Siemens will den großen Wurf

»Campus«: Der Weltkonzern plant Berlins größte private Investition der Nachkriegszeit

11.11.18
„Alles mit Siemens-Geld bezahlt“: Auch günstige Wohnungen sollen entstehen Bild: Imago

Der DAX-Konzern Siemens hat sich dafür entschieden, seinen Innovationscampus in Berlin aufzubauen. Die Ansiedelung gilt als größte Einzelinvestition eines Unternehmens in der Nachkriegsgeschichte Berlins.
 
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Siemens-Vorstandsmitglied Cedrik Neike haben bereits am 31. Oktober eine entsprechende Vereinbarung über das Projekt im Bezirk Spandau unterzeichnet.
Bis zum Jahr 2030 will der Münchner Technologiekonzern auf dem historischen Industriegelände in der Siemensstadt einen sogenannten Zukunftscampus aufbauen. Auf etwa einem Quadratkilometer Fläche sollen Büros, Forschungslabore, Produktionsanlagen und Gründungszentren für junge Firmen entstehen.
Vorgesehen sind zudem auch günstige Wohnungen: „Wir wollen 200000 Quadratmeter Wohnraum, bezahlbaren Wohnraum in der Siemensstadt kreieren, um die Leute auch mit einzuladen“, kündigte Neike an. Insgesamt will das Unternehmen in Berlin bis zu 600 Millionen Euro investieren. Siemens will in der Hauptstadt an Themen wie der Künstlichen Intelligenz und Elektromobilität forschen.
Längere Zeit war offen gewesen, ob Siemens mit Hilfe einer internationalen Ausschreibung einen Standort für sein Campus-Projekt sucht. Beobachter hatten es im Fall eines Ausschreibungsverfahrens für wahrscheinlich gehalten, dass ein Ort in Asien oder den USA das Rennen machen würde, kaum aber Berlin.
Laut Medienberichten haben der Berliner Senat und der Münchner Konzern in den vergangenen Wochen intensive Verhandlungen über eine Ansiedelung am historischen Gründungsort des Unternehmens geführt.  Konzern-Chef Joe Kaeser sagte mit Blick auf die nun erfolgte Entscheidung zugunsten der deutschen Hauptstadt: „Der Senat von Berlin hat uns überzeugend dargelegt, dass er ein solches Großprojekt will. Und er hat sehr gute Voraussetzungen dafür geschaffen, um die Entwicklung für beide Seiten zu einem Erfolg zu führen.“
Siemens will die veranschlagte Investitionssumme selber tragen. Kaeser verspricht: „Alles Siemens-Geld, versteuert und vorrätig. Wir können morgen anfangen.“
Auch wenn offenbar keine öffentlichen Subventionen fließen, die rot-rot-grüne Landesregierung musste dem Weltkonzern doch auch einiges bieten. In einem Eckpunktepapier, das im Oktober an die Adresse von Siemens ging, sicherte die Stadt eine schnelle Internetanbindung sowie einen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur in der Siemensstadt zu. Als kritischer Punkt galt auch der Denkmalschutz auf dem Gelände, auf dem das alte Dynamowerk und das Schaltwerk stehen.
Mittlerweile wurde indes bekannt, dass Siemens seinen Berliner Zukunftscampus notfalls auch selbst mit einem eigenen schnellen 5G-Mobil­funknetz ausstatten will, falls die Telekommunikationsunternehmen nicht schnell eine Lösung bieten können: „Wir werden sehen, ob Partner 5G-Mobilfunk und Breitband liefern können. Andernfalls machen wir es selbst“, so Neike.  
Müller sprach im Zusammenhang mit der Vereinbarung über den Campus von einem „wichtigen Tag für den Wirtschaftsstandort Berlin“. Für die Hauptstadt hat die Entscheidung allerdings nicht nur wirtschaftspolitische Bedeutung, sondern auch städtebauliche Auswirkungen: Mit dem Zukunftscampus wird in der Siemensstadt in den nächsten zehn Jahren ein ganz neuer Stadtteil entstehen.
In Gang gekommen ist mittlerweile auch eine Diskussion über eine Wiederbelebung der „Siemens-Bahn“. Diese 1980 stillgelegte Strecke der Berliner S-Bahn verband einst die Siemensstadt mit der Berliner Ringbahn. Künftig könnte die Strecke über ihren Endpunkt verlängert werden und bis in geplante Neubaugebiete in Spandau führen.
Nicht nur Siemens hat Pläne für einen Campus in der deutschen Hauptstadt. Der Internet-Riese Google hat bereits vor zwei Jahren die Absicht verkündet, in Berlin ein Gründungszentrum zu schaffen. Wie bereits in Metropolen wie Madrid und Sao Paolo wollte das Internet-Unternehmen auch an der Spree mit einem „Google-Campus“ Unternehms-Neugründungen mit einem Mentor-Programm begleiten.
Der Internetgigant hatte ein früheres Umspannwerk in Berlin-Kreuzberg als Standort ins Auge gefasst. Im Berliner Szene-Kiez sind die Pläne allerdings auf massive Proteste und Widerstand sogenannter Gentrifizierungsgegner gestoßen. Im Oktober hatten Aktivisten sogar den von Google bevorzugten Bauplatz besetzt. Inzwischen hat der Konzern erklärt, auf sein geplantes Gründerzentrum in Kreuzberg verzichten zu wollen. Die  vorgesehene Immobilie will Google als „Haus des sozialen Engagements“ der  Online-Spendenplattform Betterplace  und der Sozialgenossenschaft Karuna zur Verfügung stellen.
Nach der Entscheidung kündigten linke Aktivisten jedoch prompt an, auch die Ansiedlung anderer Neugründungen verhindern zu wollen.
    Norman Hanert


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