Symptome des Niedergangs

Immer mehr Deutsche suchen ihr Glück im Ausland – Ostmitteleuropa blutet noch stärker aus

30.09.09

Die Schweiz, die USA, Polen und Österreich − alles Länder mit geringerer Abgabenlast für Berufstätige − sind die Hauptzielländer deutscher Auswanderer. Allerdings führen nicht nur hohe Steuern zu Emigration.  Ökonomen rechnen vor, dass die Auswanderung qualifzierter junger Menschen enorme Folgekosten hat und deswegen ihrerseits zu noch höheren Abgaben führen könnte.

Die neue Studie des Münchner Ifo-Instituts über die Belastungen für den deutschen Sozialstaat durch die steigende Auswanderung hiesiger Fachkräfte ist alarmierend. In der wissenschaftlichen Erhebung werden beispielhaft die Berufswege eines mit 23 Jahren ausgewanderten Facharbeiters sowie einer 30-jährigen Ärztin dargestellt. Weil beide vor ihrem Aufbruch aus Deutschland nur wenig Steuern und Sozialabgaben gezahlt haben, jedoch von einer kostenlosen Ausbildung profitieren konnten, hätten sie die deutsche Bevölkerung mit rund 160000 Euro (der Facharbeiter) und sogar 436000 Euro (die Ärztin) belastet.
Blieben sie dagegen im Lande, würden sie nach der Modellrechung über ihre gesamte Lebenszeit hinweg einen positiven finanziellen Beitrag von 121000 Euro beziehungsweise 639000 Euro für die Allgemeinheit leisten.
Die katastrophalen Folgen für den Staatshaushalt und die Zukunft Deutschlands insgesamt lassen sich erahnen, wenn man sich die jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes zu dem Thema ansieht. Danach stieg die Zahl der deutschen Auswanderer 2008 gegenüber dem Vorjahr um rund 14000 und erreichte mit 175000 Personen den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1954. Bereits die im Mai letzten Jahres veröffentlichten Zahlen für 2007 hatten einen Zuwachs um sechs Prozent auf 165000 Personen ergeben. An der Spitze der Zielländer lag bei beiden Statistiken die Schweiz, gefolgt unter anderem von den USA, Polen und Österreich.
Der in englischer Sprache mit dem Begriff „brain drain“ bedachte massenhafte Verlust gebildeter Nachwuchskräfte hat also längst auch Deutschland erreicht, wenngleich nicht in dem Maße wie im Gefolge der EU-Osterweiterung das Baltikum, Polen, die Tschechische Republik, Rumänien, Ungarn, Slowenien oder Bulgarien.
So hemmt in Tschechien der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften das weitere Wachstum einer ansonsten leistungsfähigen Exportwirtschaft. In Estland, Lettland und Litauen sind seit der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit laut Schätzungen der Konrad-Adenauer-Stiftung und einheimischer Fachleute sogar rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausgewandert. Und in Rumänien sollen von den offiziell registrierten rund 4,5 Millionen Arbeitnehmern mittlerweile die Hälfte ins Ausland abgewandert sein.
Diese Entwicklung hat nicht nur für Ostmitteleuropa, sondern für den gesamten Kontinent schwerwiegende sozialpolitische und kulturelle Folgen. Hierzulande lässt sich die Bedeutung der Thematik nicht zuletzt an den vielen Fernsehreportagen privater Sender mit Titeln wie „Die Auswanderer“, „Mein neues Leben“, „Deutschland ade“ oder „Goodbye Deutschland“ ablesen. Auch die hohe Zahl deutscher Rentner, die ihren Lebensabend in südlicheren Gefilden verbringen wollen, oder die Tatsache, dass zunehmend mehr Aussiedler nach Russland zurückkehren, werfen ein bezeichnendes Licht auf die Lage eines Landes, dessen wirtschaftlich beste Zeiten wohl der Vergangenheit angehören.
Wenn die Statistiker für die Deutschen parallel zu den sich stetig vermehrenden Auswanderungen in den letzten Jahren auch eine wachsende Zahl an Rückkehrern hervorheben (108000 Personen für 2008 und 110000 für 2007), so ist zu bedenken, dass hier die Zuzüge von Spätaussiedlern eingerechnet sind. Dennoch seien die tendenziell steigenden Rückkehrerzahlen einfach ein Beweis, so hieß es in den Medien, dass viele Deutsche „mobiler“ geworden seien. So schlimm sei es also doch nicht, beschwichtigten noch im letzten Jahr reihenweise die Feuilletons deutscher Zeitungen und ergingen sich in Gedankenspielen über das Hin- und Herwandern in globalisierten Räumen.
Diesmal war die Stimmung nach Veröffentlichung der Daten des Statistischen Bundesamtes schon anders. Vor dem Hintergrund der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, die auch eine Krise des unüberschaubaren, unregulierten globalen Marktes ist, ist es merkwürdig ruhig geblieben, und die Schönredner hielten sich zurück.
Denn selbst wenn ein Teil der Auswanderer Deutschland von vornherein nur vorübergehend den Rücken kehrt, besteht kein Grund zur Entwarnung. Fest steht, dass es jenseits der ungleich dramatischeren Geburtenproblematik 2005 eine Trendwende gab: Nachdem noch in den neunziger Jahren jährlich Hunderttausende von Aussiedlern für eine quantitative Stärkung des deutschstämmigen Bevölkerungsteils sorgten, gibt es seither einen negativen Wanderungssaldo. Auch der Hinweis auf die zunehmende Vernetzung der hochindustrialisierten westlichen Volkswirtschaften und die Entgrenzung moderner Anstellungsverhältnisse und Lebensplanungen gerade bei jungen Akademikern greift zu kurz. Das beträchtliche Ausmaß, das die Migration von Deutschen schon nach kurzer Zeit erreicht hat, erklärt sich nur dann ausreichend, wenn die tieferen psychologischen Ursachen einbezogen werden.
Dabei stößt man unweigerlich auf harte Fakten des deutschen Niedergangs: Geburtenschwund, ausbleibende politische Reformen, geringe Wirtschaftsdynamik, nationaler Schuldkomplex und eben die wachsende Überfremdung. Noch kommen viele deutsche Auswanderer nach einigen Jahren im Ausland wieder zurück. Doch es ist unklar, wie lange das noch so bleiben wird.    

Martin Schmidt


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