Ukrainekonflikt spaltet die Orthodoxe Kirche

12.10.18

Der seit 2014 schwelende Ukrainekonflikt weitet sich auch auf die orthodoxe Kirche aus. Zum Eklat, der in der Absage des russischen Patriarchen Kirill an der jährlichen Bischofskonferenz mündete, zu der die Bischöfe der Patriarchate von Konstantinopel, Antiochien (Syrien), Russland, Serbien, Rumänien, Bulgarien und Georgien zusammentreffen, kam es, als das Oberhaupt der Orthodoxen Ökumene, Bartholomäus I. von Konstantinopel, Kiew die Autokephalie, also die Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat, zusicherte. Zur Untermauerung dieses Versprechens wurden zwei Exarchen (Bischöfe außerhalb des angestammten Territoriums) mit der Vorbereitung der Autokephalie nach Kiew geschickt. Gegen diese Entscheidung, die weder mit dem Moskauer Patriarchen Kirill noch mit dem ukrainischen Metropolit Onufrij abgesprochen war, protestiert Moskau entschieden. Laut orthodoxem Kirchenrecht müssen Entscheidungen üblicherweise von allen Mitgliedern getroffen werden.
Kiew gilt nicht nur als Wiege des russischen Staates, sondern von der Kiewer Rus aus erfolgte 988 die Christianisierung Russlands, Weißrusslands und der Ukraine.
Der Streit um die Abspaltung der ukrainischen von der russischen Kirche hat bereits im Mittelalter seinen Ursprung. Unter dem Druck der Osmanen stehend, hatte der damalige Patriarch von Konstantinopel Moskau 1589 die Autokephalie verliehen. Der russische Metropolit erhielt den Status eines Patriarchen. Wie Bartholomäus I. im September erörterte, habe der russische Ungehorsam bereits im 13. Jahrhundert begonnen. Im Jahre 1654 soll Moskau unerlaubterweise einen Meropoliten für Kiew geweiht haben, obwohl Kiew sich stets im „Schoß Konstantinopels“ befunden habe. Deshalb sei es das Recht Konstantinopels, der Ukraine die Autokephalie zu verleihen.
Anders als im Westen ist die orthodoxe Kirche eng mit dem Staat verbunden. So wundert es nicht, dass sich die ukrainische Kirche nach dem Zerfall der Sowjetunion in drei orthodoxe Kirchen gespalten hat. Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat – hat sich 1992 gebildet. Sie wird von den anderen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt. Ihr derzeitiger Patriarch Filaret, geboren in ärmlichen Verhältnissen im Donbass, hat in der Russisch Orthodoxen Kirche (ROK) Karriere gemacht, und ihm werden frühere  Verbindungen zum KGB nachgesagt. Heute unterstützt er Petro Poroschenko. Daneben gibt es die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche, die ebenfalls nicht anerkannt wird. Bisher war die offizielle Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine am stärksten vertreten, doch das hat sich mit dem Euromajdan geändert. 2016 bekannten sich knapp 46 Prozent der Bevölkerung zum Kiewer Patriarchat und nur noch 13,3 Prozent zur Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Zu dieser Entwicklung sollen Kämpfer des Rechten Sektors beigetragen haben, welche die Kirchen gewaltsam unter ihre Kontrolle brachten. Bei der Auseinanderesetzung geht es nicht zuletzt um politschen Einfluss und die Kontrolle über Klös-ter und Pfarreien. Neben dem innenpolitischen hat der Kirchenstreit auch einen geopolitschen Aspekt. bei dem die USA und deren Versuch, die letzte Verbindung aufzubrechen, welche Russland und die Ukraine noch einen könnte, eine Rolle spielen.
Filaret besuchte im September das State Department und warb um Unterstützung. Kurz zuvor hatte Sam Brownback, US-Botschafter für internationale Religionsfreiheit, Kiew besucht und der Ukraine Unterstützung im Kampf um die Autokephalie zugesagt. Der ehemalige US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, heute in Athen eingesetzt, wurde dort aktiv. Nachdem er sich im April mit Vertretern griechischer Klöster getroffen hatte, begannen für die Geistlichen der ROK Probleme mit Griechenland.  
Barhtolomäus I. gilt als „Erster unter Gleichen“ und ist als solcher für die Einheit der orthodoxen Kirche verantwortlich. Einerseits bietet die Verleihung der Autokephalie an die Ukraine die Chance, die ukrainischen Kirchen-Separatisten wieder zu einen, andererseits droht der Konflikt mit Moskau die Weltorthodoxie weiter zu spalten, innerhalb der die ROK eine Vormachtsstellung anstrebt.
    Manuela Rosenthal-Kappi


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