Poet von der Leine

Dichterhoffnung aus Hannover – Der Expressionist Gerrit Engelke fiel vor 100 Jahren im Ersten Weltkrieg

19.10.18
Dichtender Arbeiterjunge: Gerrit Engelke Bild: akg

Alfred Lichtenstein, August Stramm, Georg Trakl, Ernst Stadler, Reinhard Sorge, Hermann Löns, Walter Flex – die Liste der Dichter, die im Ersten Weltkrieg fielen, ist lang. Kurz vor Ende des Krieges erwischte es auch einen gewissen Gerrit Engelke.

Innerhalb Deutschlands hat Hannover den Ruf einer Kulturprovinz. Die literarisch bedeutsamen Impulse gingen eher von Städten wie Weimar, Jena, Berlin oder München aus. Dabei sollte man die Stadt an der Leine nicht unterschätzen. Hier wirkte der Philosoph Leibniz, der Verfasser des ersten psychologischen Ro­mans „Anton Reiser“, Karl Philipp Moritz, stammte von hier, ebenso die Romantik-Brüder Friedrich und Karl Wilhelm Schlegel, Wilhelm Busch studierte in dieser Stadt, Kurt Schwitters verbreitete hier seinen Dadaismus, der Autor der „Lulu“-Dramen, Frank Wedekind, wurde hier geboren, und auch Gottfried Benn dichtete als Arzt in der Leine-Stadt.
Diese Liste wäre ohne Gerrit Engelke unvollständig. Dabei war der Zeichner und Autor zu Lebzeiten über seine Heimatstadt Hannover hinaus fast unbekannt. Obwohl er nur ein schmales literarisches Œuvre hinterlassen hat, zählt er damit inzwischen aber zum festen Bestandteil der deutschen Literaturgeschichte.
Als Engelke vor 100 Jahren an den Folgen einer Kriegsverwundung im 28. Lebensjahr verstarb, galt er als große Dichterhoffnung. Richard Dehmel, sein früher Förderer, urteilte über ihn: „Genial, größer als wir alle!“ Andere Zeitgenossen hielten Engelke für „das erste literarische Genie, das aus dem Proletariat hervorgegangen ist“. Die bürgerliche Literaturkritik etikettiert ihn lange Zeit als „Arbeiterdichter“. Das trifft zu­mindest auf sein „Lied der Kohlenhäuer“ zu: „Wir speisen sie Alle mit nährender Wärme: / Den pflügenden Lloyd im atlantischen Meer: / Die erdenumkreisenden Eisenzug-Schwärme: / Der Straßenlaternen weitflimmerndes Heer: / Der ragenden Hochöfen glühende Därme: / Wir nähren sie Alle mit Lebensblut-Wärme!“
Sein erster Sammelband, der 1921 posthum erschien, erlebte bei der Nachkriegsjugend eine große Nachfrage und wurde von vielen gelobt. Engelkes Gedichte unterscheiden sich von der neuzeitlichen Aufbruch-Lyrik seiner Zeit. Sie spannen einen Bogen von den von ihm hautnah erlebten proletarischen Nöten der „Maschinen-Gesellschaft“ über eine mystische Menschheitsverbundenheit bis zu seiner Vision von einer vom Krieg befreiten Friedensgesellschaft und faszinieren bis heute durch ihre natürliche Sprache, ihren Rhythmus, ihre Bildhaftigkeit und Symbolik.
Doch im Unterschied zu anderen bedeutenden Expressionisten seiner Zeit suchte er bei seiner Auseinandersetzung mit dem „seelenmordenden Industrie-Ma­terialismus“ keinen sozialrevolutionären Ausweg aus den kritisierten Zuständen. Im Gegenteil: Viele Bezüge verweisen auf ein Einflussgeflecht, das von Fried­rich Nietzsche und Detlev von Liliencron über Richard Dehmel bis zu Walt Whitmann reicht.
Die Vorfahren des Dichters waren väterlicherseits Handwerker in Hooksiel, Delmenhorst, Buttforde sowie Fedderswarden in der Nordseeregion. Der Vater kam in jungen Jahren aus Fedderswarden nach Hannover, wo er ein Kleider- und Weißwarengeschäft eröffnete. Die Mutter war eine Gastwirtstochter aus Hannover, wo Sohn Gerrit am 21. Okto­ber 1890 geboren wurde.
Obgleich im Arbeitermilieu aufgewachsen, begeisterte er sich bereits als Schüler für die klassische Musik von Ludwig van Beethoven sowie Giacomo Puccini, nahm sich die Zeichnungen Ferdinand Hodlers als Vorbild und begann als Malerlehrling parallel zu einem Abendkurs im Zeichnen nach der Lektüre der Gedichte Richard Dehmels, Emile Verhaerens sowie Walt Whitmans mit eigener Lyrik.
Als er über 100 Gedichte verfasst hatte, wandte sich der Ma­lergeselle aus Hannover vertrauensvoll an den Dichter Dehmel, der ihn an den westpreußischen Autor Paul Zech, die Werkleute vom Künstlerbund Nyland sowie die Nyland-Zeitschrift „Quadriga“ empfahl. So erschienen noch 1913 erstmals zahlreiche Gedichte von Engelke. Da waren seine Eltern bereits in die USA ausgewandert. Ohne ihn. Er wollte sich von der liebgewordenen hannoverschen Heimat nicht trennen und musste sich nun selbstständig durchs Leben schlagen.
Doch von seiner Kunst allein konnte er nicht leben. Engelke arbeitete weiter als Malergeselle, bildete sich autodidaktisch weiter, erschloss sich die Lyrik von Klassikern wie Homer, Dante, Hölderlin sowie Byron und gewann mit dem Kaufmann Au­gust Götting und dem Dänen Martin Gul­brandsen weitere Gesinnungsfreunde. Dazu kamen 1914 zwei anregende Ferien-Aufenthalte.
Er war zunächst in die Schlossmühle von Oranienstein an der Lahn eingeladen und dann Gast im dänischen Faaborg bei Gulbrandsen, wo er erstmals das Meer erlebte. Bei seiner Heimkehr aber erwartete ihn die Einberufung in den Krieg, dessen Gräuel er als Grabensoldat an vorderster Front in den Folgejahren bis zum bitteren Ende erlebte. Viele seiner Eindrücke hielt er in Gedichten fest, die seine Friedenssehnsucht do­kumentieren.
Bei einem Urlaub lernte er im Herbst 1917 am Rhein eine um einige Jahre ältere Witwe kennen, mit der er sich verlobte und eine gemeinsame Zukunft plante. Selbst im letzten Brief an die Verlobte klingt vermischt mit Grabengerüchten von einem bevorstehenden Waffenstillstand die Hoffnung auf Frieden und ein gemeinsames Leben an.
Aber diese Option platzte wie eine Seifenblase. Engelke kam mit einer Verwundung bei Cambrai in englische Kriegsgefangenschaft und verstarb an deren Folgen am 13. Okto­ber 1918 im englischen Lazarett von Étaples bei Boulogne in Nordfrankreich, wenige Tage vor seinem 28. Geburtstag. Eine Zeitungsnotiz zum Tod des Dichters gelangte auf Umwegen nach Deutschland, wo 1921 im Verlag Diederichs in Jena sein erster Sammelband unter dem Titel „Rhythmus des neuen Europa“ erschien.    M. Stolzenau/H. Tews


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Kommentare

Chris Benthe:
26.10.2018, 16:23 Uhr

Schön, dass es wieder einmal die Preußische Allgemeine ist, die an solche literarischen Persönlichkeiten erinnert. Die tragisch schöne Geschichte eines begnadeten Dichters. Ein deutsches Schicksal. Wenn man am Grab des Dichters Trakl gestanden hat, dann bewegt einen diese Lektüre ganz besonders. Ich sage danke !


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