Pfiffige Helden der Unterwelt eines Dadaisten

03.10.18

Entweder es ist ein literarisches Kleinod, oder Walter Serner macht sich einfach nur über sein Lesepublikum lustig. Passen würde es zu dem Schriftsteller, und zumindest posthum könnte er das mit dem neu aufgelegten, bereits 1925 erschienen Buch „Der Pfiff um die Ecke. 22 Kriminalgeschichten“.
In der Erstausgabe war von „22 Spitzel- und Detektivgeschichten“ die Rede, was es besser treffen dürfte. Um klassische Kriminalgeschichten – ein Fall, mehrere Verdächtige, eine Lösung – handelt es sich hier nicht. Die zumeist lediglich ein Dutzend Seiten langen Geschichten kann man am ehesten als in Serners Gegenwart angesiedelte Milieuminiaturen mit nicht selten überraschendem Verlauf bezeichnen.
Vor allem kleine Betrüger und Denunzianten sind die Leitfiguren. Die Gegenseite – Recht und Gesetz – kommt weniger auf ihre Kosten. Mitunter sympathisiert man, mitunter sind es einfach nur abstoßende Typen.
Serners Leben selbst bietet reichlich literaturtauglichen Stoff. 1889 in Karlsbad geboren, konvertierte er später vom Judentum zum Katholizismus. Er studierte Rechtswissenschaften und ging als Pazifist bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Zürich. Er betätigte sich publizistisch und wurde vor allem bekannt als Vertreter des Dadaismus, der (Anti-) Kunstrichtung, die Hergebrachtes überspitzte, ins Lächerliche zog und ablehnte.
Als wegweisend gilt Serners Schrift „Letzte Lockerung. manifest dada“. Einige Jahre seines Lebens liegen völlig im Dunkel. Zuletzt lebte er als Sprachlehrer in Prag, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und im selben Jahr vermutlich auf einem Transport ermordet.
Serners unterhaltsame, meist im besten Sinne komische kleine Geschichten schlagen Kapriolen. Der Autor hat der Phantasie mitunter sehr freien Lauf gelassen, und der Dadaist, der sich vielleicht auch selber nicht immer ernst nimmt, kommt deutlich hervor, auch wenn der „Pfiff um die Ecke“ nicht zu diesem Bereich seines Schaffens zu zählen ist.
In einer Sprache, die wohl auch schon zur Zeit des Verfassers etwas altertümelnd anmutete, reist man mittels der Geschichten durch Deutschland und Europa. Man begleitet etwa einen einfallsreichen Gauner, der durch die Inschrift eines Grabsteins auf die Idee kommt, sich in eine Stuttgarter Familie einzuschleichen und ihr unter Vorspiegelung falscher Kontakte mehrere tausend Mark abzunehmen. Verwirrend sind die Linien einer in München spielenden Erzählung: Ein Polizist beschuldigt einen jungen Mann fälschlich der Zuhälterei, nimmt aber die Dienste von dessen Freundin in Anspruch. Die Unterstellung kommt dem Paar seltsam gelegen, da der junge Mann seinem Vater Geld zurückerstatten muss. Ein negativer Aktenvermerk des Polizisten hilft ihm am Ende sogar beruflich weiter.
In einer südeuropäischen Stadt wird eine Wohnung als öffentliche Toilette „getarnt“, um die Polizei zurückzuhalten. In einer Wiener Pension entdeckt der ungarische Kleinkriminelle Pasztor den Wert der Hochstapelei. Kostprobe von Serners Sprache: „Die von grotes­ken Verblödungserscheinungen durchsetzten Konversationen, mit denen sämtliche Mahlzeiten arrosiert wurden, begannen Pasztor allmählich derart zu amüsieren, dass er sich entschloss, sein bisheriges Schweigen zu brechen und das um vieles größere Vergnügen sich zu machen, Sprengversuche an diesen soliden Existenzen vorzunehmen.“
Nach Venedig, Innsbruck, Paris und in viele andere Städte folgt der Leser Serners Gestalten und hat immer wieder den Verdacht, dass er sich selbst kräftig mit seinen die Konventionen brechenden „Helden“ identifiziert.
    Erik Lommatzsch


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