Schlacht um Berlin

Wie die Grünen sich um Merkel scharen, warum Habeck auch ’ne Tüte Eiswürfel nicht hilft, und was Roth herausplaudert/ Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

23.06.18

Das sind ja wirklich hoch interessante Tage, die wir gerade erleben. Das Beste aus Sicht von uns Bürgern und Zuschauern des Spektakels: Manchen Akteuren geht das Berliner Durcheinander derart an die Nieren, dass sie ihre geübte Zurück­haltung verlieren und im Sinne des Wortes „aus der Rolle“ fallen, die ihnen das Drehbuch zugewiesen hatte.
Katrin Göring-Eckhardt beispielsweise ist Co-Chefin der Grünen-Fraktion im Bundestag und damit eine prominente Sprecherin der Opposition. Angela Merkel ist Kanzerlin und CDU-Vorsitzende, also höchste Repräsentantin der Regierung.
Was machen Regierung und Opposition in einer funktionierenden Demokratie miteinander? Klar doch, sie kratzen sich die Augen aus. Oberstes Ziel einer richtigen Opposion ist es, die Regierung mit allen demokratischen Mitteln zu beharken und im (für die Opposition) besten Falle aus dem Sattel zu schießen. Die Regierung dagegen hat zu regieren und die Opposition in die Schranken zu weisen, damit sie bleibt, was sie ist − Opposition eben.
So müsste Göring-Eckhardt höchst zufrieden sein mit dem Gezänk im Regierungslager und die Gelegenheit nutzen, zusätzlich hinzulangen, um das Feuer zu schüren. Oder nicht?
In Wahrheit macht sie genau das Gegenteil. In der linken „taz“ antwortet die grüne „Oppositionspolitikerin“ auf die Frage: „Was würde denn fehlen, wenn Merkel weg wäre?“: „Fehlen würde eine Person, die für Europa steht. Die für Ausgleich steht, für Sicherheit und Stabilität.“
In welchen Parteien waren Merkel und Göring-Eckardt noch gleich Mitglied? Die bezaubernden Worte von Göring-Eckardt hinterlassen den Eindruck, dass die beiden Damen ein und derselben Truppe angehören. So wie Göring-Eckardt für Merkel schlägt sich nur ein Wahlkämpfer für seinen eigenen Spitzenkandidaten: „eine Person, die für Europa steht“, „Ausgleich“, „Sicherheit“, „Stabilität“ − mehr Unterstützung geht kaum noch.
Die Grünen-nahe „taz“ kommentiert dazu: „Was Seehofer jetzt veranstaltet, das gefährdet nicht nur die Regierung, das gefährdet auch den Frieden im Land und in Europa.“
Die Sprache des Regierungs-Propagandisten tritt auch hier in klassischer Reinheit zutage. Die Ausage lautet: Entweder wir bleiben an der Macht, oder Chaos und Krieg klopfen an die Tür! Diese Waffe hatte schon das SED-Regime jedem an die Schläfe gepresst, der Widerworte wagte.
Göring-Eckardt entwickelt in ihrem Rausch jene Bunkerpsychose, die gewissen Regimen in der Untergangsphase zu eigen ist. Die Grünen seien, so die Fraktionschefin, „offenbar die einzigen, die noch für Humanität in der Politik kämpfen“. Auf Deutsch: Alle anderen sind Bestien.
Gleichzeitig bietet sie Trost für die von Machtverlust-Ängsten eingekesselten Anhänger: „Wir sind ja noch lange nicht fertig. Tatsächlich brauchen wir so was wie eine starke, enthusiastische Gegenbewegung für Menschlichkeit.“ Ein Sturm bricht los!
Der „taz“-Kommentator vervollkommnet Göring-Eckardts Größenwahn durch das dazugehörige Bild der geostrategischen Gesamtlage: „Wenn schon in Deutschland die Hetzer und Raufbolde gewännen, wer würde da international die EU noch als Gegenpol zu Des­potie und Nationalismus ernst nehmen?“
Das ist der Frontverlauf: Draußen die ausländischen Hetzer und Raufbolde, der kulturlose, imperialistische Ami mit seinem Trump auf der einen Seite und auf der anderen die barbarischen Ostvölker, die sich einen Putin oder Orbán an die Spitze wählen. Dazwischen Deutschland, das die Welt retten muss, den Frieden und die Menschlichkeit, wobei die Mächte des Bösen auch hier immer mehr Gelände besetzen. Auf der letzten Verteidigungslinie stehen die grünen Prätorianer des Lichts mit Merkel im Zentrum.
Dabei haben Feigheit und Verrat bereits die eigenen Linien zersetzt. „Ich frage mich, wo eigentlich die SPD steckt?“, klagt der „taz“-Kämpfer die Genossen an. Das hat man von einem Verbündeten, der sich so oft selbst in den Fuß geschossen hat, dass er nun nicht mehr marschieren kann. Die SPD? Die liegt im Lazarett, wo sie hingehört in ihrem Zustand.
Dann eben alleine, so die grün-merkelsche Losung. Aber dafür ohne Rücksicht, bis zum letzten Blutstropfen, Sieg oder Untergang! Grünen-Parteichef Robert Habeck gibt den Kampfkommandanten der letzten Bastion: „Wenn wir realistisch sein wollen, müssen wir radikal werden. Wenn wir kämpfen, müssen wir bereit sein, alles zu verlieren. Nur so werden wir gewinnen“, so Habecks flammender Durchhalte-Appell am 15. Juni, als die unionsinternen Gefechte mitten ins Berliner Regierungsviertel vorgedrungen waren.
Leuten wie Göring-Eckardt und vor allem Habeck möchte man eine Tüte Eiswürfel auf die Stirn legen: Gaaaanz ruhig! Entspann dich. Schade nur, dass diese simp­le Therapie in der Geschichte selten geholfen hat. Typen dieses Schlages leben in ihrer eigenen Welt, wo Feen gegen Monster kämpfen.
In so eine wirre Vorstellung verläuft sich nun mal, wer sich 40,  50 Jahre lang eingeredet hat, die moralisch einzig mögliche politische Position einzunehmen. Dann gibt es nur noch ganz oder gar nicht. Daher droht Habeck jedem Abweichler mit blanker Klinge: „Alle Parteien werden sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie stehen.“ Bist du nicht für uns, bist du gegen uns. Dann lautet dein Urteil: ewige Verdammnis.
Kann man diesen armen Verrückten denn gar nicht mehr helfen? Sind diese Wahn-Attacken völlig unheilbar?
Tja, so funktioniert Paranoia leider. Sie spinnen sich eine Scheinwelt zusammen, weitab der Wirklichkeit. Innerhalb dieser Scheinwelt aber sind die Urteile des Paranoikers vollkommen rational. Wer davon überzeugt ist, Cäsar zu sein, der ist gut beraten, sich vor Brutus in Acht zu nehmen, der sich als jedermann tarnen kann: als scheinbar harmloses Gegenüber im Café, als zufälliger Nebenmann im Bus und als ach so freundlicher Pfleger in der Anstalt sowieso.
Für Habeck ist bei der Union ein „konservativer Putsch“ im Gange, der nicht in die Zeit vor Kohl, sondern in die Epoche vor Adenauer zurück will. Was war vor Adenauer, wenn wir die vier Besatzungsjahre mal überspringen? Genau. Gegen solche seelische Überhitzung kommen Sie mit ’ner Tüte Eiswürfel nicht an.
Habeck, so heißt es, sei ein intelligenter Mann. Das wollen wir nicht bestreiten. Aber selbst das klügste Hirn kann im Feuer des Wahns verbrennen.
Claudia Roth macht uns da weniger Sorgen. Natürlich ist sie streng auf Linie, dabei aber beruhigend schlicht gestrickt, also relativ harmlos. Sie bemerkt es nicht einmal, wenn ihr gelegentlich ein Häppchen Wahrheit herausrutscht, ungewollt.
Zur Fußball-WM hoffe sie, dass Özil, Khedira und Boateng richtig groß rauskommen und Neuer und Müller wenigstens keine großen Fehler machen, sagte sie (siehe Zitat rechts unten). So zeige sich das bunte Multideutschland.
Damit hat Roth ausgeplappert, was schiefläuft in multiethnischen Gesellschaften und was diese unterscheidet von weitgehend homogenen Gemeinschaften.
In den homogenen Gemeinschaften ist es beinahe egal, welchen genauen Stammbaum ein Spieler hat oder aus welcher Ecke er kommt. Bei den Vielvölker-Gesellschaften dagegen wird immer genau hingesehen, welcher Gruppe einer angehört und wer wie groß herauskommt, genauso, wie Roth es tut. Fühlt sich eine Gemeinschaft benachteiligt, drohen Kränkung und Ungemach.
Wäre die „bunte“ Gesellschaft wirklich so tolerant und gemeinschaftlich, wie Multikulti-Fans es behaupten, wäre es völlig egal, ob Khedira dies oder Neuer das gebacken bekommt, wären ja alles „unsere Jungs“. So ist es aber offenbar nicht, und ausgerechnet Claudia Roth hat es verraten. Wäre Habeck gewiss nicht passiert.

 

Diese Woche in "Mensch & Zeit", dem Feuilleton der PAZ: "Der historische Sieg des Dollar-Imperiums. In Bretton Woods haben die USA ihre Partner 1944 nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen".
Exklusiv in der Druckausgabe der Preußischen Allgemeinen Zeitung.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

James Ostenmoordorf:
23.06.2018, 16:24 Uhr

Merkels Volksaustausch, Löws Merkelmannschaft und Seehofers Komödie

Das passt schon zusammen, da kann man nur das weite suchen. Da braucht es die Grünen Sklavenaufseher eigentlich gar nicht mehr.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.