Sammelband schließt Wissenslücke

15.05.19

Anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 führte die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen 2016 und 2017 in Bonn und Göttingen eine Veranstaltungsreihe durch, die der Entwicklung der Reformation in Preußen und weiteren innerhalb und außerhalb der damaligen Reichsgrenzen gelegenen Landschaften des historischen deutschen Ostens gewidmet war.
Unter dem Titel „Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und in Siebenbürgen“ erschien im September 2018 ein Sammelband mit den fünf in Göttingen gehaltenen Vorträgen und weiteren Aufsätzen. Herausgeber sind der Ehrenvorsitzende der Kulturstiftung Hans-Günther Parplies (geboren 1933 in Marien-burg/Westpreußen), der auch die Göttinger Veranstaltungsreihe organisiert hat, sowie der Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt (geboren 1955 in Köln). Letzterer ist Autor der Beiträge „Die Reformation in Schlesien von den Anfängen bis zum Augsburger Religionsfrieden 1955“ und „Johannes Bugenhagen (1485–1558). Historiker – Reformator – Organisator – Seelsorger. Ein Beitrag zur Biographie und Theologie des pommerschen Reformators“. Für die Publikation hat Hutter-Wolandt seine beiden Vortragstexte zu wissenschaftlichen Abhandlungen erweitert und überdies einen Bilanz-Beitrag zum Reformationsgedenken verfasst.
In seinem Aufsatz „Aus dem Osten kam der Widerschein. Gedanken zum Reformationsjubiläum im Vorfeld der Feierlichkeiten von 2017“ stellt Klaus Weigelt (geboren 1941 in Königsberg) bedauernd fest, dass die Veranstaltungsprogramme zum Reformationsjubiläum durchweg einseitig von einer Westorientierung geprägt waren. Somit fehlte der Blick auf die Heimatregionen der deutschen Vertriebenen, obwohl gerade die Entwicklungen in diesen Regionen wesentlich zum Durchbruch der reformatorischen Ideen beigetragen haben.
Vor allem im Hinblick auf Ostpreußen wirft diese Aussparung Fragen auf. Schließlich wurde das Ordensland Preußen bereits 1525 in ein weltliches Herzogtum überführt und damit zugleich das erste protestantische Territorium überhaupt, was Martin Luther seinerzeit als „Wunder“ bezeichnet hat. Udo Arnold (geboren 1940 in Leitmeritz/Nordböhmen) reflektiert die dramatische Vorgeschichte dieses Geschehens in  „Vom Ordensland zum Herzogtum. Preußen als erstes protestantisches Fürstentum“.
Im Gegensatz zu Ostpreußen und Pommern, in denen die Reformation obrigkeitlich eingeführt wurde, hat in Schlesien jedes einzelne Fürstentum seine eigene Reformationsgeschichte. Etwas später, erst nach der Festschreibung der Dreiteilung Ungarns im Jahr 1541, nahm die Reformationsbewegung im multinationalen Siebenbürgen, an der südöstlichen Grenze der abendländischen Christenheit, ihren weiteren Verlauf. Darüber berichtet Harald Roth (geboren 1965 in Schäßburg/Siebenbürgen) in seinem Aufsatz „Die Reformation unter den Siebenbürger Sachsen und die siebenbürgische Religionsfreiheit“. „Von der Confessio Augustana über die Confessio Montana zur Confessio Bohemica. Die Reformation in den böhmischen Ländern und in Oberungarn“ lautet der Titel des Beitrags von Rudolf Grulich (geboren 1944 in Runarz/Sudetenland). In Böhmen ebnete das Wirken von Jan Hus den 100 Jahre später verbreiteten Lehren Martin Luthers den Weg. Die erste Stadt, in der evangelisch gepredigt wurde, war Joachimsthal im Jahr 1521. In Böhmen konkurrierten jedoch mehrere etablierte nichtkatholische Bekenntnisse miteinander. 1575 fanden Lutheraner, Neu-Utraquisten und die Böhmischen Brüder, Deutsche und Tschechen, mit der „Böhmischen Konfession“ (Confessio Bohemica) eine gemeinsame Bekenntnisschrift, um sich gegen Arianer und Wiedertäufer sowie zunächst auch gegen die Calvinisten abzugrenzen. Das „einhellige Glaubensbekenntnis“ wurde von Kaiser Maximilian II. unter Zusicherung der freien Ausübung der Religion anerkannt.
Mit diesem Sammelband zum Reformationsgeschehen im deutschen und europäischen Osten ist die genannte Lücke im Reformationsgedenken des Jahres 2017 nun in einigen wichtigen Bereichen aufgefüllt worden.
    Dagmar Jestrzemski


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