Sehnsucht nach Heimat und Familie

Neuartige Zukunftsstudie zeigt, wie sich globale Trends in den nächsten 15 Jahren auf die Werteentwicklung der Deutschen auswirken

28.06.17

Die Deutschen sehnen sich nach traditionellen Werten wie Heimat und Familie, lehnen aber gleichzeitig autoritäre Konzepte zu Kontrolle, Ordnung und Sicherheit ab. Das zeigt die erste Universalstudie zur Werteentwicklung in Deutschland, „Values & Visions 2030“, des Beratungsunternehmens Gesellschaft für Innovative Marktforschung (GIM).
Das Forscherteam hat in einer neuartigen systematischen Kombination aus Experteninterviews und Konsumentenbefragung ermittelt, wie sich globale Megatrends in den kommenden zehn bis 15 Jahren auf die Werteorientierungen der Deutschen auswirken. In Abgrenzung zu anderen Zukunftsbetrachtungen hat die GIM eine neuartige Kombination qualitativer und quantitativer Methoden entwickelt, die sowohl Megatrends betrachtet, welche den strukturellen Wandel abbilden, als auch den Wertewandel, der kulturelle Veränderungen spiegelt.
Eine zentrale Erkenntnis ist die starke Hinwendung zu klassischen Konzepten wie Tradition und Heimat, Freiheit und persönliche Nähe. Sie stellt offensichtlich eine Reaktion auf die zunehmende Digitalisierung und Fragmentierung der Gesellschaft und des eigenen Lebens dar, die als Bedrohung wahrgenommen werden. So erzielt der Wunsch, die klassische Familie solle an Bedeutung gewinnen, eine überdurchschnittliche Zustimmung von 73 Punkten auf einer Skala von 1 bis 100. Ähnlich stark ist der Wunsch nach einer stärkeren Rückbesinnung auf die Heimat. Gleichzeitig wird obrigkeitsstaatlichen Tendenzen deutlich widersprochen. Die These beispielsweise, man müsse im Tausch für mehr Sicherheit  auf Freiheiten verzichten, erzielte die niedrigsten Zustimmungswerte überhaupt.
Die positive Einschätzung hergebrachter Einstellungen steht in Wechselbeziehung zu einem weiteren Ergebnis der Studie: Die Deutschen stehen gerade den Entwicklungen, die als sehr dynamisch wahrgenommen werden, besonders skeptisch gegenüber. Neuerungen wie Fitness-Tracker, Einkaufsassistenten und selbstfahrende Autos wecken anstelle von Hoffnungen vor allem Befürchtungen, die vom Verlust der Hoheit über die eigenen Daten bis zur Bedrohung des autonomen Handelns reichen.
Wichtigster Hoffnungswert ist „Verantwortung“, die größte Besorgnis löst die „Geborgenheit im Digitalen“ als Ausdruck der alles durchdringenden Digitalisierung aus. Inseln der Sehnsucht sind Tradition und Heimat, menschliche Nähe sowie Gerechtigkeit und Solidarität, während der Komplex Sicherheit und Kontrolle weitge- hende Ablehnung erfährt.
Die Rückbesinnung auf traditionelle Werte sei jedoch nicht reaktionär, betont der GMI-Studien- leiter Björn Huber. Das widerspreche deutlich der Wahrnehmung, die insbesondere in politischen Debatten vorherrsche. Das Ergebnis der Studie ließe sich in eine Art Landkarte übertragen: „Im Nordwesten liegen die Sehnsuchtsfelder: Werte, die stark erwünscht sind, von denen man aber keine signifikante Entwicklung erwartet. Im Südosten finden sich Aspekte, die wesentlich wichtiger werden, vor denen man sich aber eher fürchtet. Entsprechend sind im südlichen Westen Werte angesiedelt, die statisch sind und das auch bitte bleiben sollen, weil sie unerwünscht sind – im Gegenteil zu den Hoffnungsträgern im Nordosten. Von diesen erwartet und wünscht man gleichzeitig, dass sie an Bedeutung zunehmen“, so Huber.    J.H.


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