Schüsse, die den Weltenbrand entfachten

Vor 100 Jahren ermordete Gavrilo Princip in Sarajevo das österreich-ungarische Thronfolgerpaar

28.06.14
Lauerte an der Strecke: Princip (l.) war einer von mehreren gedungenen Attentätern. Bild: BpK

Zweimal feuert Gavrilo Princip. Weil er vom Wagen-Trittbrett kurz abrutscht, dringt die erste Kugel Sophie von Hohenberg in den Unterleib. Das zweite Projektil aus des Attentäters Waffe verfehlt sein eigentliches Ziel indes nicht: Österreich-Ungarns Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand.

In rascher Fahrt geht es entlang dem Flüßchen Miljacka ins Rathaus von Sarajevo, wo man das Thronfolgerpaar auf Laken und Chaiselongue bettet. Ärzte können nur noch beider Tod feststellen; Jesuitenpater Anton Puntigam, Steirer wie der 1863 in Graz geborene Franz Ferdinand, spendet die Letzte Ölung und segnet die Leichname ein. Der Leiter eines unter Sophies Schirmherrschaft stehenden Jugendheims in der bosnischen Hauptstadt hat die Dramatik des Geschehens aus nächster Nähe miterlebt, das Anlass, nicht Ursache gewesen ist für den ersten Weltenbrand. Vier Jahre soll der Krieg dann dauern, in Materialschlachten ungeahnten Ausmaßes Millionen Menschen das Leben kosten und schließlich die Monarchien im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarnvon, in Russland und im Osmanischen Reich hinwegfegen.
Der Hoheiten Visite am 28. Juni 1914 in Sarajevo stand unter denkbar ungünstigem Gestirn. Ausgerechnet um den „Vidovdan“,
den Sankt-Veits-Tag, Manöver von k. u. k. Truppenverbänden im Beisein des Erzherzogthronfolgers im annektierten Bosnien abzuhalten, wirkte wie eine Provokation. Der Vidovdan gilt den Serben als wichtigster historischer Gedenktag im Jahr. Am Veitstag 1389 unterlag das serbische Heer unter dem Fürsten Lazar den Türken in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje). Die jährlich wiederkehrende Erinnerung daran ist den Serben stets ein mächtiger Antrieb, auch und gerade für Bluttaten wie 1914. Am Veitstag 1921 erließ König Alexander Karadjordjevic die zentralistische „Vidovdan-Verfassung“. Auch in der politischen Karriere des Slobodan Miloševic spielte der Vidovdan eine bedeutende Rolle. Am 28. Juni 1989, dem 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld, hielt er vor mehr als einer Million Serben eine Rede, in der er ankündigte, die serbischen Gebiets- und Herrschaftsansprüche würden wenn nötig mit Gewalt verwirklicht. Zwei Jahre später, am Veitstag 1991, überfiel die serbisch bestimmte Jugoslawische Volksarmee Slowenien. Dass Miloševic, der sein Volk in vier verlorene Kriege gegen andere Völker des letztlich zerfallenen Jugoslawien hetzte, der die Serben in tiefe Armut, Isolation und Orientierungslosigkeit stürzte, am ersten Vidovdan des dritten Jahrtausends von Belgrad ans Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag überstellt wurde, war gewiss kein Zufall.
Dass am Vidovdan 1914 etwas im Gange sein musste, darauf hatte die Geheimpolizei Hinweise genug. Das Unheil nimmt denn auch an jenem Sonnabendmorgen kurz nach 10 Uhr seinen Lauf. Der Thronfolger und seine Frau kommen nach den Manövern mit dem Hofsonderzug der Schmalspurbahn aus Ilidža in der zehn Kilometer entfernten bosnischen Hauptstadt an. Rasch geht es im offenen Automobil durch die Stadt, schließlich soll man dem künftigen Kaiserpaar zujubeln können. Derweilen haben sich die Attentäter bereits an für ihr Vorhaben günstigen Punkten der geplanten Route unters Volk gemischt. Sie gehören der 1908, nach der Annexion des Landes, entstandenen Organisation „Mlada Bosna“ (Junges Bosnien) an, die sich die Beendigung der Habsburgerherrschaft auf dem Balkan und die Errichtung eines südslawischen Staates zum Ziel gesetzt hat, darin unterstützt von serbischen Geheimorganisationen, vor allem der „Schwarzen Hand“. Deren Anführer ist Dragutin Dimitrijevic, Pseudonym „Apis“, Chef des serbischen Heeresgeheimdienstes. „Apis“ versorgt drei „Jungbosnier“ mit Waffen: Gavrilo Princip, Trifko Grabež und Nedeljko Cabrinovic erhalten je eine Pistole sowie zwei Handgranaten. Mit der geringen Dosis Zyanid, die jeder erhält, um nach der Tat Selbstmord begehen zu können, sollen Spuren zu den Hintermännern und zur Organisation verwischt werden. In Sarajevo stoßen weitere Verschwörer hinzu: Muhamed Mehmedbasic, Danilo Ilic, Vasa Cubrilovic und sein Cousin Veljko sowie Cvijetko Popovic und Miško Jovanovic. Um 10.10 Uhr nähert sich das Fahrzeug mit dem Thronfolgerpaar dem Studenten Cabrinovic. Der schleudert ihm eine Granate entgegen. Franz Urban, der Wagenlenker, gibt instinktiv Gas, weshalb die umherfliegenden Splitter Oberstleutnant von Merizzi, den Adjutanten Franz Ferdinands, nebst Ordonnanzen im Begleitfahrzeug und Zivilpersonen verletzen. Cabrinovic schluckt das Zyanid und springt in die Miljacka; das Gift wirkt jedoch nicht, der Attentäter wird aus dem Wasser gefischt und verhaftet, derweil das Gefährt zum offiziellen Empfang im Rathaus weiterfährt, wo Bürgermeister Fehim Effendi Curcic kreidebleich „Hoch beglückt sind unsre Herzen über allergnädigsten Besuch“ daherstammelt.
Eigentlich soll der Besuch in der Stadt nach dem Vorfall sogleich sein vorzeitiges Ende finden. Franz Ferdinand besteht jedoch darauf, Merizzi vor der Abreise im Spital aufzusuchen – trotz eindringlicher Warnung des Grafen Harrach, seines Begleitoffiziers. General Oscar Potiorek, für die Sicherheit zuständig, entscheidet sich dafür, das Stadtzentrum zu umfahren und so das Risiko für das Thronfolgerpaar zu mindern. Offenbar instruierte er aber den Fahrer nicht dementsprechend. Erst als das Gefährt an der Kreuzung vor der Lateinerbrücke abbiegt, schreit Potiorek: „Das ist der falsche Weg!“ Andere Quellen besagen, der Lenker habe, seinen Irrtum revidierend, angehalten und umgehend wenden wollen. Dies macht sich Gavrilo Princip zunutze, er wechselt die Straßenseite, zückt den Revolver und gibt die Schüsse ab. Der 19-Jährige will sich danach selbst richten, wird jedoch von Umstehenden überwältigt und verhaftet. Ihm und den Mitverschwörern, insgesamt 25 „Jungbosniern“, macht man im Oktober den Prozess. Mit Ausnahme Princips und Cubrilovics, die 20 respektive 16 Jahre Kerkerhaft erhalten, weil die Todesstrafe gegen sie wegen Minderjährigkeit nicht verhängt werden kann, werden alle Verschwörer hingerichtet. Princip stirbt am 28. April 1918 im Gefängnis von Theresienstadt. Cubrilovic kommt nach Kriegsende frei, schließt 1929 sein Geschichtsstudium ab, wird später Professor an der Universität Belgrad und nach dem Zweiten Weltkrieg sogar Minister in der jugoslawischen Bundesregierung. Er stirbt 1990 im Alter von 94 Jahren; er soll sich zeitlebens geweigert haben, sich die damaligen Ereignisse in Erinnerung zu rufen.
Von diesen zeigt sich in Schönbrunn Kaiser Franz Joseph erschüttert. „Entsetzlich, der Allmächtige lässt sich nicht herausfordern“, sagt er bei Erhalt der Nachricht und fügt hinzu: „Eine höhere Gewalt hat wieder jene Ordnung hergestellt, die ich leider nicht zu erhalten vermochte.“ Worte eines greisen Mo­narchen, dem nach der Erschießung des Bruders Maximilian, nach dem Selbstmord des Sohnes Rudolf und der Ermordung seiner Frau Elisabeth, „Sisi“, auch noch der – von ihm nicht geschätzte – Thronfolger genommen wird.
Der Neffe Franz Josephs sah seine Hauptaufgaben in Ausbau und Modernisierung der Land- und Seestreitkräfte; einem Krieg gegen Serbien lehnte er ab. Von den Regierungsgeschäften strikt ausgeschlossen, entwickelte sich seine Militärkanzlei indes zu einer Art informeller Nebenregierung. Den als „Slawenfreund“ Apostrophierten, der ungarische Selbstständigkeitsbestrebungen ebenso schroff ablehnte wie tschechische und südslawische, trieb die Sorge um, die sich alsbald bewahrheiten sollte: dass die Verwicklung der Monarchie in einen großen Krieg gegen das zaristische Rußland das Ende des Vielvölkerstaates bedeuten müsste. Seine Ermordung war der Funke zum Krieg, den zu verhindern er zu einer der Kernfragen der österreich-ungarischen Außenpolitik hatte machen wollen.
Während Depeschen und Ultimaten einander ablösen, wird der Thronfolger nach Ankunft der Särge in Wien an der Seite seiner Frau in der Gruft des hoch über der Donau gelegen Schlosses Artstetten bestattet, dem Familiensitz am Tor zur Wachau. Auf sein Begräbnisrecht in der Grablege in der Kapuzinergruft zu Wien, in der auch Habsburger zur letzten Ruhe gebettet sind, die nicht regierten, hatte Franz Ferdinand verzichtet – nach seiner morganatischen Heirat mit der nach der strengen Etikette des Kaiserhauses als „nicht ebenbürtig“ empfundenen böhmischen Gräfin Sophie Chotek, die nur den Titel Fürstin von Hohenberg führen durfte. Erst im Juni 1986 sollte in der Kapuzinergruft eine Gedenktafel an die beiden „ersten Opfer des Weltkrieges 1914 bis 1918“ angebracht werden – späte Genugtuung für ein Paar, das bis zum Vidovdan, der ihm den Tod brachte, in glücklicher Ehe gelebt hatte.     Rainer Liesing


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Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
30.06.2014, 16:58 Uhr

So schlimm menschlich gesehen die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares Franz Ferdinand und Sophie Chotek("Sopherl stirb nicht") auch immer war, so fragt sich heute mit recht nach 100 Jahren der Historiker, war dieses der Millionen Toten des 1. Weltkrieges gegenüber wirklich notwendig? Hätte es nicht eine begrenzte Auseinandersetzung zwischen der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und Serbien bleiben können? Allein Russland, Frankreich und England suchten den Krieg, vor allem gegen Deutschland, weil es sich anmaßte auch einen Platz an der Sonne beanspruchen zu dürfen.
Franz Joseph, ein vom Schicksal schwer geschlagener Kaiser, hat Serbien schließlich den Krieg erklärt. Ihm blieb eigentlich kaum eine andere Wahl.
Weshalb heute Serbien nach 100 Jahren den serbischen Bosnier Gavrilo Princip noch immer als Helden verehrt, zeigt nur, wie wenig die Menschen aus der Geschichte gelernt haben. Nationale Hassgefühle prägen das Bild und im Kosovo stehen sich Serben und Albaner gegenüber, wobei nur der militärische Einsatz der UN-Truppen schlimmere Auswüchse verhindert. Der Balkan bleibt an Europas Südgrenze ein Pulverfass, wie vor dem Ausbruch des 1 Weltkrieges. Daran hat sich auch nach 100 Jahren kaum etwas geändert.


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