Regentropfen im Hurrikan

Warum die Atombomben auf Japan ein Verbrechen waren

26.08.15

Eine Zahl bleibt nach der Lektüre von „Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe“ besonders haften: 120000. So viele Leben kostete allein der US-amerikanische Luftangriff auf Tokio im März 1945. Konventionelle Sprengkörper, abgeworfen aus Hunderten von Flugzeugen, verursachten ein Massensterben, das dem der beiden folgenden Atombomben ebenbürtig war. Rechnet man die Langzeitfolgen der radioaktiven Verseuchung nicht ein, tötete „Little Boy“ in Hiroshima am 6. August etwa 100000 Menschen, „Fat Boy“ in Nagasaki am 9. August 1945 ebenso viele.
Der Buchautor und ARD-Fernsehkorrespondent Klaus Scherer (54) schließt sich daher der Meinung des US-amerikanischen Friedensforschers Ward Wilson an: „Aus der Perspektive der Japaner müssen die beiden Atombomben eher wie ein Regentropfen inmitten eines Hurrikans gewirkt haben.“
Mit seinem Buch möchte Scherer darlegen, dass der doppelte Einsatz der schlimmsten Waffe der Menschheitsgeschichte alles andere als notwendig war. Sie habe nicht dazu beigetragen, den Krieg im Pazifik zu beenden, ist er überzeugt. Entscheidend sei vielmehr die sowjetische Kriegserklärung gegen Japan gewesen. Diese vor allem hätte der dortigen Führung die unabwendbare Niederlage deutlich gemacht. Friedensfühler hatte der japanische Außenminister Shigenoro Togo ohnehin schon viel früher ausgestreckt. Sie wurden von den US-Amerikanern ignoriert. Dort suchte man geradezu gierig nach Gründen, die monströse Vernichtungswaffe zu erproben. Für Scherer ist klar: Besonders die Bombe auf Nagasaki fiel aus bösartigem Kalkül. Es ging darum, die neue Waffe zu testen und der Welt  vorzuführen. Ihr Einsatz war ein –heutzutage verklärtes – Kriegsverbrechen.
Ob der Leser diese These anhand des Buches nachvollziehen kann? Wie es sich für einen Journalisten gehört, schreibt Scherer gut und leicht lesbar. Dennoch bleibt es schwierig, der Argumentation zu folgen. Der Text springt immer wieder zwischen Zeiten und Orten hin und her. Vielleicht schimmert hier der Fernsehmann durch, der die Erzählform des einen Mediums allzu unbekümmert auf das andere Medium überträgt. Das ist schade, denn es ist an der Zeit, den Mythos über die „wohltätige“ Wirkung der Nagasaki-Bombe zu zerstören. Schon kurz nach der japanischen Kapitulation war vielen die Wahrheit klar. „Von fast allen Generälen und Admirälen, die im Zweiten Weltkrieg ihren fünften Stern erhielten, ist aktenkundig, dass sie den Abwurf der Atombombe für unnötig und moralisch nicht vertretbar hielten“, zitiert Scherer einen amerikanischen Historiker.
Noch ein zweites Detail prägt sich übrigens in Scherers Buch besonders ein: Im historischen Museum von Los Alamos, dem Ort, an dem die entsetzliche Waffe entwickelt wurde, erinnert nicht ein einziges Foto an die Leiden der Opfer.  
    Frank Horns
Klaus Scherer: „Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe“, Carl Hanser Verlag, München 2015, gebunden, 252 Seiten, 19,90 Euro


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
30.08.2015, 20:57 Uhr

Wollen wir doch das Kind beim Namen nennen. Die Amerikaner haben Japan wirtschaftlich die Luft zum Atmen genommen und den japanischen Angriff provoziert. Die Versailler Schandverträge und die Sowjets haben Adolf in seinem cholerischen Charakter dazu gebracht, einen Krieg gegen seinen Verbündeten Stalin zu führen. Was allerdings unabhängig von den furchtbaren Verbrechen der Roten Armee anzumerken ist, sind die Flächenbombardements der Alliierten auf Zivilisten, welche ohne Zweifel als Kriegsverbrechen einzuordnen sind. Daran kann es keinen Zweifel geben.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.