Rettet, rennet, flüchtet!

Anleger flüchten in Scharen aus der Gemeinschaftswährung und bringen andere Länder damit in Bedrängnis

21.07.12
Euro gegen Franken: Die steigende Nachfrage gefährdet die Schweiz. Bild: pa

Ob die Schweiz, Schweden, Dänemark oder Norwegen, vor allem diese kleinen, wirtschaftlich stabilen Länder Europas leiden unter dem egozentrischen Verhalten der Euro-Länder, das aus ihrer Sicht alles andere als solidarisch ist.

Im Mai waren es 68 Milliarden Franken, im Juni 59 Milliarden Franken, die die Schweizer Notenbank aufwenden musste, um eine Aufwertung ihrer Währung zu verhindern. Da vor allem Anleger aus dem Euro-Raum aufgrund ihrer Angst vor dem Zusammenbruch oder zumindest einer Inflation der Gemeinschaftswährung ihre Euro in Schweizer Franken wechselten und dort anlegten, drohte der Kurs der Schweizer Währung den festgelegten Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro zu unterschreiten. Dies wiederum wäre nicht gut für die Wirtschaft im Lande, da Exporte teurer würden und die Nachfrage aus dem Ausland somit einbrechen würde.
Also biss die Schweizer Notenbank in den vergangenen Monaten vermehrt in den sauren Apfel und intervenierte. Sie kaufte also Euro, damit nicht nur Nachfrage nach dem Franken, sondern auch nach dem Euro bestand und der Kurs zwischen diesen Währungen stabil blieb. Inzwischen sitzen die Schweizer auf einem Berg an ausländischen Währungen in Höhe von 365 Milliarden Franken, was etwa zwei Dritteln des Bruttoinlandsproduktes entspricht. Rund die Hälfte davon sind Euro, ein Viertel sind dem ebenfalls schwächelnden US-Dollar zuzurechnen.
Und nicht nur die Schweiz sitzt auf einem Berg an zwangsweise gekauften Euros. Auch die Dänen, Norweger und Schweden leiden unter der Nachfrage ihrer Währung aus dem Euro-Raum. Die wirtschaftlich stabilen und vergleichsweise gering verschuldeten  Nicht-Euro-Länder sind die beliebtesten Anlaufstaaten ängstlicher Euro-Besitzer. Aber auch kanadische und australische Dollar sind beliebt, doch vielen Euro-Flüchtlingen liegen diese Länder nicht nur geografisch zu fern. Mit der Schweiz, Schweden, Norwegen und Dänemark können viele mehr anfangen und so legen sie ihr Geld dort an, auch wenn sie nur wenig Zinsen erhalten. Hauptsache sicher, lautet die Devise der Euro-Flüchtlinge.
Doch diese Rechnung hat gleich mehrere Fehler. Denn durch die Intervention der Notenbanken erhöhen diese die Gefahr von Inflation in ihrem Land. Zwar sinken derzeit beispielsweise in der Schweiz die Preise, was der herrschenden Lehre widerspricht, doch das liegt daran, dass die bisherige Aufwertung des Franken bis zum Kurs von 1,20 Franken je Euro Exporte zwar verteuert, Importe aber verbilligt hat, was dafür sorgte, dass Rohstoffe und Waren aus dem Ausland günstiger werden. Zudem fürchteten viele Unternehmen aufgrund der instabilen Konjunktur die Preise zu erhöhen, so Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft (ifw) in Kiel. Und wie Tanja Kocher von der Deutschen Bank auf PAZ-Anfrage zu Bedenken gibt, gelangen die zusätzlichen Franken, die die Schweizer Notenbank „drucken“ muss, um ihre Intervention auszugleichen, nicht in den normalen Güterkreislauf. Ähnlich wie im Euro-Raum saugen die angeschlagenen Banken die von der Zentralbank geschaffene zusätzliche Liquidität durstig auf. Das Geld wird dann zur Konsolidierung der eigenen Bilanzen und nicht zur Vergabe von Krediten verwendet, die wiederum zu Blasen auf den Vermögensmärkten führen könnten. Doch nur weil derzeit keine Inflation in den Euro-Fluchtländern droht, heißt es nicht, dass sie nicht später kommt. Daher rät die Deutsche Bank Anlegern entschieden davon ab, aus emotionalen Gründen wie Angst ihr Geld in die sogenannten Flucht-Währungen zu investieren. Zumal die Schweiz bereits angekündigt haben, sollte die Zahl der Euro-Flüchtlinge weiter zunehmen, negative Zinsen auf Anlagen zu zahlen und im Notfall sogar Kapitalverkehrskontrollen in Form von Meldepflichten, Steuern oder Genehmigungspflichten einzuführen.
Die bisher wenig erfolgreiche Euro-Rettung zieht also auch die stabilen Nicht-Euro-Länder in Mitleidenschaft. Verliert der Euro weiter an Wert oder bricht er gar zusammen, drohen auch die Schweiz, Schweden und Dänemark mit zu stürzen, da ihre Zentralbanken auf großen Mengen an Euro „sitzen“. Nur Norwegen dürfte einigermaßen davonkommen, da das Land Teile seiner Devisen in Firmenbeteiligungen in den jeweiligen Ländern investiert. Aber auch diese Sachwerte verlieren an Wert in einem Wirtschaftsraum, in dem die Kaufkraft stark schwindet. Schon jetzt leiden die vier Länder, deren Hauptabnehmer im Euro-Raum liegen, an der sinkenden Nachfrage aus den wirtschaftlich angeschlagenen Ländern.  
Rebecca Bellano


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