Rentner erstürmen Fahrkartenkioske

Königsberg steigt auf elektronische Tickets im öffentlichen Personennahverkehr um

20.03.19
Schlangestehen wie zu Sowjetzeiten: Rentner vor einem Fahrkartenschalter Bild: J.T.

In Königsberg soll ein neues, elektronisches Fahrkartensystem eingeführt werden, das Schaffner in Zukunft überflüssig machen soll. Von der Neuerung sind jedoch nicht alle begeistert, da viele Preiserhöhungen befürchten.

In vielen europäischen Ländern und auch in einer Reihe russischer Regionen gibt es sie bereits: elektronische Fahrkarten im öffentlichen Personennahverkehr. Nun sollen auch in Königsberg  Kontaktkarten eingeführt werden, die man gegen einen speziellen Scanner im Fahrgastraum hält. Je nach System werden auf der Karte die bereits erfolgten Fahrten und das verbleibende Guthaben festgehalten.
Wenn es nach den Wünschen der Stadtverwaltung geht, werden in der Pregelmetropole noch in diesem Jahr die ersten dieser Karten eingeführt. Dabei ist geplant, sie für alle Arten des Stadtverkehrs einzuführen, also auch in Fahrzeugen privater Dienstleister.
Dass es derartige Pläne seit einigen Jahren gibt, ist schon länger bekannt, doch jetzt soll die öffentliche Ausschreibung für die Ausstattung des gesamten städtischen öffentlichen Nahverkehrs mit dem System wie auch für die Kartenausgabe erfolgen. Es müssen die entsprechende Software entwickelt sowie Ausrüstung und andere Elemente der Bezahlinfrastruktur installiert werden.
Gegenwärtig gibt es in Königsberger öffentlichen Verkehrsmitteln noch Schaffner, bei denen man  Fahrkarten kaufen kann.
Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass die Einführung des neuen Systems den Betrieb des öffentlichen Verkehrs verbessern wird, da elektronische Tickets eine bessere Auswertung über besonders stark frequentierte Strecken, Ziele und die gesamte Infrastruktur ermöglichen. Für die Einführung dieses neuen Systems sind im Stadthaushalt umgerechnet 540000 Euro vorgesehen.
Als weiteres Argument für das im Rathaus beschlossene neue System nennt die Verwaltung geringeres Konfliktpotenzial, da es bisher regelmäßig zwischen Passagieren und Schaffnern zu Konflikten beim Fahrkartenverkauf gekommen sei.
Regional- und Stadtregierung gehen davon aus, dass die Neueinführung sich auch positiv auf den Fahrpreis  auswirken könnte. Denn zurzeit bestehee in Königsberg ein Überangebot, das dazu führe, dass einige Busse, insbesondere die Trolleybusse und Straßenbahnen, halb leer durch die Stadt führen. Unrentable Fahrten könnten eingespart werden. Die Regierung geht davon aus, dass besonders Mehrfachfahrkarten in Zukunft günstiger werden dürften als heute.  
Ungeklärt ist bis jetzt, ob die Fahrzeuge am Eingang mit Drehkreuzen ausgestattet werden sollen wie in Moskau, oder ob es in den Kleinbussen weiterhin Schaffner geben soll. Gegen Drehkreuze spricht, dass sie womöglich das Einsteigen der Passagiere  verlangsamen. Es wird befürchtet, dass vor allem ältere Menschen Schwierigkeiten haben werden, ihre Fahrkarten zu scannen. Zudem versagt die Technik häufiger und gilt als instabil. Das kann man oft in Moskau beobachten, wo häufig in den Bussen die Karte  nicht „gelesen“ werden kann, was dazu führt, dass sich eine Schlange ungeduldiger Passagiere bildet.
Höchstwahrscheinlich wird die Einführung des neuen Systems in Königsberg nur schrittweise erfolgen. Zunächst werden die Schaffner in den Verkehrsmitteln  mit einem Handscanner ausgestattet, durch den der Fahrpreis mit Bankkarten oder einem elektronischen Ticket bezahlt werden kann. Parallel dazu kann bar bezahlt werden. Der endgültige Umstieg auf elektronische Tickets wird etwa in zwei Jahren erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt sollen in allen Fahrzeugen des öffentlichen Personennahverkehrs stationäre elektronische Fahrkartenscanner vorhanden sein. Gleichzeitig wird der Fahrer Tickets gegen Bargeld verkaufen.
Es soll auch nach Einführung des neuen Fahrkartensystem Nachlässe für bestimmte Personengruppen geben. Kinderreiche Familien, Rentner und Schüler können im Zentrum für öffentliche Dienstleistungen („Ein-Schalter-Dienst“) Anträge stellen, um vergünstigte Monatskarten zu erhalten.
Diejenigen Rentner, die jetzt schon die Möglichkeit haben, vergünstigte Mehrfachkarten für umgerechnet 6,75 Euro pro Monat zu erwerben, sind über die bevorstehende Änderung beunruhigt. Sie haben gedroht, die Verkaufsstellen zu erstürmen.  Vor Kurzem haben sich bereits vor den Verkaufsstellen in der ganzen Stadt lange Schlangen gebildet. Die älteren Menschen befürchten, dass der jetzt noch gültige ermäßigte Tarif bald gestrichen wird, und versuchen, sich so schnell wie möglich Vergünstigungen für die elektronische Monatskarte zu sichern. An einigen Kiosken kam es sogar eine Stunde vor Öffnung zu Warteschlangen.    Jurij Tschernyschew


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