Späterer Britenherrscher im Deutschordensland

Die Preußenfahrt des Heinrich Bolingbroke, Herzog von Lancaster und später König Heinrich IV. von England

05.02.12
Heinrich IV.: Phantasiedarstellung aus dem 17. Jahrhundert. Bild: Archiv

Bevor der englische Adelige Heinrich Bolingbroke (1366 oder 1367 bis 1413) im Jahre 1399 als König Heinrich IV. von England in die Geschichte einging, hatte er viele Gefahren zu überstehen. Kriege und blutige Machtkämpfe prägten sein Leben. Auf einem Kriegszug des Deutschen Ordens lernte er das Ordensland kennen.

Am 8. August 1390 landete Heinrich Bolingbroke mit einem großen Gefolge bei Rixhöft nahe der Halbinsel Hela an der pommerschen Küste. Anschließend zog der Earl zunächst weiter nach Danzig. Ziel und Zweck seiner Schiffsreise nach Nordosteuropa war die Beteiligung an einer sogenannten Preußenfahrt. Als Preußenfahrten bezeichnete man die Kriegszüge west- und mitteleuropäischer Adeliger und ihrer Ritter unter der Führung des Deutschen Ordens in das Gebiet der baltischen Litauer, die es zu bekehren galt. Diese Militäroperationen wurden zwar als Kampf für das Kreuz deklariert, tatsächlich aber hatten sie überwiegend den Cha­rakter von Eroberungsfeldzügen. Heinrich Bolingbroke setzte mit seiner Teilnahme an einer Preußenfahrt eine Familientradition fort.
Das Mitwirken an einem sogenannten Heidenkreuzzug war im 13. und 14. Jahrhundert ebenso prestigeträchtig wie eine Pilgerfahrt nach Jerusalem. Wie die Jerusalempilger nahmen die europäischen Preußenfahrer kirchliche Heilszusagen wie umfassende Sündenvergebung in Anspruch. Zwar war das von den baltischen Prußen besiedelte Land, das teilweise dem heutigen Ostpreußen entspricht, 1283 nach jahrhundertelangen Kämpfen endgültig unter die Herrschaft des Deutschen Ordens gelangt. Doch im Abendland war der alte Kerngedanke vom notwendigen Kampf der christlichen Ritter gegen die Ungläubigen oder Heiden nach dem Ende des letzten Kreuzzugs im Jahre 1291 noch keineswegs erstorben. Die Versuche des Ordens, die benachbarten heidnischen Litauer zu besiegen, hielten an, und so wurden diese Kriegszüge unter dem Zeichen des Kreuzes mit kirchlicher Absegnung fortgesetzt. Die Bezeichnung Preußenfahrt wurde beibehalten.
Im 14. Jahrhundert bezogen die Großmeister des Deutschen Ordens Subsidien der englischen Könige, um sich mit den neuesten kriegstechnischen Errungenschaften auszustatten. So wurden bereits 1362 beim Beschuss von Kaunas Feuerwaffen in Form von Steinbüchsen verwendet. In West- und Mitteleuropa galt das riesige Litauerreich als letzter Hort des antichristlich gesinnten Heidentums, als Missionsfeld der Kirche und zugleich Expansionsgebiet des livländischen und preußischen Ritteradels – wenn auch in kirchlichen Kreisen umstritten war, ob es sich moralisch rechtfertigen ließ, den Krieg als Mittel der Bekehrung einzusetzen. Mit einer „Kriegsreise“ nach Preußen, um an den Einfällen der Ordensritter in Niederlitauen teilzunehmen, bot sich für junge europäische Adelige die Möglichkeit, das Kreuzzugsgelöbnis zu erfüllen, das auch in der Zeit der verfallenden Ideale des Rittertums noch jeder Ritter ablegte. Fürsten und ihr Gefolge, dazu Grafen, Ritter und deren Knappen zogen in Scharen nicht zuletzt zu diesem Zweck nach Preußen. Der berühmte Dichter Geoffrey Chaucer verwandte in seinen Canterbury Tales den damals üblichen Begriff „reyse“ für die Preußenfahrt seines namenlosen Ritters.
1385 ging die Großmacht Litauen eine Personalunion mit dem Königreich Polen ein. Fortan übernahmen die litauischen Jagiellonen die Christianisierung ihres eigenen Reiches. Litauen galt seitdem offiziell als christianisiert. Damit entfiel der vorgeb­liche Hauptzweck der Preußenfahrten ins Litauerland unter Führung des Deutschen Ordens. Auch hatte die Universität von Krakau einen polemischen Traktat vorgelegt, der darauf abzielte, die Behauptung des Ordens, die Heiden missionieren zu wollen, ad absurdum zu führen. Diesem Traktat stand die Behauptung des Ordens entgegen, dass noch die heidnische Bevölkerung der sogenannten Wildnis in Litauen bekehrt und unterworfen werden müsse.
Heinrich Bolingbroke, Herzog von Lancaster, war einer der reichsten Männer Englands. Über seine Ausgaben führte er sorgfältig Buch, weshalb jede Station seiner Reise und der Zweck sämtlicher Ausgaben bekannt sind. Die Kampagne des Jahres 1390 führte durch sumpfiges Gebiet bis nach Wilna. Es war ein Engländer, der die rot-weiße Kreuzesfahne des Heiligen Georg, des Kriegspatrons aller Kreuzritter, auf der Festung von Wilna hisste. Die Fahne wurde später die Nationalfahne Englands. Um das Vorrecht, die Heeresfahne des St. Georg tragen zu dürfen, scheint es häufiger Auseinandersetzungen zwischen den Rittern unterschiedlicher Nationalitäten gegeben zu haben. Im folgenden Winter hielt sich Heinrich in Königsberg auf, wo für alle führenden Ritter ein prächtiges Festmahl ausgerichtet wurde. Bei dieser Gelegenheit erhielten sie eine Auszeichnung mit der Aufschrift des Wahlspruchs „Ehre bezwingt alles“. Derartige Auszeichnungen oder Ritterabzeichen waren hoch geschätzt, spiegelten sie im eigenen Land doch das hohe Ansehen ihres Trägers wider. Heinrich verbrachte seine Zeit in Königsberg mit höfischen Lustbarkeiten und nahm Geschenke an, unter anderem einen Bären. Dabei geriet der spirituelle Zweck seiner Reise nicht völlig in Vergessenheit. Der Earl spendete den Kirchen, gab Almosen, betete und fastete. Auch suchte er die Kapelle der Heiligen Katharina in Arnau auf, eine beliebte Pilgerstätte. Anschließend wandte er sich wieder nach Danzig und kehrte nach England zurück. Seine Preußenreise hatte er offenbar so sehr genossen, dass er das Abenteuer 1392 wiederholen wollte. Der Ordensmarschall Rabe teilte ihm jedoch mit, dass gerade kein Bedarf an Hilfe von außen bestünde, und entschädigte ihn mit der großzügigen Gabe von 400 Pfund. Heinrich kehrte nach Danzig zurück und entschloss sich, eine Pilgerreise nach Jerusalem zu unternehmen. Über Land zog er mit seinem Gefolge nach Prag und weiter nach Mähren, Wien und Venedig. Am 23. Dezember 1392 stach er von Venedig aus in See. Unterwegs nahm er wiederum Kontakt zu jenen auf, die damals an vorderster Front im Kampf für das Kreuz standen, den Johannitern auf Rhodos.
Ende des 14. Jahrhunderts ging bei der Elite Westeuropas die Bereitschaft zum „Heidenkampf“ im Dienste des Ordens merklich zurück. Ein Grund dafür war das Vordringen der osmanischen Türken, die 1396 ein Kreuzzugsheer bei Nikopolis vernichteten. Man erkannte in den Osmanen eine größere Gefahr für das Abendland als die Litauer. Dagmar Jestrzemski


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