Umverteilung bis zum Ruin

21.01.14

Armut ist Diebstahl. Warum die Armen uns ruinieren“ lautet der provozierende Titel des neuen Buches des renommierten Journalisten René Zeyer. Er ist überzeugt, dass der Sozialstaat in seiner jetzigen Form die Gesellschaft langfristig ruiniere, da er zum Teil über Kredite finanziert wird und vor allem zulasten der Mittelschicht organisiert sei. Er betont, dass die hinter den Armen stehende Hilfsindustrie gar kein Interesse daran habe, die Armut wirklich zu bekämpfen, da sie ansonsten ihr Geschäftsmodell verliere. Zudem hebt er hervor, dass ein Blick in die Geschichte, aber auch in andere Regionen der Welt wie Afrika zeige, dass mehr Geld für Bedürftige nicht die Lösung sei. Während Länder wie Somalia und Burundi seit Jahrzehnten zu 80 Prozent von Entwicklungshilfe lebten, ohne dass es in den Ländern Fortschritte gegeben hätte, sei der Wohlstand in Ländern wie Indien und China massiv gestiegen, obwohl diese pro Kopf vergleichsweise wenig Unterstützung von außen erhielten.
Der Schweizer Autor, der seine Leser mit vielen Zahlen konfrontiert, findet es bedenklich, dass es ein absolutes Tabu sei, die Frage zu stellen, ob jeder Arme generell ein Recht auf Hilfe habe. Er zeigt auf, dass der deutsche Staat 25,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für den Posten „Soziale Sicherung“ ausgebe, und weist darauf hin, dass 2010 von den für den Bereich Hartz IV vorgesehenen 49 Milliarden Euro nur die Hälfte davon wirklich für die Empfänger war, der Rest floss in die Verwaltung und Träger, die die Armen betreuen.
Zeyer kritisiert auch die Ermittlung des Anteils der Armen in der Gesellschaft. Besonders den Begriff „relative Armut“, der in Bezug zum Durchschnittsgehalt der Bevölkerung eines Landes gesetzt wird, hält er für Unsinn. So nennt er eine Statistik, laut der die Armutsgefährdung in der Schweiz gleich hinter Ländern wie Rumänien, Polen und Tschechien auf Platz 7 rangiert. Zugleich amüsiert es ihn, dass angeblich jeder zweite Mexikaner in „relativer Armut“ leben soll, gleichzeitig aber 70 Prozent übergewichtig seien.
Der Autor erklärt, warum das jetzige Umverteilungssystem ungerecht ist und betont, dass es auch vor allem die wirklich unverschuldet Armen irgendwann am schwersten treffen werde, nämlich dann, wenn das überwiegend auf Schulden basierende Konstrukt zusammenbricht.
„Seit Mitte der 60er Jahre stieg die Staatsquote weiter an und pendelt seither zwischen 40 und 50 Prozent des BIP. Man könnte also zugespitzt formulieren, dass wir seit mehr als 50 Jahren in den wichtigsten Industrieländern einen halben Sozialismus haben“, klagt Zeyer. Auch nervt es ihn, wenn Gutmenschen betonen, der sogenannte Kuchen sei in den westlichen Gesellschaften groß genug, so dass jeder davon etwas abhaben könne. Hierzu merkt Zeyer an, dass das grundlegende ökonomische Gesetz vorgibt, dass vor der Verteilung eines Kuchens stets dessen Herstellung stehe, was besonders die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens gern vergessen würden.
Zeyer, dessen Einschätzungen manchmal unter seiner Neigung zur Pauschalisierung leiden, regt zum Nachdenken an. Vor allem seine Anmerkung, dass das jetzige System der Umverteilung zulasten der Mittelschicht überhaupt nicht infrage gestellt werde, lässt aufhorchen. Eine Politik, die als „alternativlos“ dargestellt würde, gefährde die Demokratie, so der Publizist, zudem führten Unmut in der Bevölkerung und fehlende Mitbestimmungsmöglichkeiten irgendwann zum Ruf nach einer starken Hand.  Rebecca Bellano

René Zeyer: „Armut ist Diebstahl. Warum die Armen uns ruinieren“, campus, Frankfurt am Main 2013, broschiert, 211 Seiten, 17,99 Euro

René Zeyer


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.