Placebo für die Glühweintrinker

Aller Orten werden die Weihnachtsmärkte gegen Terroristen verbarrikadiert – Wirklichen Schutz bietet das nicht

05.12.18

Die Poller werden wieder mehr. Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr.“ So ließe sich ein bekannter Reim von Heimatdichter Theodor Storm zeitgemäß abwandeln. Rund 1500 Städte und Gemeinden zwischen Flensburg und Konstanz bestücken ihre Weih­nachtsmärkte mit Bollwerken und Barrikaden, meist klobigen Betonklötzen, volkstümlich Merkelpoller genannt. Fußgängerzonen werden zu Trutzburgen gegen terroristische Anschläge.
Am 19. Dezember 2016 war der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen in die festlich gestimmten Besucher auf dem Breitscheidplatz in Berlin gerast. Er tötete zwölf Menschen, 70 weitere wurden verletzt. Das Entsetzen darüber dauert an. Wie tief das Grauen immer noch sitzt, zeigt der erdrückende Aufwand, mit dem die Hauptstadt den Ort des Geschehens im diesem Jahr zu einer militärischen Hochsicherheitszone ausbaut.
Hundert mannshohe Gitterkörbe voller Sandsäcke, sogenannte „mobile Schwerlast-Metallpoller“ auf Sockeln aus Stahl und Beton sollen die mörderischen Begleiterscheinungen unkontrollierter Zuwanderung eindämmen.
Der stellvertretende Leiter des zuständigen Berliner Polizei-Abschnitts, Oberrat Sascha Eisengräber, sprach von einem „Überfahrschutzkonzept eines Ausrüsters temporärer Sperrmittel“. Das werde hier erstmals getestet. Sicherheitsbeauftragte der Stadt hatten das „Pilotprojekt“ speziell für den Breitscheidplatz entwickelt. Andere Veranstalter müssen die Sicherung ihrer Weihnachtsmärkte selber besorgen und bezahlen. Sie werden auf handelsübliche Poller zurückgreifen müssen.
Die aber bieten mehr psychologische Stütze als tatsächlichen Schutz, wie die Probe aufs Exempel der Prüfgesellschaft DEKRA zeigte. Tester ließen einen Lastkraftwagen mit zehn Tonnen Gewicht mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde gegen gängige Betonquader von 2,4 Tonnen fahren, einmal frontal, einmal schräg. Beide Male brach der Laster nahezu ungehindert meterweit durch. Wie die „Stuttgarter Zeitung“ berichtete, rutschten die Poller bei schrägen Aufprall wie Billardkugeln bis zu 25 Meter weit. „Das hätte große Schäden verursacht“, erklärte Versuchsleiter Marcus Gärtner. „Mobile Systeme bringen nichts. Sie gaukeln Sicherheit vor, wo keine ist.“
Bei 770 polizeibekannten Gefährdern im Land ist das beunruhigend. Die Betreiber der Weih­nachtsmärkte erwarten 85 Millionen Besucher. Politiker der AfD haben mehrfach gefordert, Gefährder abzuschieben. Die Bundesregierung unter der migrationsbegeisterten Kanzlerin bleibt stur. Folglich muss für die höchsten Feiertage im Jahr weiter aufgerüstet werden.
In Gießen haben Polizei und Ordnungsamt schon „im Vorfeld verstärkte Sicherheitsmaßnahmen nochmals erhöht und zusätzliche Streifen eingesetzt“. Braunschweig lässt sich einen möglichst unblutigen Advent mehr als 50000 Euro kosten. Goslar hat seine Vorkehrungen „erneut auf den Prüfstand gestellt und angepasst“. Bremerhaven stellt Terroristen wuchtige Wassertanks in den Weg.    Volker Wittmann
    (siehe Kommentar S. 8)


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