Vater-Sohn-Tragödie um den Kurs Russlands

Am 7. Juli 1718 starb Alexej Petrowitsch Romanow in der Gefangenschaft, die sein Vater, Zar Peter I., angeordnet hatte

16.07.18
Peinliches Verhör: Peter der Große (sitzend) nimmt seinen Sohn Alexej ins Gebet Bild: Gemälde von Nikolaj Ge/Tretjakow Galerie

Zwei Seelen scheinen seit je in der Brust Russlands zu wohnen: So wie es heute anti- und pro-westliche Strömungen gibt, war es schon zu Zeiten der Zaren. Ein tragisches Beispiel dafür ist das Zerwürfnis zwischen Peter dem Großen und seinem Erstgeborenen, das in dessen Ermordung am 7. Juli 1718 mündete.

Zeitlebens gab es Differenzen zwischen Zar Peter I. und seinem Sohn Alexej. Peter war bemüht, Russland aus der Rückständigkeit herauszuführen, es zu modernisieren und zu einer Weltmacht aufzubauen. Auf vielen Reisen hatte Peter, der sich nie für einfache Arbeiten zu schade war, das nötige Wissen kennengelernt und nach Russland gebracht. Er war Europa und der Aufklärung zugewandt, sein Sohn Alexej hingegen stand unter dem Einfluss seiner von Teilen der alten Bojarenkaste und Vertretern der orthodoxen Kirche beeinflussten Mutter Jewdokija Lopuchina, die diese Öffnung Russlands gegenüber Europa ablehnte.
Die frühe Kindheit hatte der am 28. Februar 1690 geborene Zarewitsch in der Obhut seiner Mutter verbracht, doch als Peter diese 1698 wegen deren Verwicklung in den Strelitzenaufstand gegen ihn ins Kloster verbannte, wurde Alexej nach Preobraschenskoje gebracht und von deutschen Lehrern unterrichtet. Nach Beendigung seiner schulischen Ausbildung kam er dort mit Gegnern von Peters Reformpolitik in Berührung. Einer von ihnen war der Geistliche Jakow Ignatjew. Er unterstützte den Zarewitsch dabei, Kontakt mit seiner im Kloster Susdal festgesetzten Mutter zu halten, und schürte in dem Jungen den Hass gegen seinen Vater.
Um Russland aus der Isolation zu führen, aber auch, um Alexej an die westeuropäische Kultur heranzuführen, arrangierte Zar Peter 1707 die Vermählung seines Sohnes mit Charlotte Christine, Tochter des Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel. Am 25. Oktober 1710 fand die Hochzeit in Torgau statt. Die beiden fanden Gefallen aneinander, dennoch verlief die Ehe unglücklich. Die Prinzessin verstand sich gut mit ihrem Schwiegervater, während ihr Gemahl zusehends der Trunksucht verfiel und sie schlug. Als Peter davon erfuhr, stellte er seinen Sohn vor die Wahl, sich entweder zu bessern und sich zu einem würdigen Thronfolger zu entwickeln, oder andernfalls im Kloster eingesperrt zu werden. Charlotte Christine verstarb bei der Geburt ihres zweiten Kindes 1715 mit nur 21 Jahren.
Peter dem Großen war Alexejs anti-westliche Einstellung ein Dorn im Auge. Er sah seine Reformen in Gefahr. Als Peter den Sohn von der Thronfolge ausschloss, floh dieser 1716 gemeinsam mit seiner Geliebten Jewrosinja nach Wien zu seinem Schwager Karl VI., auf dessen Unterstützung er hoffte. Nach langen Scherereien, Drohungen und Erklärungen gelang es Peters Gesandten schließlich, ihn nach Russland zurückzulocken. Alexej verzichtete zugunsten seines Halbbruders Peter (Sohn der späteren Katharina I.) auf seine Thronansprüche, gab die Namen einiger Gleichgesinnter preis und hoffte, dass ihm der Rückzug ins Privatleben genehmigt würde. Jewrosinja erzählte in der Gefangenschaft indessen von den Plänen des Zarewitschs, der von der Thronbesteigung nach dem Tod Peters träumte, seiner Angst vor der Stiefmutter Katharina sowie seiner Hoffnung auf einen Aufstand und die Ermordung des Vaters. Nach diesem Beschuldigungen, die Alexej bestätigte, wurde er wegen der Verschwörung gegen seinen Vater angeklagt. In einer extra einberufenen Sondergerichtsverhandlung mit einem Richtergremium, bestehend aus hohen Würdenträgern, wurde der Zarewitsch am 5. Juli 1718 zum Tode verurteilt. Die Entscheidung über die Vollstreckung überließ das Gericht dem Zaren. Noch bevor Peter sich zu dieser Entscheidung durchgerungen hatte, verstarb Alexej am 7. Juli 1718 in der Peter-und-Paul-Festung, offiziell an einem Herzinfarkt, den er erlitten habe, als er das Urteil vernahm. In der Peter-und-Paul-Festung gefundene Niederschriften legen allerdings nahe, dass Alexej den Folgen der Folter erlegen ist.
Alexej bezahlte mit seinem Leben dafür, dass er sich den Reformen des Vaters widersetzte. Das politische Programm des Zarewitschs sah vor, die zahlreichen Kriege zu beenden, die Armee und die Flotte drastisch zu verkleinern, die Steuern zu senken sowie Moskau wieder zur Hauptstadt des Reichs zu erklären. Jedoch war Alexej nur mäßig begabt, und ihm fehlte die Willensstärke seines Vaters für die Umsetzung seiner Pläne.
Seine Verbündeten hofften indes, mit einem Umsturz die alte Ordnung wiederherstellen zu können. Mit Peters Reformen waren die Vertreter der unterschiedlichsten Stände unzufrieden. Besonders schwer hatte es das einfache Volk, das den Sinn der Reformen nicht verstand und durch die vielen Kriege sowie die endlos erscheinenden Neuerungen ermüdet war. Der Klerus war empört über die Verletzung traditioneller Werte und die totale Kontrolle durch den Staat. Auch waren Vertreter der Elite der neuen Verpflichtungen überdrüssig, die der Kaiser ihnen auferlegt hatte. Die Opposition gegen Peter richtete sich gegen das Tragen deutscher Kleidung, gegen die Bevorzugung von Emporkömmlingen und Fremden. Die Reformen hatten Ressentiments des alten Adels und den Widerstand der Kirche hervorgerufen. Die Unzufriedenheit mündete immer wieder in Aufständen, wie in den Kosakenaufstand 1707/1708, den Baschkirenaufstand und die Erhebung der Bauern des mittleren Wolgagebiets 1709/1710.
Die Tragik der Vater-Sohn-Tragödie besteht darin, dass sowohl Peter als auch Alexej im Grunde Europäer waren, doch während Peter sich an der aufgeklärten westlichen Tradition orientierte, hielt sein Sohn an einer vom alten Adel und der orthodoxen Kirche geprägten Lebensstil fest.
    Manuela Rosenthal-Kappi


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