Russland rüstet auf

Bei der Verteidigung seiner Zweitschlagskapazität setzt Präsident Putin auf technischen Fortschritt

06.01.20
Start vom Raketenstützpunkt Dombarowskij im südlichen Ural: Hyperschall-Gleitflugkörper „Awangard“ Foto: Mil.ru

Von Wolfgang Kaufmann

Im März 2018 kündigte der russische Präsident Wladimir Putin in einer Rede vor der Moskauer Föderationsversammlung die baldige Indienststellung von neuartigen Waffensystemen an, die „technische Durchbrüche und … Garanten der Sicherheit Russlands auf mehrere Jahrzehnte hinaus“ seien. Als Grund hierfür nannte er die Bedrohung seines Landes durch den einseitigen Austritt der USA aus dem ABM-Vertrag über die Begrenzung der ballistischen Raketenabwehrsysteme und den nachfolgenden Ausbau derselben. Hierdurch, so Putin, könne Russland die Fähigkeit verlieren, atomare Angriffe mit einem erfolgreichen Zweitschlag zu vergelten. Deshalb brauche es technologisch ausgeklügelte Waffensysteme, gegen welche die US-Raketenabwehr nicht ankomme. Und solche scheinen nun tatsächlich bereitzustehen oder sich zumindest in der Endphase ihrer Entwicklung zu befinden.
Letzteres gilt beispielsweise für den schätzungsweise zehn Meter langen und rund sechs Tonnen schweren, Kernwaffen tragenden strategischen Marschflugkörper 9M730 „Burewestnik“. Dieser soll einen Mini-Nuklearantrieb besitzen und die Erde dadurch gleich mehrmals in niedriger Höhe umfliegen können. Das erlaubt Angriffe aus für die Abwehr gänzlich unerwarteten Richtungen. Zwar gab es wohl im August 2019 einen schweren Unfall im Zusammenhang mit der Erprobung der Waffe, aber der scheint ihre Fertigstellung nicht verhindert zu haben, wie aus einer weiteren Rede Putins vom 22. November vorigen Jahres hervorgeht.
Im Gegensatz zum wuchtigen „Burewestnik“, der aller Wahrscheinlichkeit nach nur Geschwindigkeiten bis Mach 0,9 zu erreichen vermag, bewegt sich der schnittige Gleitflugkörper „Awangard“ mit etwa 27-facher Schallgeschwindigkeit oder 33.000 Kilometern in der Stunde auf sein Ziel zu. Das resultiert aus dem Start vermittels einer Interkontinentalrakete vom Typ UR-100NUTTH oder R-36M2.  Für die Zukunft ist die Verwendung der Interkontinentalrakete RS-28 „Sarmat“ geplant, deren Einführung bei den Streitkräften noch bevorsteht. Diese „Awangard“, die ebenfalls Atomsprengköpfe tragen soll, basiert auf dem epochalen Raumgleiter-Konzept des österreichischen Luft- und Raumfahrtpioniers Eugen Sänger aus den 1930er Jahren. Weil das „Awangard“-System so extrem schnell und dabei ungewöhnlich manövrierfähig ist, kann es von den bisher existierenden Abwehrraketen der USA ebenfalls nur schwer oder gar nicht vom Himmel geholt werden. Es wurde bis zum 26. Dezember 2018 viermal erfolgreich getestet und dürfte nun regulär im Dienste der russischen Raketenstreitkräfte stehen.
Für den Einsatz unter Wasser konstruierten die russischen Ingenieure die nukleargetriebene torpedoförmige Drohne „Poseidon“. Inoffiziellen Angaben zufolge soll das Gefährt Geschwindigkeiten von über 200 Kilometer in der Stunde erreichen und 1000 Meter tief tauchen können bei einer Reichweite von 10 000 Kilometern. Da die „Poseidon“ Kernwaffen bis zu 100 Megatonnen Sprengkraft zu tragen vermag, wäre sie in der Lage, gegnerische Marinestützpunkte, Flugzeugträgerkampfgruppen oder auch Küstenstädte wie New York zu vernichten. Für den Transport der etwa 23 Meter langen und 40 Tonnen schweren „Weltuntergangstorpedos“, gegen die es gleichfalls keine nennenswerten Abwehrmöglichkeiten gibt, baut Russland derzeit zwei spezielle große Träger-U-Boote. Die K-139 „Belgorod“ wurde im April 2019 zu Wasser gelassen, während der Stapellauf der „Chabarowsk“ unmittelbar bevorzustehen scheint.
Parallel zu diesen nuklearen Waffensystemen entwickelte Russland die mobile Laser-Kanone „Peresvet“, die inzwischen nachweislich einsatzbereit ist. Ihre Aufgabe besteht darin, feindliche Raketen, Drohnen und Kampfflugzeuge abzuschießen. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit des Laserstrahls können damit auch Angreifer ausgeschaltet werden, die im Hyperschall-Bereich fliegen. Ebenso eignet sich „Peresvet“ für die Bekämpfung von Schwärmen kleiner Drohnen, mit der die konventionelle Luftabwehr Russlands überfordert wäre.


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Kommentare

sitra achra:
7.01.2020, 13:42 Uhr

Bei soviel technologischer Überlegenheit unseres "Gegners" lassen wir die BW doch lieber zu Hause. Die kann dann und wann als Schützengilde die Volksfeste optisch bereichern.
Dann gibt's aus Steuermitteln Freibier für alle! Prost!


Siegfried Hermann:
7.01.2020, 01:05 Uhr

Ich würde das jetzt nicht überbewerten.
Es geht einfach mal wieder um framing und Angsterzeugung um die irren MRD. Ausgaben auf beiden Seiten zu rechtfertigen.
Letztendlich will man auch China zeigen, wer Herr im Hause ist!
Von Aufrüstung kann auch keine Rede sein, sondern Modernisierung!
Schaut man ins Detail: Die Nimitz-Klasse ist über 40 Jahre, die Seawolf-Klasse 30 Jahre, die neuste Topol-Raketen 20 Jahre, Minuteman-Rakete 20-30 Jahre, je nach Modell. Und quasi als runing-gag die B-52 mit über 70 Jahren im Greisenalter.
Um die Doktrin des atomaren 2. Schlages aufrecht erhalten zu können, sind wohl gemerkt auf beiden Seiten massiv in Forschung und Entwicklung seit Jahren investiert worden.
Erinnert sei an das railgun-Projekt der US-navy.

Viel schlimmer als die Modernisierung der Waffen ist die geänderte Meinung von solchen Psychopathen wie Wolfowitz, der meint Atomkriege seien gewinnbar, egal wie viel aber-Millionen Menschen dabei drauf gehen und wie die Erde danach aussieht.


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