Südafrikas erster schwarzer Präsident polarisiert

Für die einen war Nelson Mandela der Vater der »Regenbogennation«, für andere nur ein ganz gewöhnlicher Linksterrorist

23.07.18
Vor den Union Buildings in Pretoria, dem Sitz der südafrikanischen Regierung: Bronze-Statue Nelson Mandelas Bild: ddp images

Man feierte ihn für den Sieg über das Apartheidssystem und den danach eingeleiteten Versöhnungsprozess zwischen Schwarz und Weiß oder kritisierte sein Unvermögen, das seit 1994 vom ANC regierte Südafrika zu einer echten Demokratie zu machen. Die Rede ist von Nelson Mandela, dessen Geburtstag sich kommenden Mittwoch zum 100. Male jährt.

Es steht zu erwarten, dass das Jubiläum in einer Orgie aus Kitsch und Pathos versinken wird, mit Sonntagsreden aller Art und dem massenhaften Verkauf von Devotionalien mit dem Antlitz des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas. Denn genauso verhielt es sich nach dessen Tod am 5. Dezember 2013. Damals schrieb das Londoner Blatt „Guardian“: „Es reicht … Wir hören so viel über die Banalität des Bösen. Manchmal sollten wir auch die Banalität des Guten zur Kenntnis nehmen.“ Und tatsächlich fehlte Nelson Mandela die mythische Aura, die zum Beispiel Mohandas Karamchand Gandhi umgab, obwohl er im Gegensatz zu dieser Ikone der Gewaltlosigkeit den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam. Denn der Abkömmling des südafrikanischen Königshauses der Thembu machte eher seinem zweiten Vornamen Rolihlahla Ehre, den er bei seiner Geburt am 18. Juli 1918 erhalten hatte. Der bedeutet sinngemäß „Unruhestifter“ – und genau diese Rolle spielte Mandela unablässig, seit er im Jahre 1940 als Jurastudent anfing, sich politisch zu betätigen, woraus dann 1944 der Eintritt in den African National Congress (ANC, Afrikanischer Nationalkongress) und die spätere Gründung von dessen Jugendorganisation resultierte, der ANC Youth League (ANCYL).
Nach einer längeren Phase der Radikalisierung avancierte der zwischenzeitlich in den Untergrund Abgetauchte im Dezember 1961 zum Anführer des bewaffneten Arms des ANC, Umkhonto we Sizwe (MK, Speer der Nation), und eröffnete anschließend den gewaltsamen Widerstand gegen das Apartheidregime in Form von Sabotageaktionen sowie Terroranschlägen. Diese richteten sich auch gegen öffentliche Einrichtungen und weiße Zivilisten und forderten diverse Opfer unter letzteren. Insgesamt soll Mandela für 156 Attentate verantwortlich gewesen sein. Deshalb entging er nur knapp der Todesstrafe, als man ihm wegen seiner Führungsrolle im MK 1963/64 den Prozess machte. Zumindest laut Amnesty International war der in Äthiopien und Marokko in Guerillataktik geschulte MK-Anführer genauso wenig ein „Politischer Gefangener“ wie die RAF-Terroristen in der Bundesrepublik. Folgerichtig setzte sich die Menschenrechtsorganisation auch nie offiziell für die Freilassung des ANC-Führers ein.
Seine auf „Lebenslänglich“ lautende Haftstrafe verbüßte Mandela auf der Insel Robben Island im Atlantik, dem Pollsmoor-Gefängnis in Kapstadt und dem Victor-Verster-Gefängnis in Paarl. Während der Zeit im Strafvollzug, die bis zum 11. Februar 1990 dauerte, weigerte er sich konsequent, der Gewalt abzuschwören, während die von ihm geschaffene Terrororganisation MK zahlreiche weitere Anschläge verübte, darunter auch den auf das Sanlam-Einkaufszentrum in Amanzimtoti bei Durban am 23. Dezember 1985. Damals starben unter anderem zwei weiße Kleinkinder, und Dutzende andere Kinder wurden verletzt. Ebenso zögerte Mandela, zu seiner zweiten Ehefrau Winnie auf Distanz zu gehen, obwohl diese angebliche „Verräter“ unter den Schwarzen terrorisieren und ermorden ließ, vielfach mit der Methode des „Necklacing“. Hierbei bekam das Opfer einen benzingefüllten Autoreifen um den Hals gehängt, der dann angezündet wurde, was zu extrem grausamen Todesqualen führte.
Mandelas Freilassung 1990 war das Resultat der unfreiwilligen Einigung zwischen dem ANC, der nun keine Unterstützung mehr durch die Mächte des Ostblocks erhielt, und der Regierung von Frederik de Klerk, die den ruinösen Wirtschaftssanktionen gegen den Apartheid-Staat und der internationalen Isolierung entkommen wollte und deshalb einen politischen Kurswechsel einleitete. Allerdings führten die ersten freien Wahlen vom April 1994, aus denen der ANC als klarer Sieger hervorging, nur zum weiteren Niedergang Südafrikas. Daran änderte auch Mandelas nunmehriger Aufstieg zum Staatspräsidenten nichts.
Während seiner Amtszeit vom Mai 1994 bis zum Juni 1999 fiel das Durchschnittseinkommen in Südafrika um 40 Prozent; in genauso dramatischem Maße kollabierte die Landeswährung Rand. Dafür verdoppelte sich die Arbeitslosenquote auf 48 Prozent. Das war eine Folge der sozialistisch orientierten Wirtschaftspolitik der ANC-Regierung unter Mandela. Diese wiederum resultierte daraus, dass der schwarze Präsident marxistischem Gedankengut nachhing – laut einem späteren Nachruf von Seiten der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) gehörte er früher sogar deren Führungsgremium an. Ansonsten war die Politik der angeblichen Ikone der Freiheit auch durch viel Nähe zu den diktatorischen Regimes in Kuba, Libyen, dem Iran, Indonesien, Uganda, Syrien sowie dem Irak geprägt.
Die nachteiligsten Folgen für die Entwicklung Südafrikas hin zu einem modernen Staatswesen zeitigte jedoch Mandelas Unfähigkeit, der grassierenden Korruption innerhalb des ANC Einhalt zu gebieten. Daran krankt das Land bis heute – genau wie unter der anhaltend hohen Gewaltkriminalität seit dem Ende der Apartheid. So wurden seit 1994 über 620000 Menschen in Lande der „Regenbogennation“ ermordet.
Desweiteren verhinderten Mandelas und de Klerks Bemühungen um eine Aussöhnung zwischen Schwarz und Weiß zwar den vielfach befürchteten Rassenkrieg nach dem Triumph des ANC, nicht aber das sukzessive Entstehen von apartheidähnlichen Strukturen unter umgekehrtem Vorzeichen. So werden in Südafrika nunmehr die Weißen benachteiligt und teilweise auch gewaltsam verfolgt. Das führt zur Abwanderung von Unternehmern und Fachkräften und damit zur Verschärfung der wirtschaftlichen Probleme des Landes.
Letztlich setzte also unter Mandelas Präsidentschaft die gleiche Entwicklung wie in den allermeisten anderen afrikanischen Staaten nach der „Befreiung vom Joch der Weißen“ ein. Dem Sieg der Schwarzen im Kampf um ihre Unabhängigkeit wie dem Ende der Rassendiskriminierung folgte das Versagen beim Aufbau einer funktionierenden und ökonomisch prosperierenden Demokratie.    
    Wolfgang Kaufmann


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