Schönstes Gesicht der Staatsverdrossenheit

Wer ist die Frau an der AfD-Spitze? Frauke Petrys Leben pendelt zwischen Verdienstkreuz und Talkshow-Schreck

17.07.15
Die neue AfD-Chefin am Mikro: Keine kann so gut Kontrahenten mit den eigenen Argumenten aufspießen Bild: pa

Voll des Lobes war man im Bundespräsidialamt. Man bescheinigte Dr. Frauke Petry aus Tautenhain, Jahrgang 1975, Courage und Tatkraft. Man schwärmte von ihrem Unternehmen PURinvent. Mit einem selbstentwickelten Kunststoff zur Reifenherstellung war es 2007 auf dem Markt gegangen. Besonders umweltfreundlich sei dieses Material und sogar für die Bereifung von Rollstühlen und Kinderwagen geeignet.
Dass sich Frauke Petry daneben auch noch ehrenamtlich engagiere und aktiv in die Kirchengemeinde ihres Ehemannes, eines Pfarrers, einbringe, war den Laudatoren ebenso eine Erwähnung wert wie die Tatsache, dass diese bemerkenswerte Frau schon viele andere Preise, etwa den sächsischen Gründerinnenpreis, erhalten hat. Bundespräsident Joachim Gauck setzte bei so viel Lob noch einen drauf. Er verlieh der Sächsin am 4. Oktober 2012 die Verdienstmedaille, im Volksmund meist Bundesverdienstkreuz genannt.
Die Feierstunde auf Schloss Bellevue ist jetzt drei Jahre her. Dazwischen liegen der zeitweilige Niedergang ihrer Firma inklusive Privatinsolvenz und eine rasante Politkarriere. Als Hoffnungsträgerin der Konservativen, als – „schönstes“ – Gesicht der grassierenden Staats- und Parteienskepsis wird sie von vielen gesehen. Von manchen auch als deutsche Jean-Marine Le Pen. Die „Zeit“ fragte besorgt: „Wie gefährlich ist diese Frau?“
In den abendlichen Talkshows setzen Claudia Roth, Yasmin Fahimi und Co. eine Miene auf, die irgendwo zwischen Faszination und Entsetzen liegt, wenn Frauke Petry neben ihnen Platz nimmt. Sie wissen, was sie erwartet. Die folgende Sendezeit werden sie als Stichwortgeber und plump agierende Nebendarsteller verbringen müssen. Keine kann so abschätzig lächeln wie Frauke Petry, so spitz „Wie bitte!“ in den Raum stellen oder so souverän die Kontrahenten mit ihren eigenen Argumenten aufspießen.
Ja, zumindest für ihre Gegner ist die vierfache Mutter eine ziemliche Gefahr. Auch Bernd Lucke hat es erfahren. Nach monatelangem Kampf setzte sich Frauke Petry gegen ihren wirtschaftsliberalen Widersacher durch. Nun ist sie alleinige Vorsitzende der Alternative für Deutschland. Einst hatte sie mit Lucke, so der AfD-Gründungsmythos, per Telefon die ersten Leitlinien der neuen Partei entworfen. Lucke saß bei sich in der Küche, Petry hockte zu Hause auf dem Kinderstuhl.
Nach eigenem Bekunden hatte sie eigentlich nie vor, in der Politik zu landen. Kurzfristig liebäugelte sie damit, in die CDU einzutreten, dann stieß sie im Internet auf Luckes Pläne, die AfD zu gründen. Schon auf der Gründungsversammlung wurde sie in den Vorstand gewählt. „Die Familie machte mit“, betont sie. Ihr Mann Sven ist Gemeindepfarrer. Gemeinsam haben sie vier Kinder im Alter von vier, fünf, zehn und 13 Jahren. Die Familie wohnt unweit von Leipzig im Frohburger Ortsteil Tautenhain.
Aufgewachsen ist die Tochter einer Chemikerin und eines Ingenieuers in der DDR. Sie stammt aus einer systemkritischen Familie. „Zuhause diskutierten wir über Politik, draußen lernten wir den Mund zu halten“, erzählt sie. 26 inoffizielle Mitarbeiter waren im Laufe der Zeit auf die Marquardts, so der Familienname, angesetzt.
Nach der „Wende“ legte sie in Bergkamen im Ruhrgebiet ihr Abitur ab. Mit einem Notendurchschnitt von 1,1 war sie Jahrgangsbeste. Nur in Englisch gab es eine unbefriedigende Zwei. Es sagt einiges über Frauke Petry aus, dass sie, nach eigenem Bekunden, gerade deswegen nach England ging und dort drei Jahre lang in Reading bei London Chemie studierte. Später folgte in Göttingen die Promotion, danach die Gründung von PURinvest. Das Unternehmen, das bis zu elf Mitarbeitern beschäftigte, musste Ende 2013 Insolvenz anmelden. Vier Investoren, darunter ihr Ehemann, halfen der Firma wieder auf die Beine. Heute firmiert das Unternehmen mit Sitz in Leipzig als Purinvent System. Frauke Petry ist nach wie vor die Geschäftsführerin.
Viel Zeit die patentgeschützten Kunststoffe von PURinvent unter die Leute zu bringen, wird sie nicht haben. Als Vorsitzende einer Partei zwischen Aufbruch und Auflösung dürften genug andere Aufgaben warten.
     Frank Horns


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Kommentare

Rudolf Remp:
22.07.2015, 13:08 Uhr

Seit ich Frau Petry in den ÖR-Politrunden erleben durfte, bin ich von der Ehrlichkeit und Geradlinigkeit dieser Frau begeistert. Wie Sie schon schreiben, entlarvt sie die üblichen Phrasendrescher gnadenlos und läßt sich im Gegensatz zu H. Lucke nicht verschrecken.
Deshalb läuft ja auch die Kampagne sie in die rechte Ecke zu stellen auf Hochtouren.
Sie kann auch nicht für jedes einzelne Parteimitglied und dessen Vergangenheit bürgen, aber da werden ja auch CDU, SPD und Grüne massiv von (rechts)nationalen türkischstämmigen Mitgliedern unterwandert. Da ist es dann plötzlich kein Problem.
Ihre Ansichten kann man höchstens als "konservativ" bezeichnen. Aber - wer die Einhaltung von RECHT verlangt, ist natürlich rechts - sagt ja schon der Name.


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