Polens Lehrer haben die Nase voll

Landesweiter Streik für würdigere Bezahlung – Allensteins Stadtpräsident unterstützt die Pädagogen

24.04.19
Geschlossen: Auch das Kunstlyzeum in Allenstein wird bestreikt Bild: D.K.

Seit dem 8. April fällt an polnischen staatlichen Schulen massenweise der Unterricht aus, weil die Lehrkräfte in Streik getreten sind. Auch Lehrer und Kindergärtner im südlichen Ostpreußen sind beteiligt.

Die Mehrheit der Lehrer und Erzieher öffentlicher Bildungsstätten im südlichen Ostpreußens hat sich an dem polenweiten Streik beteiligt. Alle Verhandlungen zwischen Vertretern von Lehrergewerkschaften und führenden Politikern der Regierung hatten zuvor mit einem Fiasko geendet. Die regierungsnahen Schulaufsichtsbehörden gaben die Streikquote mit zirka 50 Prozent der Lehrkräfte an, die  Gewerkschaft der polnischen Lehrerschaft (ZNP) geht allerdings von einer Beteiligung von fast 75 Prozent aus. Es ist größte Lehrerrevolte seit 1993, als die Pädagogen ähnlich wie heute für eine Gehaltserhöhung kämpften.
In der Region streiken die Lehrer sowohl in den größeren Städten wie Allenstein, Elbing, Lyck oder Lötzen wie auch in kleineren Ortschaften wie Neidenburg, Hohenstein, Mehlsack oder Osterode.
Die Lehrer streiken vor allem wegen ihrer unzureichenden Bezahlung und einer ineffektiven Umstrukturierung des polnischen Bildungssystems. Ab September werden die dreijährigen Mittelschulen aufgelöst, stattdessen führt man eine achtjährige Grundschule und vierjähriges Lyzeum ein. Trotz zahlreicher Proteste von Schülern, Eltern, Oppositionellen und Mitgliedern der kommunalen Selbstverwaltung wurde die kontroverse Bildungsreform von der konservativen PiS-Regierung umgesetzt. Die Umgestaltung des Bildungssystems vertilgt nicht nur Milliarden Złoty, sondern sie legt auch der Lehrerschaft neue Pflichten auf. Es wurden neue Regelungen gültig, nach denen sich die Anrechnung der  Berufsjahre verschlechtert. Heute muss ein Lehrer 15 Jahre lang tätig  sein, bis er die höchste Rangstufe, die eines Diplomlehrers, erreicht. Von dem Berufsgrad hängt die Höhe des Lehrergehalts ab. Verglichen mit anderen europäischen Ländern sind die Löhne von Lehrkräften in Polen sehr niedrig. Ein Lehrer verdient monatlich 450 bis 700 Euro, und das ist ein Grund für die allgemeine Unzufriedenheit, weil viele Pädagogen ohne Nebenjob nicht über die Runden kommen. Die Lebenshaltungskosten zu decken, ohne zusätzlich zu arbeiten, ist eine tägliche Herausforderung. Deswegen fordern die Lehrer eine deutliche Lohnerhöhung von 30 Prozent in zwei Schritten. Der Regierung ist das jedoch zu viel, denn die Politiker der Partei Recht und Gerechtigkeit haben gerade Unmengen an Geld in verschiedene Sozialprogramme und -hilfen gepumpt.
Außerdem finden im Herbst Parlamentswahlen statt, und die graue Eminenz Jarosław Kaczynski hat bereits weitere Wahlgeschenke in Form von gesellschaftlichen Hilfsprogrammen, Zuschüssen und Zuwendungen für die Bauern versprochen, sodass die Befürchtung besteht, dass das Staatsbudget infolge einer unvernünftigen Finanzmittelverteilung aus allen Nähten platzt.
Die Atmosphäre ist angespannt, weil Kinder und Jugendliche wegen des fehlenden Schulunterrichts zu Hause bleiben müssen, was den Eltern organisatorische und berufliche Schwierigkeiten bereitet. Bedroht sind auch staatliche Prüfungen, die von Schülern in Grundschulen und Gymnasien abgelegt werden, denn der Streiktermin fällt mit dem der Examen zusammen.
Laut Gesetz werden Prüflinge immer von Lehrern beaufsichtigt. Angesichts des massiven Schulstreiks hat Bildungsministerin Anna Zalewska eilig eine neue Verordnung erlassen, aufgrund derer zufällig ausgewählte Personen zur Prüfungskommissionen gehören können, die für die Arbeit als Prüfer entsprechend qualifiziert seien. So konnten im Zeitraum vom 10. bis zum 12. April die Staatsexamen durchgeführt werden, aber wie der Sprecher des Bürgerrechtsbeauftragten sagte, könne diese Lösung ein Rechtsgrund dafür sein, die abgelegten Prüfungen für ungültig zu erklären.
Die Regierung macht sich nichts daraus, man weiß doch, wie die scheinbare Rechtsstaatlichkeit im Land aussieht, wo sogar der Verfassungsgerichtshof politisiert und instrumentalisiert wurde. Zum Glück sind die streikenden Lehrkräfte in ihrem ungleichen Kampf um Würde und angemessene Arbeitsbedingungen nicht allein. Ihre Forderungen unterstützen andere Berufsgruppen wie Ärzte, Krankenschwestern oder Journalisten und Prominente. Auch der Präsident der Stadt Allenstein, Piotr Grzymowicz, hält ähnlich wie andere polnische Stadtpräsidenten und unabhängige Kommunalpolitiker den Streik für nachvollziehbar und spricht der Lehrerschaft Mut zu. Außerdem wurden in einigen Großstädten Polens öffentliche Kundgebungen organisiert, auf denen die Demonstranten die Unterstützung für Lehrkräfte forderten. Ein Ende der Schulkrise ist noch in weiter Ferne. Der Streik soll unbefristet weitergeführt werden.
    Dawid Kazanski


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