestückt.
Mit einer eigenen Veranstaltung beteiligt sich die Stiftung St. Matthäus am Jubiläum. Am Sonntag, 16. September, findet um 18 Uhr ein sogenannter hORA-Gottesdienst für Mies van der Rohe statt. In einem Kanzeldialog werden Pastor Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelische Kirche in Deutschland, und der Architekt und Mies-Experte Fritz Neumeyer über die „Insel der Ordnung in der Stadtlandschaft“ sprechen. Ab 20 Uhr wird in der St.-Matthäus-Kirche der Film „Die Neue Nationalgalerie“ von Ina Weisse gezeigt. An allen Tagen kann die Neue Nationalgalerie im Rahmen der Baustellenführungen vom St.-Matthäus-Kirchturm von oben be­sichtigt werden. Der Eintritt ist frei.
Anlässlich des Jubiläums er­scheint am 15. September auch eine 350-seitige Publikation zur Ausstellungsgeschichte der Neu­en Nationalgalerie mit rund 500 weitgehend unbekannten Fotografien. Vorgestellt werden Projekte weltbekannter Künstler wie Yves Klein, Pablo Picasso, Francis Bacon, Andy Warhol, Jeff Koons, Jenny Holzer und Gerhard Richter. Daneben erzählen auch große Themenausstellungen wie „Kunst in der DDR“ oder „Das MoMA in Berlin“ die Geschichte des Hauses. Persönliche Erinnerungen von Museumsdirektor Udo Kittelmann oder den Künstlern Katharina Grosse und Rem Koolhaas ergänzen den Rückblick auf das Haus. Die Publikation mit 336 Seiten kostet 40 Euro.
Die „Neue Galerie“ im Hamburger Bahnhof fungiert zwischenzeitlich als Dependance für die Neue Nationalgalerie während ihrer Sanierung. In wechselnden Präsentationen werden Ausschnitte zur Kunst des frühen
20. Jahrhunderts aus der Sammlung der Nationalgalerie vorgestellt. Ganz bewusst und vor dem Hintergrund der Planungen für einen Neubau am Kulturforum dient die „Neue Galerie“ der Erprobung neuartiger Sichtweisen auf die „klassisch“ gewordene Moderne. Am 12. Oktober eröffnet dort die Sonderausstellung „Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau“ über den Brücke-Künstler und Expressionisten.    H. Tews


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