Putschversuch gegen die Dekolonisation

OAS-Offiziere wollten sich nicht mit Charles des Gaulles Entlassung Algeriens in die Unabhängigkeit abfinden

17.04.11
Beim Verlassen des Gebäudes der Generaldelegation in Algier: Die Generäle Jouhaud, Salan und Challe Bild: pa

Bomben detonieren, dazwischen Gewehrsalven, in den Metropolen des Maghreb riskieren wütende Menschen ihr Leben, um die Herrschenden zu verjagen, andere wollen genau dies mit aller Gewalt verhindern – so beschreibt sich heute die Lage in der arabischen Welt. Die Beschreibung passt genauso auf die Zustände in Nordafrikas Mittelmeer-Anrainerländern vor 50 Jahren.
Heute geht es um Despoten „aus eigenem Blut und Geschlecht“, um den Libyer Gaddafi, der Libyen unterdrückt, um den Syrer Assad, der in Syrien drangsaliert, um den Jemeniten Salih in Jemen wie zuvor um den Ägypter Moubarak in Ägypten und den Tunesier Ben Ali in Tunesien.
Damals ging es um die Fremdherrschaft der Franzosen. Deren Kolonialmacht war nach dem Zweiten Weltkrieg bereits weitgehend zerbröckelt, in Indochina hatte die Grande Nation eine blutige Niederlage erlitten, Marokko und Tunesien waren ihrer Macht bereits entglitten.
Die größte ihrer nordafrikanischen Besitzungen aber wollte Paris nicht preisgeben, Algerien sollte französisch bleiben. Daran hing weit mehr als nur die Oberhoheit über ein paar Zigtausend Quadratkilometer Wüste und einige zu 90 Prozent muslimisch besiedelte Städte. Daran hing auch das Selbstbewusstsein einer Nation, die sich nicht damit abfinden konnte, nicht mehr zur ersten Garnitur der Weltmächte zu gehören. Und dass Charles de Gaulle – ausgerechnet er, der sich doch als Frankreichs Befreier feiern ließ! – Algerien in die Unabhängigkeit entließ, spaltet bis heute die Nation. Hier findet man den Hintergrund der Wechselhaftigkeit der heutigen französischen Nahostpolitik. Offensichtlich sind nicht nur die Marschstiefel des Général de Gaulle für Nicolas Sarkozy einige Nummern zu groß.
Algerien war für die Franzosen schon immer etwas anderes als die übrigen Kolonien. 1830 erobert, waren Algier, Constantine und Oran samt Umland schon 1848 in den Rang von Mutterland-Départements erhoben worden. Gezielt schickte Paris nicht nur Soldaten, sondern auch Siedler übers Mittelmeer. Noch heute zeugen in den großen Städten, insbesondere in Algier, feudale Prunkbauten von den Privilegien, die den über 800000 „echten“ Franzosen ein weit angenehmeres Leben ermöglichten als den restlichen sieben Millionen „Ureinwohnern“.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte Frankreich zwar einen Platz auf (beziehungsweise an) der Seite der Sieger. Zugleich läutete er aber auch das Ende der Kolonialherren-Herrlichkeit ein. In Algerien kam es ab 1954 zu immer blutigeren Widerstandsaktionen der „Front de Libération Nationale“ (FNL, Nationale Befreiungsfront). Dagegen brachte Paris zeitweise mehr als eine halbe Million Soldaten, überwiegend Fremdenlegionäre, in Stellung.
Anhaltende Misserfolge – nicht nur in Algerien – führten 1958 zur Krise. De Gaulle wurde zum Ministerpräsidenten berufen, begründete im Zuge einer Verfassungsreform die Fünfte Republik und bot allen Kolonien ein Referendum zur Unabhängigkeitsfrage an. Mit diesem wohl emotional wichtigsten Programmpunkt gewann er die Präsidentschaftswahl mit 78 Prozent.
Die algerischen Départements waren von dem Angebot offiziell nicht betroffen. Doch schnell wurde klar, dass de Gaulle das Land in die Freiheit entlassen wollte. Nun rührte sich Widerstand gegen die als unpatriotisch empfundene Politik des Generals, in der Bevölkerung, vor allem aber unter seinen alten Kameraden. Sie gründeten in Algier die „Organisation Armée Secrète“ (OAS, Organisation der geheimen Armee).
Am 21. April 1961 spitzte sich die Lage dramatisch zu. Mit den vier Generälen Raoul Salan, Maurice Challe, Edmond Jouhaud und André Zeller an der Spitze versuchte die Geheimarmee gegen de Gaulle zu putschen. Der Versuch scheiterte aber bereits vier Tage später. Die Putschisten wurden verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Einige Aktivisten der OAS wurden sogar zum Tode verurteilt und hingerichtet, zum Beispiel Jean-Marie Bastien-Thiry, der am 22. August 1962 ein im letzten Moment vereiteltes Attentat auf de Gaulle versucht hatte. Der Anschlag bildete die Vorlage für den Roman von Frederick Forsyth „Der Schakal“, der mehrmals erfolgreich verfilmt wurde.
Der Widerstand der OAS war nun endgültig gebrochen. Nach sechsjährigem, von beiden Seiten äußerst brutal geführtem „schmutzigen“ Krieg kam es zu Verhandlungen mit der algerischen Exilregierung und schließlich am 18. März 1962 zum Vertrag von Évian, mit dem das Land nach 132 Jahren französischer Herrschaft unabhängig wurde.
Im Rückblick fragen sich viele Franzosen, aber auch viele Algerier, was die Unabhängigkeit eigentlich gebracht hat. Statt der erhofften Demokratisierung gab es eine Serie von Militärputschen, terroristischen Gewaltakten, bürgerkriegsähnlichen Unruhen, stets begleitet von wirtschaftlichem Niedergang.
Paris tat sich schwer, seine politische Rolle zwischen neutraler Beobachtung der Entwicklung und Rückgriff auf eine besondere Art der Verantwortung gegenüber der früheren Besitzung zu finden. Das „algerische Trauma” hat eine außenpolitische Orientierungslosigkeit bewirkt, die sich in diesen Tagen in sprunghaftem und widersprüchlichem Aktionismus gegenüber der im Umbruch befindlichen arabisch-islamischen Welt zeigt. Das Dilemma: In den sozial heruntergekommenen Banlieues rund um Paris und anderen Großstädten leben Millionen Menschen nordafrikanischer Herkunft, meist mit französischem Pass. Wer immer im Elysée-Palast das Erbe de Gaulles verwaltet, muss rebellierende Massen überall im Auge behalten – im Nahen Osten und in der näheren Umgebung. Hans-Jürgen Mahlitz


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