»Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen«

Der Zweite Weltkrieg begann, bevor der erste Schuss fiel

09.09.19
Statt im gewohnten Braun nun im militärischen Feldgrau: Adolf Hitler vor 80 Jahren im Reichstag

Der Krieg war fast pünktlich. Eine schwüle Sommernacht war gerade vergangen, als am 1. September 1939 um 4.45 Uhr, wie befohlen, das im Hafen von Danzig liegende Linienschiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf die polnische Westerplatte eröffnete. Überall an der deutsch-polnischen Grenze preschten deutsche Panzer vor. Die Luftwaffe startete nach Osten. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen – ohne Kriegserklärung. Fünf Jahre, acht Monate und acht Tage dauerte die grauenvolle Gewalt an.

Eine Stunde nach den ersten Schüssen verbreitete der Rundfunk eine Proklamation Adolf Hitlers: „Die Deutschen in Polen werden mit blutigem Terror verfolgt, von Haus und Hof vertrieben. Eine Reihe von für eine Großmacht unerträglichen Grenzverletzungen beweist, dass die Polen nicht mehr gewillt sind, die deutschen Reichsgrenzen zu achten. Um diesem wahnwitzigen Treiben ein Ende zu setzen, bleibt mir kein anderes Mittel, als von jetzt ab Gewalt gegen Gewalt zu setzen.“
In dieser Woche vor 80 Jahren hatten auch Gutgläubige die Hoffnung auf eine friedliche Lösung verloren. Noch eine Woche zuvor hatten sie gehofft, der Krieg lasse sich vermeiden. Und wenn es doch einen Krieg geben sollte, dann nur einen kurzen. Am 23. August hatten der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetischer Kollege Wjatscheslaw Molotow einen Nichtangriffsvertrag im Beisein Josef Stalins unterzeichnet. Die Menschen atmeten auf, der Frieden schien gerettet. Was die Menschen nicht erfuhren: In einem geheimen Zusatzabkommen hatten Hitler und Stalin die Grenzen ihrer Expansion abgesteckt.
Nur zwei Tage später, am 25. August 1939, setzte Hitler den Termin für den Angriff fest: Um 4.30 Uhr, in der Morgendämmerung des nächsten Tages, solle die deutsche Wehrmacht losschlagen. Aber die Frist des Friedens wurde noch einmal verlängert. Denn am 25. August erklärte Frankreich einmal mehr, an der Seite Polens zu stehen, ratifizierten England und Polen ein Militärabkommen, erhielt Hitler einen Brief von Benito Mussolini, in dem dieser warnte, die Zeit für einen Krieg sei noch nicht gekommen. Die Kriegsmaschinerie wurde in letzter Sekunde gestoppt. Die Soldaten, bereits auf dem Marsch, machten um 3 Uhr verwirrt kehrt Richtung Verfügungsraum. Am selben Tag lief die „Schleswig-Holstein“ in Danzig zu einem „Freundschaftsbesuch“ ein.
Die Vorbereitungen des Krieges hatten sich nicht länger verbergen lassen. Es waren kleine Zeichen, die zur Bedrohung anwuchsen. Der Kaufmann an der Ecke bediente seine Kunden nicht mehr, er war eingezogen worden. Buslinien wurden eingestellt, weil die Busfahrer nun Lastwagen der Wehrmacht steuerten. In Polen seien die Bahnhöfe überfüllt von Juden, die versuchten, sich davon zu machen, hieß es in Presse- und Rundfunkmeldungen. Polen und Frankreich machten mobil.
Der Alltag geriet aus den Fugen. Landkreise verlängerten die Ferien, damit Schüler bei der Ernte helfen konnten. Die Hitlerjugend appellierte an die Eltern, ihre Kinder auf dem Lande zu lassen, damit sie bei der Kartoffel- und Rübenernte helfen können. Und der Rundfunk ermahnte die Frauen, man erwarte nun, da die Männer zur Wehrmacht müssten, besondere Disziplin und Verständnis.
Lebensmittel und kriegswichtige Rohstoffe wurden rationiert. Zwar hatte Hitler den für den 26. August vorgesehenen Angriff gestoppt, aber die Umstellung des zivilen Lebens auf den Kriegszustand hatte sich nicht mehr aufhalten lassen. So wurden am 27. August die längst gedruckten Lebensmittelkarten und Bezugsscheine für längerlebige Waren verteilt. Das System löste große Verwirrung aus. Niemand kam damit zurecht. Dabei hatte schlagartig in den Zeitungen eine Kampagne eingesetzt, die die verzwickten Regeln entwirren sollte:
„Neben den für Zucker bekanntgegebenen Höchstmengen von 280 Gramm je Kopf und Woche ist mit Rücksicht auf die Einmachzeit die Möglichkeit gegeben, auf die Kartoffelabschnitte 1, 2, 3 je ein halbes Kilogramm Zucker zu beziehen. Fleischwaren können dreimal in der Woche bezogen werden, Für die mit ,Fleisch oder Fleischwaren‘ bezeichneten Abschnitte mit den Zahlen 3, 6, 9, 12 sind je 200 Gramm Fleisch abzugeben. Anstelle von einem halben Liter Vollmilch können auch 170 Gramm Kondensmilch bezogen werden. Ferner werden 80 Gramm Käse oder 160 Gramm Frischquark je Woche abgegeben, und zwar auf die mit ,Eier‘ bezeichneten Abschnitte.“
Solche Erklärungen waren das letzte Alarmsignal. Jeder wollte zu Hause sein, wenn das Unwetter losbricht. Fluchtartig verließen die Urlauber ihre Ferienquartiere. Die Rheinländer hatten noch Sommerferien, überall herrschte Hochbetrieb. Nun aber war der Weg heimwärts mit Schwierigkeiten gepflastert. Personenzüge fielen aus, sie transportierten jetzt Militär. An den wenigen Tankstellen bildeten sich lange Autoschlangen. Die Vorratstanks waren nahezu leer, die Wehrmacht hatte den Sprit beschlagnahmt. Ab 30. August wurde Benzin ohnehin nur noch gegen Berechtigungskarte aus begründetem Anlass abgeben.
Selbstverständliches wurde plötzlich zur Mangelware. Seife zum Beispiel, auch wenn versprochen wurde „die Seifenbestimmungen haben teilweise einen Übergangscharakter. Jeder, der Rasierseife braucht, wird selbstverständlich seinen Schein dafür erhalten.“ Oder Schuhsohlen: „Nur solche Schuhsohlen dürfen erneuert werden, deren Lauffläche durchgelaufen ist.“
Der Krieg hatte begonnen, bevor auch nur ein Schuss gefallen war. Am 31. August gab SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich das Schlüsselwort zum Überfall auf den Sender Gleiwitz durch: „Konserven“. Im Reichstag rief Hitler am 1. September: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“ Hitler hatte sich versprochen, die Schüsse waren eine Stunde früher gefallen. Statt Braun trug er nun Feldgrau. Er erklärte, er werde diesen Rock „nur ausziehen nach dem Sieg, oder ich werde dieses Ende nicht mehr erleben.“ Hitler erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Acht Tage vor der Kapitulation am 8. Mai 1945, stahl er sich durch Selbstmord aus seiner Verantwortung.    Klaus J. Groth


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Kommentare

Dr. Gunther Kümel:
24.09.2019, 13:06 Uhr

Der Artikel hätte auch in der FAZ erscheinen können.

Polen hat seit dem Ende des WKI versucht, die von Deutschen bewohnten annektierten Gebiete polnisch zu machen. Polen war nur zu 55-60% von Polen bewohnt, der Rest waren Ukrainer, Deutsche, Litauer, Juden u.a.

Alle Minderheiten wurden gewaltsam unterdrückt. Die Beschwerden an den Völkerbund gehen in die Tausende.
Durch die Politik Englands (Blanko-Garantie) wurden die Polen ab März 39 völlig irre: Deutsche flüchteten in die Wälder wurden bei der Flucht über die Grenzen abgeknallt. Dennoch flohen über 100.000 in den letzten Friedenswochen nach Deutschland, nach Danzig. Es gab Dutzende schwerste Grenzverletzungen, Höfe wurden niedergebrannt, Bauern erschossen, im Reichsgebiet! Die Geschichte mit Gleiwitz dürfte eine Nachkriegs-legende sein. Kein Staat der Welt konnte all das hinnehmen.
Dennoch: Als der dt. Regierung klar wurde, daß die Polizeiaktion gegen Polen GB und F zur Kriegserklärung nutzten, hat er sofortigen Waffenstillstand, Truppenrückzug, Reparationen und zum wiederholten Male vergeblich Verhandlungen angeboten.

Schon vor Kriegsausbruch hat Deutschland weitreichende Abrüstungsvorschläge gemacht, friedliche Verhandlungen zu jeder beliebigen Frage angeboten. Seine Vorschläge an Polen zur erträglichen Gestaltung der Frage Korridor und Danzig (war kein Teil Polens!) waren derart moderat, daß sie in englischen Zeitungen auf Weisun der Regierung GB nicht veröffentlicht werden durften.
Die dt. Regierung hatte nämlich die ANERKENNUNG der Gebietsverluste in O-Schlesien und Korridor angeboten, einen 25-j. Nichtangriffsvertrag, Verhandlungen über die Minderheiten:
ABER GB (Churchill) WOLLTE DEN KRIEG!

Die einzige Möglichkeit, den Krieg mit GB und F für diesmal noch zu vermeiden, wäre gewesen, die Millionen Volksdeutschen in den annektierten Gebieten vernichten, ermorden, vertreiben zu lassen.


w. scholz:
19.09.2019, 03:29 Uhr

Was hat Heiko Maas gesagt ? "Man kann nicht die IS Kinder für die Verbrechen ihrer Eltern verantwortlich machen.."!!! Aber den Deutschen seit 1918 die Alleinschuld (2. 30j Krieg, Luftverschmutzung, 'Giftgas' CO2, etc.etc.) aufbürden geht schon. Am Ende sind wir noch für das Ende (1850-1870) der kleinen Eiszeit im Mittelalter verantwortlich mit der seitherigen Erwärmungsannäherung auf Normalmaß. Am Ende der 2. Septemberwoche ist an einem Abend in 34 TV-Kanälen 7!x "Hitler und seine ..." gelaufen. Es vergeht kein Tag ohne "Hitler und seine ... (Bunker/Frauen/Hunde/Vollstrecker/Waffen/Superwaffen/ etc.).Wieviel Kriege haben die USA seit 1945, auch indirekt, geführt, mit wieviel Millionen Toten? Das SIPRI sagt, daß daraus 1 Mrd. Vertriebene entstanden sind! Wahrscheinlich macht es die schiere Größe, daß darauf nicht weiter eingegangen wird. Und der einzige Präsident der letzten Jahrzehnte der bisher keinen Krieg angezettelt hat ist für die MSM der 'BÖSE'.


Deutsche Haltung:
13.09.2019, 22:05 Uhr

Die Westerplatte, eine Landzunge, war ein urdeutsches Stück Land, zur Stadt Danzig gehörig. Polen hatte darauf widerrechtlich, deutsche Schwäche ausnutzend, einen polnischen Militärstützpunkt mit Munitionsdepot errichtet - zur Einschüchterung Danzigs und Kontrolle der Weichselmündung.
Die Schleswig-Holstein hat in Wirklichkeit also nur ein deutsches Gebiet beschossen, wo sich bestenfalls illegal fremde Militärangehörige verschanzt hatten.


Siegfried Hermann:
9.09.2019, 12:19 Uhr

Sorry,
das einzige was ich den Artikel abgewinnen kann:
"...Die Deutschen in Polen werden mit blutigem Terror verfolgt, von Haus und Hof vertrieben..."

Warum wohl hieß es: ZURÜCK-geschossen??

Geschätzte 100.000 Deutsche wurden durch die polnischen Säuberungen der 30ziger Jahre teils bestialisch ermordet, die Flucht nach Deutschland wurde genauso unerbittlich verhindert wie an der DDR-Mauer. Im Osten starben gar 300.000 Russen, Litauer, Letten, eben alles was nicht polnisch war und nicht polnisch werden wollte. Die Reaktion Stalin führte dann schon zwangsweise zu Kaytn.
Der WK-II hat so gesehen schon Anfang 1930 angefangen mit der Diktatur der
Pi?sudski-Ära (lange vor Hitler) und der verlogenen Intervention der Briten um die Korridorfrage.
Hierzu:
BW-General a.D. Schulze-Rhondorf: Der Krieg, der viele Väter hatte.
Eine interessante Sammlung aus dieser Zeit wurde auf: Die Heimkehr.info
zusammen getragen und wieder veröffentlicht.
Wie sagte doch Morpheus:
Du entscheidet: Die Rote oder die blaue Pille. Danach wird es kein Zurück (zur Lüge) geben.


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