USA beschwören Cyberkrieg herauf

Washington bastelt an der »Achse des Bösen« − Nordkorea soll angeblich Internetterror gegen die Supermacht ausüben

31.12.14
Kim Jong-un als Filmtrottel: Kinoplakat von „Das Interview“.Bild: action press

Ein unsäglicher Klamaukfilm genügt, um in den USA Terrorängste zu schüren. Der Hollywoodstreifen „Das Interview“, in dem Nordkoreas Diktator Kim Jong-un den Filmtod stirbt, spielt derzeit eine erhebliche Rolle bei einer verbalen Aufrüstung der USA und des verfeindeten Nordkorea. Nachdem das FBI Nordkorea beschuldigt hatte, einen Datendiebstahl bei der für den Film verantwortlichen Produktionsgesellschaft Sony Pictures begangen zu haben, und Präsident Barack Obama daraufhin mit „angemessenen Reaktionen“ gedroht hatte, warnte Pjöngjang vor einem „ultra-harten Reaktionskrieg“. Obamas angekündigte Sanktionen würden dann „durch die härtesten Gegenaktionen auf das Weiße Haus, das Pentagon und das ganze Land bei weitem übertroffen“.
Bei der Affäre um den Sony-Film lassen beide Seiten die Mus­keln spielen. Das wirtschaftlich isolierte Nordkorea polterte in gewohnter Weise gegen mögliche Sanktionsverschärfungen. Und die USA, die gerade mit Kuba freundschaftliche Bande zu einem „Schurkenstaat“ knüpfen, polieren zum Abreagieren dafür ein altes Feindbild auf. Die vom Ex-Präsidenten George W. Bush einst erdachte „Achse des Bösen“ will gepflegt sein, damit sich die USA vor aller Welt weiterhin als Friedensmacht ausweisen können. Da kommt der Einbruch in das On­line-System durch Datendiebe, sogenannte Hacker, auf das in Los Angeles beheimatete Sony Pic­tures, dessen Mutterkonzern der japanische Elektronikmulti Sony ist, gerade recht.
Angefangen hatte die außenpolitische Krise mit einem dreisten Kriminalfall. Mitte November war eine Internet-Hackergruppe, die sich „Friedenswächter“ nennt und deren englisches Kürzel „GOP“ als ironischer Hinweis auf die als „Grand Old Party“ bezeichnete Partei der Republikaner verstanden werden kann, illegal in das Netzwerk von Sony Pictures eingedrungen und hatte dabei Unmengen von Daten erbeutet. Neben neuen Sony-Filmen, Privatadressen von Filmstars und dem Drehbuch zum nächsten „James Bond“-Film wurden auch E-Mails abgefangen und ins weltweite Netz gestellt. Die schlechte Meinung eines Filmproduzenten über Hollywood-Schönheit Angelina Jolie, die er als „minimal talentierte, verzogene Göre“ bezeichnete, hatte sich bis in die deutschen Medien verbreitet.
Die im schlechten Englisch abgefassten Botschaften deuteten darauf hin, dass die Hacker von Sony Pictures nur darauf aus waren, Geld zu erpressen. Nachdem sie im Dezember über die Medien von der Sony-Produktion „Das Interview“ erfuhren, packten sie die Gelegenheit beim Schopf, um zusätzlichen Druck auf den Konzern auszuüben. Als sie dann großspurig mit Anschlägen ähnlich denen am 11. September 2001 in New York drohten, wenn der Film in den US-Kinos gezeigt wird, wollte Sony Pictures den für den 25. Dezember geplanten Filmstart ursprünglich absagen.

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Auf Druck Präsident Obamas, der diesen Kniefall vor den Erpressern kritisiert hatte, kam der Film dann doch in die Kinos.
Weil der Hackerangriff von Rechnern ausgegangen sein soll, auf denen die koreanische Sprache eingestellt war, vermuteten die US-Behörden, dass die Übeltäter in Korea sitzen – natürlich nicht in Süd-, sondern in Nordkorea. Als dann auch nordkoreanische Überläufer behaupteten, von Pjöngjang aus werde durch ein als „Unit 121“ bezeichnetes geheimdienstliches „Generalbüro für Aufklärung“ gezielt Cyberkrieg betrieben, stellte sich Oba­ma auf die Seite der Hardliner. Zwar handele es sich bei dem Hackerangriff nicht um einen Kriegsakt, sondern nur um Vandalismus, trotzdem erwägt er, Nordkorea wieder auf die Liste der Terrorunterstützerstaaten zu setzen, von der es vor sechs Jahren gestrichen wurde.
Dabei ist keineswegs klar, dass Nordkorea, das auch jede Schuld abstreitet und das sich mit seinen wenigen hundert Internetanschlüssen Online-technisch noch im Steinzeitalter befindet, hinter der Cyberattacke steht. So ist bemerkenswert, dass die Erpresser bei ihrer ersten Drohbotschaft den Film „Das Interview“ mit keinem Wort erwähnten. Wären Nordkoreaner am Werk gewesen, hätten sie ihn gleich erbost beschimpft. Die Sprachumstellung an Rechnern zum Beispiel auf Koreanisch ist unter Hackern zudem eine bewährte Methode, um polizeilichen Fahndern eine falsche Fährte zu legen. Außerdem wurde die Schadsoftware laut Experten viel zu schlampig programmiert. Staatlicher Cyberkrieg wie die vermutlich von den USA initiierte Stuxnet-Sabotage, die vor ein paar Jahren das iranische Atomprogramm lahmlegte, laufe eher im Geheimen ab und werde nicht die Öffentlichkeit getragen, was schließlich nur die Gefahr erhöhe, entdeckt zu werden.

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Spekuliert wird auch über firmeninterne Sabotage. Vor einem Jahr waren gut ausgebildete Sony-Mitarbeiter, die beste Insider-Kenntnisse besaßen, von einer Entlassungswelle betroffen und könnten sich nun dafür rächen. Hilfe könnten sie von ehemaligen Kollegen erhalten haben, die ihnen einen direkten Zugang zum Firmennetzwerk ermöglichten, um so anonym die Schadsoftware aufzuspielen. Dass es ein Kinderspiel ist, Sonys Firmennetz aus­zutricksen, beweist der erneute Hackerangriff auf Onlinekunden der Sony-Playstation kurz nach Weihnachten. Schon 2011 wurden auf diese Weise tausende Kreditkartennummern ausgespäht.
Im neuen Fall legt „Das Interview“ vielleicht zu Unrecht eine Fährte zum kommunistischen Land. Filmkritiker, die den kläglichen Film schon gesehen haben, sehen darin außer Kim Jong-uns Tod keine grobe Verunglimpfung des Diktators. Stattdessen werden sogar seine menschlichen Züge gezeigt, etwa wenn ihm bei einem US-Poplied die Tränen kommen.
Dass die USA nun Nordkorea beschuldigen, kann also auf einem grandiosen Missverständnis beruhen, das angesichts zweier Atommächte fatale Folgen haben könnte. Die USA haben bereits zum Gegenschlag ausgeholt und nordkoreanische Internetverbindungen zeitweise gekappt. Der Cyberkrieg ist somit schon voll entbrannt. Harald Tews


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Kommentare

Dieter Schmitz:
2.01.2015, 19:03 Uhr

Nun wollen wir erst einmal klarstellen, dass es sich bei Nordkorea um Steinzeitstalinismus handelt. Ich bin wirklich kein Freund der USA, aber ich halte es durchaus für möglich, dass Nordkorea hier wirklich provoziert. Der Film mag Klamauk sein, fällt aber unter Freiheit der Kunst. Es wird ja niemand gezwungen, ihn anzusehen, aber ihn nicht zu zeigen, weil es Drohungen gibt, geht auch nicht.

Die andere naheliegende Möglichkeit wäre, dass die Hersteller des Films den Wirbel selbst gemacht hat, damit der Film bekannt wird - wer hätte ohne diese Vorgänge von diesem Film Notiz genommen?


Herbert Schinkel:
31.12.2014, 15:22 Uhr

Eine bessere Werbung, für einen vermutlich sclechten Film, kann es doch nicht geben.


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