Scheinbare Natur statt Käfighaltung

Carl Hagenbeck revolutionierte die Zooarchitektur – Vor 175 Jahren wurde er in Hamburg geboren

17.06.19
Mit seinem Lieblingstier und Lebensretter, dem Löwen Triest: Carl Hagenbeck im Freigehege seines Tierparks Bild: Imago/Arkivi

Der Tierparkbetreiber Carl Hagenbeck entfernte die Gitter zwischen Mensch und Tier. Statt auf Käfighaltung setzte er auf der natürlichen Heimat der Tiere nachempfundene Panoramen, bei denen der Zuschauer scheinbar durch nichts – in Wahrheit durch geschickt kaschierte, teilweise mit Wasser gefüllte Gräben – von den Objekten seines Interesses getrennt ist.

„Niemand kann so verkaufen wie Hagenbeck“, stellte sein Kollege Heinrich Bodinus fest, Begründer des Kölner Zoos und Direktor des Zoologischen Gartens. Schon früh zeigte sich die Geschäftstüchtigkeit des am 10. Juni 1844 geborenen Hamburgers. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Carl Hagen­becks Vater, Gottfried Claes Carl Hagenbeck, betrieb einen Fischhandel. Als die Fischer ihm als Beifang sechs lebende Seehunde mitbrachten, nahm er sie ihnen ab und stellte sie aus – gegen Eintritt. Damit war im Revolutionsjahr 1848 der Anfang gemacht. Vier Jahre später folgte der erste präsentierte Eisbär.
Der Fischhändler stieg in den Tierhandel ein. Während die von ihm gehandelten Tiere sozusagen bei ihm lagerten, bot er sie dem interessierten Publikum gegen Eintritt zur Ansicht an. Welcher andere Kaufmann versteht es schon, alleine schon aus der Lagerung der von ihm gehandelten Ware Profit zu schlagen?
Carl Hagenbeck wuchs von klein auf an in den Tierhandel und die Tierpräsentation seines Vaters hinein. Frühzeitig übernahm er in einem fließenden Übergang diesen Geschäftszweig seines Vaters. 1866 ging er ganz in die Hände des damals 21-Jährigen über. Zahlreiche Zoos wurden um diese Zeit gegründet, und der Handel mit exotischen Tieren war ein boomender. Hagenbeck machte sich nicht selbst auf die Jagd nach diesen Tieren, denn er war Kaufmann, und seine Abenteuerlust und sein Tatendurst konzentrierten sich auf unternehmerische Risiken. Die Tiere jagten andere in seinem Auftrag. Aus Platzgründen verlegte er den Sitz des expandierenden Unternehmens 1874 vom Spielbudenplatz in Sankt Pauli zum Neuen Pferdemarkt.
Mit Lappländern, die 1875 Rentiere aus ihrer Heimat nach Hamburg gebracht hatten, begann ein neuer Geschäftszweig, die sogenannten Völkerschauen. Analog zu den exotischen Tieren ließ Hagenbeck auch Angehörige exotischer Völker nach Hamburg kommen, um sie auszustellen. Analog zu den Tieren war es auch bei diesen Menschen Hagenbecks Bestreben, den Besuchern einen Eindruck vom Alltag dieser Geschöpfe zu verschaffen.
Hierfür entwickelte er das Konzept der Panoramen. Er gestaltete großzügige künstliche Landschaften, die der natürlichen Heimat der Exoten nachempfunden waren. Der Besucher hatte so den Eindruck, Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können. Bestärkt wurde dieser Eindruck noch dadurch, dass keine Gitterstäbe den Blick auf die Panoramen trübten, wurden diese doch statt durch hohe Zäune durch dezente, teilweise mit Wasser gefüllte Gräben getrennt. Um diese nur so groß wie nötig machen zu müssen, wurde vorher durch Versuche die Spungkraft der Tiere ermittelt.
In Preußens Hauptstadt Berlin war 1896 Premiere. Auf der dortigen Gewerbe-Ausstellung präsentierte Hagenbeck ein 60 Meter tiefes und 25 Meter breites sogenanntes Nordland- oder Eismeer-Panorama mit echten Eisbären und Seehunden sowie falschen Eisschollen und Eiszapfen aus Pappmaché. Noch im selben Jahr ließ sich Hagenbeck die Idee patentieren. Im darauffolgenden Jahr erwarb er vor den Toren Hamburgs im damals noch nicht zum Stadtstaat, sondern noch zu Preußen gehörenden Stellingen mehrere Grundstücke, auf denen er bis zur Eröffnung im Jahre 1907 einen ganzen Tierpark entsprechend diesem Konzept errichtete. Er besteht heute noch und ist ein häufig kopiertes Vorbild, das Maßstäbe gesetzt hat. Hagenbeck war es vergönnt, dieses noch selber zu erleben. Etwa in Rom und Wuppertal wurde noch zu seinen Lebzeiten seinem Vorbild nachgeeifert.
Doch nicht nur mit diesen Panoramen war Hagenbeck erfolgreich, sondern auch mit der sogenannten zahmen Dressur, die er 1890 erstmals propagiert hat. Die Idee ist, die Tiere nicht durch Strafen davon abzuhalten, was sie nicht tun sollen, sondern sie vielmehr zu belohnen für das, was sie tun sollen. Tierfreundlich propagierte Hagenbeck das Zuckerbrot, wo bislang die Peitsche zur Anwendung kam. Umsetzen konnte Hagenbeck dieses Konzept in seinem Zirkus, der ebenso wie der Tierhandel, die Völkerschauen und der Zoobetrieb zu seinem Konzern gehörte, um dieses große Wort hier einmal zu gebrauchen. Der bis 1953 bestehende Zirkus war ebenso wie Jahrzehnte zuvor die Präsentation der sechs Seehunde den Umständen geschuldet. Beim Handel mit Tieren war Hagenbeck Mitte der 1880er Jahre auf einer Herde Elefanten sitzengeblieben. Er machte aus der Not eine Tugend und aus den Dickhäutern den Kern einer Zirkustruppe. 1887 eröffnete er einen Zirkus auf dem Heiligengeistfeld. Mit seiner Raubtier-Show gastierte er sogar sechs Jahre später auf der Weltausstellung in Chicago. Hagenbeck schien einer der begnadeten Glückspilze zu sein, bei denen alles zu Gold wird, was sie anfassen.
Wenn Hagenbeck auch „durchaus nicht gesonnen“ war, sein „Licht als Geschäftsmann unter den Scheffel zu stellen“, so verstand er sich doch „in erster Linie“ als Tierliebhaber. Tatsächlich bewies Hagenbeck nicht nur im Umgang mit Geld, sondern auch mit Tieren Fingerspitzengefühl. Bei der Weltausstellung in Chicago stieg er 1893 selbst zu den Raubtieren in die Manege, als der Dompteur wegen Krankheit ausfiel. Eine besonders enge Beziehung baute er zu dem Löwen Triest auf. Der rettete ihm sogar das Leben, als Hagenbeck eines Tages im Freigehege stolperte und daraufhin als vermeintlich leichtes Opfer von einem Tiger angegriffen wurde. Mit Triest ließ er sich ablichten, Triest krault er die Mähne bei dem vom Berliner Bildhauer Rudolf Marcuse geschaffenen bronzenen Carl-Hagenbeck-Denkmal auf dem Tierparkgelände. Bronzen war auch die Darstellung Triests, die das Tier zeigt beziehungsweise zeigte, wie es auf dem Grabe seines menschlichen Freundes und dessen Familie ruht. Der bronzene Leu ist 2014 von der vielleicht bekanntesten Grabstätte des größten Friedhofs der Welt, des Ohlsdorfer, gestohlen worden. Carl Hagenbeck liegt dort noch immer. Er starb am 14. April 1913 in Hamburg.
Ein halbes Jahr zuvor hatte er noch mit „Von Tieren und Menschen“ seine Erinnerungen veröffentlicht. Selbst dieses Angebot des preußischen Kommerzienrats kam bei der Kundschaft gut an. Die Memoiren wurden zum Bestseller.    Manuel Ruoff


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Kommentare

sitra achra:
3.07.2019, 15:10 Uhr

Auch Jäger. Ich lieben den Zoo Hagenbeck. Damit verbinden sich einmalige Eindrücke von der Tierwelt, der liebevoll gestalteten Architektur und unauslöschliche Erinnerung an Familienausflüge.
Für Stadtbewohner ist Hagenbeck die Gelegenheit, mit der Tierwelt in Berührung zu kommen. Sonst wären sie ja ausschließlich auf die Vorkommen von Schaben, Mäusen und Ratten zur Befriedigung ihrer Tierliebe angewiesen.
Ansonsten bin auch ich gegen Tierquälerei.
In dem Zusammenhang möchte ich die engagierte und fachkundige ehrenamtliche Arbeit in den meisten Tierheimen ausdrücklich loben.


Der Jäger:
24.06.2019, 13:42 Uhr

Wer wilde Tiere einsperrt- ist ein Tierquäler. Auch wer domästizierte Tiere (z.B. Hunde, Mastrinder, führende Sauen, Hühner, Enten, Gänse, etc.) in Käfige, dabei denke ich an Legehühner, sperrt ist nicht besser. Auch Tiere, die meisten, in sogenannten Tierheimen, sind besser tot- als in ewiger Gefangenschaft.


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