Selbstverbrennung wider die »Normalisierung«

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings opferte der Tscheche Jan Palach sein Leben, um seine Mitbürger aufzurütteln

21.01.19
Nahe dem Sterbeort, dem Wentzelsplatz: Protest- und Trauerzug für Jan Palach am 20. Januar 1969 Bild: action press

Vor 50 Jahren verbrannte sich der tschechische Student Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz, um die Bevölkerung der Tschechoslowakei aus der Lethargie aufzurütteln, in die sie nach der gewaltsamen Niederschlagung der Reformbewegung im August 1968 gefallen war. Allerdings blieb das Opfer des  20-Jäh­rigen zunächst vergeblich, obwohl er mehrere Nachahmer fand.

Am Nachmittag des 16. Januar 1969 legte Jan Palach unweit der großen Freitreppe des Nationalmuseums am Südostende des Prager Wenzelsplatzes Mantel und Aktentasche ab und übergoss sich mit Benzin, das er dann ohne zu zögern per Streichholz entzündete. Anschließend rannte der Student auf den Platz hinaus, wo ein Fahrdienstleiter der Straßenbahn die Flammen mit seinem Mantel erstickte. Wenig später wurde der lebensgefährlich verletzte Palach, dessen Körperoberfläche zu 85 Prozent verbrannt war, mit dem Krankenwagen in die Boruvkovo-Klinik für Plastische Chirurgie gebracht.
Der am 11. August 1948 in Melník geborene spätere Student an der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität entstammte einer ursprünglich kleinbürgerlichen Familie – sein Vater hatte eine Süßwarenhandlung betrieben, bis diese 1948 in „Volkseigentum“ überging, was Josef Palach das Herz brach. Angesichts dessen stand der junge Palach dem „realsozialistischen“ System in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) höchst kritisch gegen­über und setzte große Hoffnungen in den Prager Frühling. Umso desillusionierter war er nach dessen Niederschlagung. Dabei enttäuschte ihn besonders die resignierte Haltung seiner Landsleute angesichts der sogenannten Normalisierung im Lande. Manche meinten sogar, es sei am Ende besser gewesen, dass die Russen einmarschiert seien, als dass vertriebene Sudetendeutsche den Reformprozess genutzt hätten, um ihr verlorenes Eigentum zurückzufordern. Deshalb wollte Palach mit einer Selbstverbrennung ein Fanal setzen, wie man auch im Abschiedsbrief des Dissidenten nachlesen kann: „Da unser Land davor steht, der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, haben wir uns dazu entschlossen, unserem Protest auf diese Weise Ausdruck zu verleihen, um die Menschen aufzurütteln.“
Palach sprach in dem Schreiben von einer ganzen „Gruppe … aus Freiwilligen …, die dazu bereit sind, sich für unser Anliegen selbst zu verbrennen“. Insbesondere würden „weitere Fackeln in Flammen aufgehen“, wenn die Behörden nicht endlich die Zensur aufhöben.
Allerdings nahm Palach diese Ankündigung drei Stunden vor seinem Tod am 19. Januar zurück, indem er dem damaligen Anführer der tschechoslowakischen Studentenbewegung Lubomír Holecek folgendes persönliche Vermächtnis diktierte, das wenig später an die Öffentlichkeit drang: „Meine Tat hat ihren Sinn erfüllt. Aber niemand sollte sie wiederholen. Die Studenten sollten ihr Leben schonen, damit sie ihr ganzes Leben lang unsere Ziele erfüllen können, damit sie lebendig zum Kampfe beitragen.“
Allerdings sah es zumindest anfänglich nicht danach aus, dass Palach das Volk der CSSR mit seinem Opfer aufgerüttelt hätte. Zwar gab es einige große Demonstrationen in Prag mit bis zu 200000 Teilnehmern, aber dann zog bald wieder Ruhe ein, während die sowjetkommunistische Führung nun ihre Version der Dinge verbreitete. Palach habe sich eigentlich mit einer aus der Bundesrepublik stammenden Mixtur überschütten wollen, die auch von Zirkusartisten benutzt werde und keine ernsthaften Verbrennungen verursachen könne. Jedoch hätten einige seiner Kommilitonen die Mischung zur Erzeugung von „kalten Flammen“ ohne sein Wissen durch Benzin ersetzt und ihn somit getötet.
Angesichts dieser Entwicklung hielt es der 18-jährige Jan Zajíc, ein Schüler an der Fachschule für Eisenbahntechnik in Mährisch Schönberg (Šumperk), für nötig, ebenfalls Suizid aus politischen Gründen zu begehen. Er verbrannte sich am 25. Februar 1969, also dem 21. Jahrestag der Macht­er­grei­fung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, vor dem Haus Nr. 39 am Prager Wenzelsplatz. Dort hinterließ Zajíc eine Erklärung „An die Bürger der Tschechoslowakischen Republik“, in der er schrieb: „Weil unser Leben trotz der Tat von Jan Palach wieder in alte Muster verfällt, habe ich mich entschieden, dass ich euer Bewusstsein als Fackel Nr. 2 erwecke. Ich mache es nicht aus dem Grunde, dass mich jemand beweinen soll oder damit ich berühmt werde oder vielleicht, weil ich verrückt bin. Ich habe mich zu dieser Tat entschlossen, damit ihr euch wirklich zusammenrafft und euch nicht von den Diktatoren schleifen lasst!“
Doch auch dieses abermalige Opfer zeitigte keine Wirkung – genauso wie weitere Suizide idealistischer und zumeist junger Tschechen aus dem gleichen Grund, darunter auch eine dritte Selbstverbrennung aus Protest gegen die Machthaber in Prag am 4. April 1969. An diesem Karfreitag vor 50 Jahren starb der 39-jährige Werkzeugmacher Evžen Plocek aus Iglau (Jihlava). Die überwiegende Mehrzahl der Menschen in der CSSR arrangierte sich mit dem System, vor allem als wenig später der freie Sonnabend eingeführt wurde, der es vielen ermöglichte, sich noch mehr als bisher ins Privatleben zurückzuziehen.
Beendet wurde die sowjetkommunistische Herrschaft erst zwei Jahrzehnte später mit der „Samtenen Revolution“. Danach wurde das Opfer der menschlichen „Fackeln“ auch in deren Heimat offiziell anerkannt, nachdem dieses vorher nur im Ausland geschehen war.    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Jan Kerzel:
9.02.2019, 16:17 Uhr

Die drei tschechischen Bürger kann man nur beweinen, sehr schade um das weggeworfene Leben. Ich habe das damals etwa altersgleich mitbekommen. Jetzt wären sie im hohen Alter und Bürger einer freien Republik. Die politischen Zustände mögen oft miserabel sein, aber meist gibt es halbwegs akzeptable Alternativen: politische Arbeit, Rückzug ins Private, Emigration, berufliches Engagement. Die drei jungen Tschechen verdienen, dass sie geehrt werden und ihrer gedacht wird, leider nützt es ihnen persönlich nichts mehr. Das Hemd sollte einem immer näher sein als die Jacke.


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