Rauf zum Horn

Jenseits der legendären Streif hat Kitzbühel in Tirol weitere Wanderattraktionen zu bieten – Genusswanderwochen im September

07.09.18
Phänomenaler Ausblick auf Kitzbühel und den Hahnenkamm mit der Streif-Piste: Wanderer am Horn Bild: Michael Werlberger/Kitzbühel Tourismus

In der Ferien- und der Skisaison herrscht in Kitzbühel Volksfeststimmung. Wenn im Januar noch das legendäre Abfahrtsrennen auf der Streif stattfindet, gesellt sich neben tausenden Besuchern auch die internationale Schickeria hin­zu. Doch im Spätsommer, wenn die Feriensaison ausklingt, haben Wanderer hier ihre Ruhe.

Zum Hirschbichlsteig? Franz Reisch schüttelt den Kopf: „Heute besser nicht“, sagt der Almwirt und serviert einen Kaffee aufs Haus. Er hat das Mitfünfzigerpärchen kurz taxiert und weiß sofort, dass einer der leichteren Wanderwege, die am Kitzbüheler Horn locken, die bessere Wahl ist. Denn in der Nacht hat es geregnet, der Steig ist schmal, der Fels glitschig.
Es ist neun Uhr in der Früh. Die Wolkendecke wird bald aufreißen. Im Alpenhaus in 1670 Meter Höhe ist noch wenig los. Chef Reisch nimmt sich Zeit zum Kartenstudium und beschreibt die einzelnen Wege so plastisch, dass man eigentlich sitzenbleiben könnte. Noch einen Kaffee, dann ist Zeit zum Aufbruch. Zunächst zum Karstweg, der zehn Minuten unterhalb des Alpenhauses an der Trattalmulde beginnt.
Reisch hat nicht übertrieben. Der Blick nach vorn ist gigantisch – auf Kitzbühel und den Schwarzsee, auf den Hahnenkamm und die Südberge bis hinüber zum Großvenediger und Großglock­ner. Der Blick zurück fokussiert 450 Millionen Jahre Erdgeschichte. Damals sind hier die Karstwelten mit höhlenartigen Strukturen entstanden. Damit man genau weiß, was man sieht, gibt es entlang des 2,4 Kilometer langen Rundwegs viele Informationen.
Bis zum Mittagessen bleibt noch Zeit für einen Abstecher in den Alpenblumengarten. Einfach die Pracht auf sich wirken lassen. Oder tiefer in die Materie einsteigen und den Ausführungen eines Biologen lauschen. Die Führungen werden gratis angeboten. Ein weiterer Höhepunkt am Horn ist der Hornköpfelsee – ein neu angelegter Speichersee mit Traumpanorama.
Zurück im Alpenhaus, wo man  unbedingt die Spinatknödel und den Topfenstrudel probieren sollte, freut sich Reisch übers Wiedersehen. Übrigens: Reischs Urgroßvater war es, der den Grundstein für die touristische Entwicklung Kitzbühels legte. Er bezwang 1893 als erster mit Skiern das Kitzbüheler Horn. Die Familie errichtete später das Alpenhaus und baute sogar die eigene Mautstraße. Voller Weitsicht trugen die Reischs dazu bei, Kitzbühel als Sportstadt zu etablieren.
Das Programm für den nächsten Tag ist klar. Es wird „Auf den Spuren von Franz Reisch“ gewandert: von Kitzbühel bis auf den Gipfel des Kitzbüheler Horns. Die Tour ist anspruchsvoll, dauert sechs Stunden, hat 1400 Höhenmeter bergauf und wieder bergab. Durch Wiesen- und Waldpassagen geht es zunächst zur Adlerhütte in 1267 Metern Höhe, dann über Forst- und Almwege – natürlich am Alpenhaus vorbei – zum Gipfelsturm. Aus eigener Kraft, ohne Bergbahnunterstützung geschafft, meint man, sich das atemberaubende 360-Grad-Panorama doppelt verdient zu haben.
Zum nächsten Ziel, die Bichl­alm, fahren die meisten aber mit dem renovierten Doppelsessellift. Oben auf 1600 Metern Höhe wird es nostalgisch. Denn die urige Bichlalmhütte hat sich 2014 in ein charmantes Berggasthaus mit stilvoll-altmodischer Lounge verwandelt. Nur sollte man bloß nicht allzu lange verweilen. Beim Wandern ist schließlich der Weg das Ziel. Und der führt zunächst an friedlich grasenden Haflinger-Pferden vor­über, dann zwei Stunden auf dem Grat hinüber zum Horn mit seinen wunderbaren Ausblicken. Und tierischer Musik, denn hier sind etliche schrill pfeifende Murmeltiere zu Hause. Zwischen den Talstationen von Hornbahn und Bichlalmlift verkehren Busse, damit man bequem nach Hause kommt.
Es gibt viel zu tun, bis allein das Kitzbüheler Horn mit seinen Möglichkeiten erkundet ist. Familien freuen sich über den Kletterpfad für Kinder, Mountainbiker schätzen das Massiv als steilsten Radberg Österreichs. Oder darf es noch mehr Wandern sein? Insgesamt lockt Kitzbühel mit mehr als 1000 Kilometern markierter Wanderwege. Den ersten Überblick ebenso wie die perfekte Orientierung unterwegs gewährleistet im Internet unter maps.kitzbuehel. com ein Tourenportal mit seinem GPS-basierten Kartenmaterial. Die sehr technikaffinen Wanderer nutzen ihr Smartphone, um mit der Gratis-App „SummitLynx“ auf verschiedenen Touren Punkte sammeln für die – in diesem Fall – digitale Wandernadel.
Verloren geht hier auch bei schlechtem Wetter keiner. Dazu muss man nicht erst der moderen Technik vertrauen. Wer die Wandertipps des Hüttenwirts Reisch befolgt, ist immer auf der sicheren Seite.    Judith Kunz/H. Tews


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