Phantasie ist gefragt

Neue Wege gegen das Wohnungsproblem: Kleingärten sollen dauerhaft bewohnbar werden

17.03.19
Wer wollte hier nicht auch gern dauerhaft wohnen? Gartenhäuschen neben Wohn­bebauung am Tegeler See in Berlin

Laut dem Wohnungsmarktbericht 2018 der Investitionsbank Berlin (IBB) fehlen in Berlin  derzeit mindestens rund 96000 Wohnungen. Städteplaner, Architekten und Politikern diskutieren nun auch unkonventionelle Lösungen, um gegen den akuten Mangel an bezahlbarem Wohnraum vorzugehen.

Noch im vergangenen Jahr hatte die Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) zu einem „Supermarkt-Gipfel“ geladen und damit den Startschuss für den Bau von Wohnungen über Supermärkten gegeben. Nach Berechnungen des Berliner Senats steht an 330 Standorten mit eingeschossigen Lebensmittelmärkten ein Potenzial für 14000 bis 36000 Wohnungen bereit. Potenzial für neue Wohneinheiten sieht die Senatorin auch über Fachmärkten und in Einkaufszentren. Auch könnten künftig öffentliche, landeseigene Parkplätze mit Wohnungen bebaut werden.
Das sei zudem  kostengünstig, da Erschließungs- und Grundstückskosten wegfielen. 100 dieser Projekte gebe es derzeit berlinweit.
Immer intensiver denken Städteplaner, Architekten und Politiker auch darüber nach, ob nicht zumindest ein Teil der Berliner Kleingartenanlagen für Bauvorhaben genutzt werden kann. Derzeit arbeitet die Umweltverwaltung an Plänen für die Umnutzung von 15 Gartenkolonien mit insgesamt 429 Parzellen. Diese Kleingärten sollen Platz machen für Schulen, Turnhallen und Kindergärten. Bei einem Projekt geht es darum, Platz für die Sanierung der Rudolf-Wissel-Brücke auf dem Berliner Stadtring zu schaffen.
Erst vor Kurzem machte die Berliner Baukammer darauf aufmerksam, welch großes Potenzial für den Wohnungsbau in den Hunderten von Kleingarten-Anlagen der Millionenmetropole stecke. Christian Müller vom Vorstand der Baukammer sagte: „Kleingartenanlagen mit bereits erschlossenen Straßengrundstücken sind leicht in zu bebauendes Bauland für die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften umzuwandeln.“ Müller rechnet vor, dass 200000 Wohnungen mit je 46 Quadratmetern Wohnfläche entstehen könnten, wenn auch nur ein Fünftel der Kleingärten bebaut würde.
Tatsächlich ist gerade in Berlin das Potenzial groß: Kleingärten nehmen im Stadtgebiet eine Fläche von rund 2900 Hektar ein, gut drei Viertel davon sind Eigentum des Landes. Insgesamt gibt es etwa 890 Kleingarten-Anlagen mit über 71000 Gärten. Laut Senatsverwaltung hat keine vergleichbare Metropole „eine so große Anzahl an privat nutzbaren Gärten im unmittelbaren Einzugsbereich der Innenstadt“.
Der Nutzung als Bauland steht indes nicht nur das Interesse der Gartennutzer gegenüber. Die über das ganze Stadtgebiet verteilten Gartenflächen waren ursprünglich einmal als Ausgleich für die sehr dichte Bebauung gedacht. Auch das rot-rot-grüne Regierungsbündnis hat in seinem Koalitionsvertrag versprochen, die Berliner Kleingärten dauerhaft zu sichern. Falls der Schutz nicht möglich ist, sollen „Ersatzflächen in räumlicher Nähe“ geschaffen werden. Bereits Ende vergangenen Jahres einigte sich die Koalition darauf, die Schutzfrist für weitere knapp 7000 Parzellen in 160 Anlagen auf landeseigenen Grundstücken von 2020 auf 2030 zu verlängern.
Der Architekt Julian Breinersdorfer hat nun einen Vorschlag präsentiert, der es erlauben soll, die Garten-Oasen zu erhalten und gleichzeitig trotzdem das Wohnungsproblem zu lösen. Breinersdorfer schlägt vor, den Kleingärtnern das Recht einzuräumen, ihre Parzellen zu bebauen und für Wohnzwecke zu nutzen. Dazu sollen die Laubenpieper ihre Scholle für 99 Jahre pachten und maximal ein Drittel der Fläche und höchstens dreistöckig bebauen können. Zwei Drittel der Fläche würden weiterhin Garten bleiben.
Laut Breinersdorfer könnte so Wohnraum für mehr als 700000 Menschen entstehen. Aus Sicht des Architekten würde das persönliche Baurecht auf den zehntausenden Gartengrundstücken auch helfen, die laufende Preisspirale auf dem Berliner Immobilienmarkt zu stoppen. Zum einen würde schlagartig sehr viel Bauland verfügbar sein, sodass insgesamt mit sinkenden Preisen zu rechnen sei. Obendrein würde die Nachfrage auf dem überhitzten Markt nachlassen.  
Die Idee, angesichts von großer Wohnungsnot auf Kleingärten zurück­zugreifen, ist keineswegs neu. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in vielen deutschen Städten Lauben in  Kleingartenanlagen für Wohnzwecke genutzt. Auch in Berlin gibt es sogar heute noch Pächter, die ein Dauerwohnrecht in ihren Gartenparzellen haben, das noch aus der Nachkriegszeit stammt.      Norman Hanert


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