Urige Töne, uralte Rhythmen

Klanggenuss in der Steinzeit – Ausstellung in Brandenburg rekonstruiert die Musik unserer Urahnen

18.05.18
Gold im Mund: Mit solchen Goldhörnern ließ sich Musik schon in Urzeiten veredeln Bild: Thiede

Der Mensch hatte schon immer Spaß daran, Krach zu machen. So wie Kleinkinder auf Topfdeckel schlagen, so produzierten schon unsere Urahnen Rhythmen auf simplen Instrumenten. Das zeigt die Ausstellung „Archaeomusica“ in Brandenburg an der Havel.

Musik ist ein Primärbedürfnis menschlicher Zivilisation. Das beweisen die in Höhlen auf der Schwäbischen Alb entdeckten Flöten aus den Knochen von Vogelflügeln oder Mammutelfenbein, die rund 40000 Jahre alt sind. Die Wanderausstellung „Archaeomusica“, deren einzige deutsche Station das Archäologische Landesmuseum in Brandenburg an der Havel ist, vermittelt anschaulich und anhand von Klangbeispielen eindrucksvoll ein Stück Musikgeschichte des alten Europa. An dem von der Europäischen Union geförderten musikarchäologischen Forschungsprojekt beteiligen sich Wissenschaftler von elf europäischen Forschungseinrichtungen sowie Instrumentenbauer und Musiker.
In Brandenburg hat die Wanderausstellung, die 500 getreue Nachbauten und experimentelle Re­konstruktionen alter Musikinstrumente von der Steinzeit bis zur frühen Neuzeit umfasst, eine fesselnde Bereicherung erhalten. Nur hier sind zusätzlich 80 originale Instrumente aus nord- und mitteldeutschen Sammlungen und Museen zu erleben. Leihgabe aus Thüringen ist das älteste bislang gefundene keramische Rasselgefäß. Es stammt aus der Jungsteinzeit (5400–1800 v. Chr.). Die keramischen Rasseln in Form von Vögeln gehören der bronzezeitlichen Lausitzer Kultur (1300–700 v. Chr.) an. Die Klapperbleche aus der Eisenzeit (750–450 v. Chr.) fungierten vermutlich als klingender Kleiderschmuck.
Ein Fund aus Göttingen ist die im Spätmittelalter angefertigte Holzblockflöte (14. Jahrhundert). Sie gilt als die älteste nördlich der Alpen. Grabungen an Luthers Elternhaus in Mansfeld förderten ein aus gebranntem Ton angefertigtes „Aachenhorn“ (2. Hälfte
15. Jahrhundert) zutage. Solche Hörner kauften Pilger in Aachen und verursachten mit ihnen während der Reliquienschau ohrenbetäubenden Lärm, wie ein Chronist überliefert. Die offenbar von den Heiltumsfahrern als Andenken mit in die Heimat genommenen Aachenhörner sind mit Funden aus ganz Europa belegt.
Zu den auf archäologischen Funden basierenden Nachbauten gehören steinzeitliche Knochenflöten und Abgüsse von Mammutknochen, die in Sibirien als Schlaginstrumente genutzt wurden, sowie bronzezeitliche Saiteninstrumente aus vielen Teilen Europas. Nicht wenige Instrumente sind Zeugnisse hoch entwickelter Handwerkskunst, an deren Rekonstruktion die heutigen Instrumentenbauer lange herumtüfteln mussten.
Eine der Attraktionen ist der Nachbau einer bronzezeitlichen Lure (1800–700 v. Chr.) aus Niedersachsen. Das S-förmig ge­bogene Blasinstrument weist um die Schallöffnung eine Zierscheibe auf. Die Musikarchäologen bringen die paarweise gespielten Luren mit dem Sonnenkult in Verbindung.
Aus handgehämmerter Bronze wurde die Rekonstruktion der „Carnyx von Tintignac“ angefertigt. Ein stilisierter Wildschweinkopf, in dessen aufgerissenem Maul die Hauer funkeln, dient als Schallöffnung. Das originale gallische Horn (100–50 v. Chr.) sollte auf Kriegszügen mit dumpfem Ton die Feinde in Angst und Schrecken versetzen. Nachdem es ausgedient hatte, wurde es zu­sammen mit militärischen Ausrüstungsgegenständen und weiteren Hörnern in dem beim südfranzösischen Ort Tintignac gelegenen Tempel geopfert.
Einzigartig und allerkostbarst waren die beiden mit Reliefdarstellungen von Menschen, Tieren und Fabelwesen geschmückten goldenen „Gallehus-Hörner“ (um 400. n. Chr.). Ein Goldschmied entwendete sie 1802 aus der Kunstkammer des dänischen Königs und schmolz sie ein. Die ausgestellten Kopien wurden mit Hilfe der im 18. Jahrhundert an­gefertigten Zeichnungen der Originalhörner hergestellt.
Ein auf Tischen ausliegendes Sortiment von Nachbauten wartet auf Besucher, die ihm Töne entlocken. Aufgefädelte Haselnüsse dienen als Rassel, ein Kuhhorn ist mit drei Fingerlöchern ausgestattet. An Seilen rotierende Schwirrhölzer brummen bedrohlich, während die harmonisch aufeinander abgestimmten Klangsteine beim Anschlagen einen an ein Xylophon erinnernden Wohlklang hervorbringen.
Wichtigstes „In­strument“ für den Besucher aber ist der Audio-Führer, denn nur mit seinem Gebrauch lässt sich die Schau in ihrer ganzen Vielfalt erleben. In Wort und Videoclip werden die Herstellungsweise sowie der Einsatzbereich der Musikinstrumente beschrieben. Viele Instrumententypen erklangen zu Ehren der Götter. Andere waren als Grabbeigaben Teil der Jenseitsvorsorge. Horn und Gong dienten der Signalübertragung, Fanfaren ertönten bei Siegesfeiern und der Herrscherhuldigung. Wahrscheinlich gab es auch Darbietungen, die die Hörer einfach nur vergnügen sollten oder als musikalischer Wettstreit angelegt waren.
Wie der Audio-Führer bietet der „Soundgate“ genannte Schlussraum zahlreiche von renommierten Spielern dargebotene musikalische Kostproben. Manolo Rojo lässt das Schwirrholz kreisen, Simon Wyatt spielt eine Vogelknochenflöte, Stefan Hagel eine Doppelschalmei und John Kenny bläst eine Carnyx. Ihre Darbietungen wurden an archäologischen Stätten wie den Steinkreisen von Stonehenge in Südengland und Callanish auf der schottischen Isle of Lewis (beide 3000–2000 v. Chr.) oder dem römischen Theater (300 v. Chr. bis 500 n. Chr.) von Paphos auf Zy­pern gefilmt und aufgenommen.
Ob die musikalischen Darbietungen jedoch den historischen Gepflogenheiten entsprechen, bleibt ungewiss. Kurator Both räumt ein: „Wir wissen in den seltensten Fällen, was auf diesen Instrumenten gespielt wurde.“ Aber immerhin: Die Musiker lassen uns deren Klangspektrum erleben und spielen ihre eigens für die Instrumente entwickelten Kompositionen mit dem An­spruch: „So könnte es gewesen sein.“    Veit-Mario Thiede
Bis 27. Mai im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg, Neustädtische Heidestraße 28, Brandenburg an der Havel. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 5 Euro. Telefon (03381) 4104112, Internet: www. landesmuseum-brandenburg.de


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