Polens Griff nach Lemberg

Minderheiten fordern von der ukrainischen Regierung Autonomie – Brüssel lässt Kiew im Stich

16.01.17
Rückständig aber schön und von Polen begehrt: Lemberg in der West-Ukraine Bild: LestatCF

Die polnische Gemeinde der galizischen Metropole Lemberg, heute ukrainische Stadt und Kreis, hat sich an die Regierung in Kiew gewandt und wirtschaftliche Autonomie gefordert. Das kommt dieser äußerst ungelegen.

Zum einen pflegt eine wirtschaftliche Autonomie vom dem, der sie innehat, bald als der Wegbereiter zur politischen Selbstständigkeit verstanden zu werden. Zum zweiten ist es ausgerechnet die starke polnische Minderheit, die sich hier regt, und das ruft den Gedanken an Separation wach. Denn man weiß ja, dass die Polen es als einen Irrtum der Geschichte betrachten, dass Lemberg heute ukrainisch ist. Angesichts des Kriegs im Donbass, so die Meinung in Kiew, wäre es besser, die Lemberger würden sich ruhig verhalten. Doch nein, die Lemberger Polen verlangen nicht nur die wirtschaftliche Selbstständigkeit, sondern sie unterlegen das auch noch argumentativ mit den schlimms-ten Kiewer Befürchtungen. Auf einem prominenten Forum erklärten sie, es liege ihnen daran, engere Beziehungen zu Polen aufzubauen.
Sergej Lukjanenko, der Sprecher der Lemberger Polen-Gemeinde, legte dar, dass der wirtschaftliche Rückstand der West-Ukraine gegenüber der benachbarten Region in Polen rund 50 Jahre betrage. Lemberg habe Chancen, das aufzuholen, aber diese Chancen lägen in Polen. Es sei überflüssig, dass sich die Regierung in Kiew in die Sache einmische, so Lukjanenko, während der polnische Historiker und Sejm-Abgeordnete Jan Zaryn fordert, Polen solle seinen Landsleuten in Ostgalizien entgegenkommen. Lemberg sei nach seiner Einschätzung Polen immer treu gewesen. Wer im Stande ist, über den Pulverdampf im Donbass am anderen Ende der Ukraine hinwegzublicken, wird feststellen: Als die Russen in der Ostukraine eben dieses Verlangen erhoben wie jetzt die Lemberger Polen, schickte Kiew das Militär.
Das wird diesmal wahrscheinlich nicht geschehen, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Es gibt im Westen niemanden, der einen neuen Kiewer Feldzug unterstützen wollte, die Nato hat mit dem, woran sie in der Ukraine mitgewirkt hat, bereits genug Ärger. Doch damit ist es nicht genug. Ganz im ukrainischen Wes-ten liegt der Kreis Transkarpatien, das alte Ostruthenien mit den Städten Bergsass, Ungwar und Munkatsch, das westlich an die Slowakei angrenzt. Bereits im April 2016 hatten Abgeordnete des Rates von Transkarpatien ebenfalls Autonomie von Kiew gefordert. Die Abgeordneten des Regionalparlaments schrieben in ihrem Dokument: „Wir fordern, das Gebiet von Transkarpatien als eine besondere selbstverwaltete Einheit anzuerkennen und die erforderlichen Änderungen unverzüglich in die Verfassung des Landes aufzunehmen.“ Die Industrie des Landes liege am Boden und das Volk sei „katastrophal verarmt“, die „verantwortungslose Politik“ in Kiew habe zu einer „völligen Verödung und Ausraubung des Transkarpatengebietes“ geführt. Doch dann verließ die wackeren Ruthenen der Mut und sie machten schließlich einen Rückzieher.
Dagegen entsinnen sich die Ungarn ebenso wie die Polen ihrer Landsleute, die in der Ukraine leben, und wollen sich ihrer annehmen. In dem transkarpatischen Kreis Bergsass beispielsweise sind 70 Prozent der Einwohner Ungarn, die jedoch vergebens nach Minderheitenrechten rufen. Diese seien Theorie, klagt der Vorsitzende des Kulturvereins, Laszlo Brenzowytsch: „Die entsprechenden Gesetze gibt es, sie werden nur nicht angewandt. So sollten wir eigentlich in Regionen, wo vor allem Ungarn leben, die ungarische Sprache auch offiziell verwenden dürfen – im Rathaus, in der Schule, im Krankenhaus. Ein Gesetz über Regionalsprachen wurde noch unter dem ehemaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch verabschiedet. Aber bisher hat der Staat kein Geld dafür bereitgestellt, um das auch zu verwirklichen – heute ebenso wenig wie unter Janukowitsch.“ Klagen solcher Art bleiben in Budapest nicht ungehört.
Damit der Kreis geschlossen wird, noch eine offene Rechnung: Rumänien erhebt Anspruch auf Stadt und Kreis Tschernowitz jenseits seiner Nordgrenze, die Hauptstadt des Buchenlandes [Bukowina]. Wenn sich also die Minderheiten der Ukraine mit ihren jeweiligen Mutterländern zusammentun, dann bekommt die ukrainische Regierung Ärger. Dass dies nicht ganz unwahrscheinlich ist, liegt an Brüssel und der EU. Dort nämlich kennt man die Pläne Polens, sich halb Osteuropa einzuverleiben. Nach der Idee von der „Großen Republik“ sollen weite Teile der West-Ukraine an Polen fallen und zwar Wolhynien, Stanislau, Lemberg, Rowno und Tarnopol. Die polnische Organisation Restitucija Kresow bereitet das dadurch vor, dass sie Eigentumsrechte von polnischen Bürgern in der Ukraine wirksam machen will. Dazu hat sie bereits weit über 1200 Klagen vorbereitet. Dabei geht es um  Vermögenswerte von polnischen Bürgern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ukraine zurückgeblieben sind. Gerichtsstand soll Straßburg werden.
Damit kommt die EU ins Spiel. Dort weiß man von den polnischen Träumen, ein neues Großreich, möglichst wie einst von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, zu errichten, und man billigt das, weil man es als eine Schwächung Russlands betrachtet. Der Chef des Außen-Ausschusses des EU-Parlaments, Elmar Brok, ein fanatischer Atlantiker, spricht in einem Schreiben an die polnische Premierministerin Beata Szydlo von der „Motiviertheit und Rechtmäßigkeit der Forderungen“ Polens. Und er bittet sie nur, den Termin zu verschieben, an dem die Klagen eingereicht werden sollen. Von der Unverletzlichkeit der Grenzen in Europa ist also keine Rede mehr, und am deutlichsten soll das die Ukraine erfahren, der korrupte Vasall, dessen Rolle jetzt offenbar zu Ende geht.
    Florian Stumfall


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Kommentare

Marcus Junge:
17.01.2017, 11:51 Uhr

Nicht das man dieses Verhalten der Polen kennen würde.
1919 in Versailles, als plötzliche riesige deutsche Gebiete mit "Polen" besiedelt waren und "schon immer" zu Polen gehörten
1919-21 um Ostoberschlesien
Freistaat Danzig
1945, als noch viel größere deutsche Gebiete "schon immer" polnisch waren, obwohl dort keinerlei Polen lebten
... . Von der Ostsee bis zur Krim, "unser Polen". Polnische Westgrenze entlang der Elbe bis zur Adria.

Oder vor einigen Jahren, als die PiS sich für die "polnische Minderheit" in der BRD verantwortlich erklärte. Zuerst die Sorben, dann die hier über die EU-Freizügigkeit eingefallen Polen, jetzt "nationale Minderheit" in der BRD, unter polnischer Obhut. Schließlich sind die erstrebten neuen ("alten") Grenzen des "historischen" Polens, so man es eigentlich 1919 schon haben wollte, nicht erreicht.

Man merkelt ständig, wir sind von "Freunden" umzingelt.

Besonders der Irrsinn der EU sticht dabei heraus. Wenn also Polen Teile der BRD, Ukraine, Litauens und Weißrußlands "befreit" (Terminologie 2. Sieger Weltkrieg), dann wird dies Putin schwächen. Also so ganz haben die Kriminellen in Brüssel bei Erdkunde nicht aufgepaßt.

Die letzte "Befreiung" fremden (deutschen) Landes (1945), welches dann an Russen, Polen und Tschechen ging, hat tausende Ortschaften vernichtet, die Einwohnerzahl dauerhaft deutlichst verringert und die Wirtschaftsleistung dieser Gebiete ebenso zerrüttet.

Sollte nicht wieder ein "humane Umsiedlung" durch die "Neubesitzer" erfolgen, wäre ein neues Jugoslawien erschaffen, vielfacher Bürgerkrieg vorprogrammiert. Ich erkenne an der Stelle immer noch nicht, wie dies Rußland schwächt, aber was werde ich schon wissen ...


Reinhard Pantke:
16.01.2017, 07:21 Uhr

Ja bin ich denn im richtigen Jahrhundert?
Dann wirds aber Zeit sich um Elsaß-Lotringen zu kümmern.
Und Südtirol wird auch nicht vergessen.
Hoffentlich wachen die Dänen nicht auf...


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