Ribbecks importierte Birnen

Vor 250 Jahren, am 30. Dezember 1819, kam Theodor Fontane zur Welt. Ein Birnbaum an der Kirche von Ribbeck inspirierte ihn zu seinem berühmtesten Gedicht

27.12.19
Foto: pa

Angeregt durch schottische Dichtungen, begann Theodor Fontane seine schriftstellerische Laufbahn Anfang der 1850er Jahre als Balladendichter. Seine Balladen „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „John Maynard“ waren jahrzehntelang Schulklassiker, die sogar auswendig gelernt wurden. Populär und in einigen schulischen Lehrplänen auch heute noch vorgesehen ist nur sein Gedicht über den spendablen Gutsherrn von Ribbeck, der dafür gesorgt haben soll, dass die Kinder des Dorfes auch nach seinem Tod weiterhin mit Birnen versorgt wurden. In zahlreichen Anthologien publiziert, gehört es zu den bekanntesten deutschen Gedichten überhaupt. Die Verbindung des anrührenden Inhalts mit den locker gefügten Knittelversen macht das Werk zu einer hinreißenden Schöpfung.
Den märkischen Wanderer Fontane sieht man heute als Europäer, der in London gelebt, Reiseberichte über Schottland geschrieben und diverse Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz unternommen hat. Nachdem er seine Reiseneugier befriedigt hatte, entschloss er sich 1876, bereits 57 Jahre alt, den Unterhalt für sich und seine Familie ausschließlich als freier Schriftsteller zu bestreiten. Berlin blieb weiterhin sein Lebensmittelpunkt. Bei der Suche nach Themen und Anregungen für seine schriftstellerische Tätigkeit bediente er sich laut Peer Trilcke, dem Leiter des Theodor-Fontane-Archivs an der Universität Potsdam, in auffälligem Maße bei den Werken anderer Schriftsteller. So gehörte der Autor einem Postnetzwerk an, dessen Zweck der Tausch von Büchern und Zeitschriften war. Es ist davon auszugehen, dass er auch literarische Neuerscheinungen aus England, die als Bestseller kursierten, kennengelernt hat. Dass er sich weiterhin für England interessierte, lässt sich daraus ersehen, dass er in seinen Romanen und Reiseberichten häufig Vergleiche zu englischen Verhältnissen zog, mit denen er aufgrund seiner siebenjährigen Tätigkeit als Korrespondent in London gut vertraut war. Was dieser Hinweis bezweckt, wird sich weiter unten zeigen.
Bisher wurde in der Literaturwissenschaft kein Zweifel daran geäußert, dass Fontane zu seiner Ribbeck-Ballade allein durch Karl Eduard Haases 1887 erschienenes Sammelwerk „Sagen aus der Grafschaft Ruppin und Umgegend“ mit der darin enthaltenen Sage „Der Birnbaum an der Kirche zu Ribbeck“ inspiriert wurde. Die Sage erzählt zunächst von einem Birnbaum, der dicht an der Südwestseite der Ribbecker Kirche wuchs. In dieser stillen Ecke, so heißt es, wurde vor Jahren ein Ahnherr der Besitzerfamilie Ribbeck auf eigenen Wunsch bestattet. Gemeint ist der Gutsbesitzer Hans-Georg von Ribbeck (1689–1759). Er sei leutselig und namentlich ein Freund der Kinder gewesen. Stets war ihm daran gelegen, die Kleinen zu erfreuen, besonders mit Birnen aus seinem Garten. Groß war die Trauer, als der gute Herr starb. Doch wie staunte man, als aus dem Grabe des Wohltäters ein Birnbaum aufwuchs. Der alte Herr von Ribbeck hatte sich eine Birne ins Grab legen lassen, und aus dieser war der Baum erwachsen. So labte sich die Dorfjugend von Ribbeck auch über 100 Jahre später noch an dessen Früchten, und die Erinnerung an den verstorbenen Kinderfreund wurde lebendig gehalten.
Die Sage erschien des Weiteren im Mai 1889 in der brandenburgischen Wochenschrift „Der Bär“, deren Mitherausgeber Fontane war. Vermutlich um diese Zeit oder kurz zuvor hat er die kleine Geschichte in seiner Ribbeck-Ballade verarbeitet. Sie wurde im August 1889 in der Zeitschrift „Zur guten Stunde“ erstmals veröffentlicht. Als unwahrscheinlich gilt dagegen, dass Fontane ein Gedicht von Hertha von Witzleben über ihren Ahnherrn Hans-Georg von Ribbeck gekannt hat, welches 1875 anlässlich des 500. Familienjubiläums derer von Ribbeck entstanden ist.
Was die Sage nicht überliefert, obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird, ist als Element der Ballade von zentraler Bedeutung für die Diversifizierung der Handlung, nämlich die Rolle des knausrigen Sohnes. Weil sein Sohn geizig war und er befürchtete, dass den Kindern in Zukunft der Genuss der Früchte nicht mehr vergönnt sein würde, habe der Gutsherr verfügt, man möge ihm eine Birne mit ins Grab legen: Diesen inhaltlichen Baustein hat Fontane hinzugefügt, wohl wissend, dass in jedem Märchen das Böse als Kontrapunkt zum Guten, Wahren und Schönen nicht fehlen darf – beides zusammen bildet einen wesentlichen Archetypus der Seele. Der Anlass für diese Idee könnte ein 1888 in England veröffentlichtes Buch gewesen sein, das dort Furore machte und auch Fontane gefallen haben dürfte.
Gemeint ist eine Sammlung von fünf Kunstmärchen, die der irische Schriftsteller Oscar Wilde für seine Söhne geschrieben hat. Das Buch mit dem Titel „Der glückliche Prinz und andere Märchen“ war der erste Prosaband des extravaganten Dandys, Bühnenautors und Aphoristikers. Das bekannteste dieser Märchen trägt den Titel „Der selbstsüchtige Riese“ und handelt von einem Riesen, der seinen herrlichen Garten für sich allein haben wollte. Beharrlich vertrieb er die Kinder, die dort spielen wollten. Bis er eine Begegnung hatte, die sein Leben verändern sollte. In seinem Garten erblickte er einen winzig kleinen Jungen neben einem Baum stehend. Der Junge hatte geweint, da er zu klein war, um wie die anderen Kinder auf den Baum zu klettern.
Der Riese kniete nieder und fragte ihn verwundert: „Wer bist du?“, um ihn alsdann auf den Baum zu heben. Er schloss den kleinen Jungen in sein Herz und war fortan nicht länger eigensüchtig. Jahrein, jahraus durften die Kinder in seinem Garten nach Herzenslust spielen und sich an den Früchten der Bäume laben. Welche Ideen könnte Fontane aus dieser Parabel auf eine Bekehrung, die ein seliges Ende des Riesen zur Folge hatte, geschöpft haben? Wie in jedem Märchen obsiegt hier das Gute über das Böse. Hinzu kommt der Aspekt des Religiösen. Beide Elemente finden sich auch im Ribbeck-Gedicht. Gut und Böse sind jedoch verteilt auf Vater und Sohn Ribbeck, während der religiöse Aspekt eine Entsprechung in der menschenfreundlichen Haltung des Vaters sowie in der Kirche findet, an deren Mauer der Birnbaum zum Wohle der Kinder wächst und Früchte trägt.
So deutet einiges, einschließlich des Zeitverlaufs der Veröffentlichungen, darauf hin, dass Oscar Wildes wunderbares Märchen „Der selbstsüchtige Riese“ den eigentlichen Anstoß für Fontanes berühmte Ribbeck-Ballade gegeben hat. Allerdings hat der Dichter keinen Hinweis darauf hinterlassen.

Dagmar Jestrzemski


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