Verteidigungsminister mit Sachverstand

Vor 25 Jahren starb Manfred Wörner – Geschätzt trotz der »Kießling-Affäre«

19.08.19
Begeisterter Flieger und Offizier mit Herz für die Truppe: Manfred Wörner Bild: Imago

Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es auch in der Bundesrepublik Deutschland Verteidigungsminister, die aufgrund ihrer Fachkompetenz mit den entsprechenden Aufgaben betraut wurden. Einer davon war Manfred Wörner. Er hatte zuvor langjährige Erfahrungen im Bereich der Verteidigungspolitik gesammelt, zudem war er Reserveoffizier. Unter Helmut Kohl wirkte er knapp sechs Jahre als Bundesminister, bevor er, als bislang einziger Deutscher, das Amt des NATO-Generalsekretärs übernahm.

Geboren wurde Wörner 1934 in Stuttgart als Sohn eines Textilkaufmanns. Bei der Wahl des Vornamens soll für die Mutter das Jagdfliegeridol des Ersten Weltkrieges, Manfred von Richthofen, ausschlaggebend gewesen sein. In Heidelberg, München und Paris studierte er Rechtswissenschaften, wurde 1959 mit einer Arbeit über militärische Strafgerichtsbarkeit promoviert und legte 1961 das Zweite Staatsexamen ab. Nach Tätigkeiten in Landratsämtern sowie im Landtag von Baden-Württemberg zog er 1965 für die CDU, der er seit 1956 angehörte, in den Bundestag ein. Hier war er mit 30 Jahren der jüngste Abgeordnete. Seine Themenfelder waren zunächst Sportförderung und Entwicklungspolitik. Von 1968 bis 1972 agierte Wörner als Geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Als sich seine Partei nach der Bundestagswahl 1969 in der Opposition wiederfand, wurde er stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion. Mehr und mehr hatte er auch zu dem Fachbereich gefunden, in dem er sich in den nächsten Jahrzehnten einen Namen machen sollte, der Verteidigungspolitik. Bereits Rainer Barzel hätte ihm 1972 das entsprechende Ministerium anvertraut, sofern der Sturz Willy Brandts durch das konstruktive Misstrauensvotum gelungen wäre. 1976 übernahm Wörner den Vorsitz des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages.
Da er zu den „weißen Jahrgängen“ zählte, hatte er nicht der Wehrpflicht unterlegen. Er ließ sich allerdings ab 1966 zum Starfighter-Piloten ausbilden und nahm in den Folgejahren an einer Vielzahl von Wehrübungen der Luftwaffe teil. 1977 wurde er zum Oberstleutnant der Reserve befördert.
Im Oktober 1982 konnte die Union wieder eine durch sie geführte Regierung bilden. Helmut Kohl schreibt in seinen Memoiren, Wörner „hatte in der Union keinen ernstzunehmenden Konkurrenten für das Amt des Bundesverteidigungsministers“.
Dieser Minister sollte es jedoch sein, der seinem Kanzler dann die erste in einer Reihe von „Affären“ bescherte. Günter Kießling, einer von damals drei Vier-Sterne-Generalen der Bundeswehr, Stellvertreter des Obersten Alliierten Befehlshabers Europa, wurde zum Jahresende 1983 in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Grund waren Gerüchte, er sei homosexuell. Kohl erklärte später rechtfertigend: „Was heute nicht weiter dramatisch klingen mag, war damals für die Sicherheitslage der Bundeswehr nicht unbedeutend.“
Kießling galt als erpressbar und folglich als Risiko. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) hatte die Angelegenheit allerdings nur oberflächlich untersucht. Der General beantragte ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst. Wörner fühlte sich nun seinerseits veranlasst, die Korrektheit der von ihm zu verantwortenden Außerdienststellung zu untermauern. Franz Josef Strauß, der einst große Stücke auf Wörner gehalten hatte und ihn im Falle eines Wahlsiegs 1980 ebenfalls zum Minister gemacht hätte, meinte, dieser habe „ein Verfahren gegen den betroffenen General in Gang“ gesetzt, „das an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten“ gewesen sei. In „Beweisnot“ gekommen, habe Wörner schließlich „auf Kosten des Steuerzahlers einen schillernden, einschlägig bekannten ‚Schriftsteller‘ aus dem Homosexuellen-Milieu aus der Schweiz nach Bonn“ als Zeugen eingeladen und sich „detailliert über die angeblichen Verfehlungen des Generals“ berichten lassen. Am Ende erwiesen sich sämtliche Unterstellungen gegenüber Kießling als haltlos. Der Minister entschuldigte sich bei ihm. Anfang Februar 1984 wurde der General wieder eingestellt und mit Großem Zapfenstreich in den ehrenhaften Ruhestand verabschiedet.
Die Angelegenheit lastete schwer auf Wörner. Mit erheblichem Befremden hatte man auch weit über Militärkreise hinaus die Tatsache zu Kenntnis genommen, dass dem Ehrenwort des Generals, der die Gerüchte natürlich von Anfang an bestritten hatte, so wenig Gewicht beigemessen worden war. Wörner bot seinen Rücktritt an. Kohl stellte sich jedoch vehement und zur Überraschung großer Teile der Öffentlichkeit hinter seinen Minister. Zum einen schätzte er Wörner als Experten, zum anderen hätte dessen Entlassung auch für den Kanzler eine schwere Niederlage bedeutet, an der neben der Opposition auch sein Widersacher Strauß interessiert gewesen wäre. Die „Kießling-Affäre“ sowie die zum Ende seiner Bonner Zeit abgeschlossenen Verträge für den Jäger 90, welcher sich als Milliardengrab erweisen sollte, gelten als Tiefpunkte von Wörners Zeit im Bundeskabinett.
Durchgesetzt hat er sein Konzept für die künftige Entwicklung der Bundeswehr. Wichtig war hier die Sicherung des Personalbestandes durch die Verlängerung der Wehrpflicht um drei Monate ab Juni 1989. Als Minister forcierte er ein enges deutsch-französisches Zusammenwirken im Bereich der Sicherheitspolitik und war ein nachhaltiger Verfechter des NATO-Doppelbeschlusses. Bezüglich der vor allem seit Mitte der 1980er Jahre einsetzenden Abrüstungsbestrebungen warfen ihm Kritiker vor, wichtige sicherheitspolitische Positionen unnötig schnell aufgegeben zu haben, so bei der Diskussion um den Verzicht auf die Pershing-Raketen.
Im Juli 1988 wechselte Wörner als NATO-Generalsekretär nach Brüssel. In seine Amtszeit fielen die rasanten politischen Umbrüche der Folgejahre. Mit dem Ende des Kalten Krieges gingen Veränderungen des Verteidigungsbündnisses einher, vor allem dessen Erweiterung. Wörner plädierte für ein Eingreifen der NATO im ehemaligen Jugoslawien. In einem Interview vom November 1991 sprach er von der Möglichkeit, dass es „eines Tages eine gemeinsame europäische Armee geben könnte“. Auf die Frage, wer die NATO derzeit bedrohe, antwortete er: „Gegenwärtig niemand.“ Es folgte jedoch der Zusatz: „Morgen kann sich das ändern.“
In der Bundeswehr wurde er, trotz der Belastung durch die „Kießling-Affäre“, geschätzt. Ebenso später auf internationalem Parkett als sachverständiger Generalsekretär, insbesondere auch bei den ehemaligen NATO-Gegnern. Erst in dieser Position, so ein verbreitetes Urteil, habe Wörner in seine eigentliche Rolle gefunden und staatsmännische Qualitäten entfalten können. Am 13. August 1994, wenige Wochen vor seinem 60. Geburtstag, ist er in Brüssel gestorben.    Erik Lommatzsch


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Kommentare

Günther Adens:
24.08.2019, 17:26 Uhr

Ich stimme Marcus Junge zu.
Der „Nachruf“ ist ein wenig zu beschönigend.

Ich entsinne mich noch genau an die Kießling-Affäre und meine Empörung über den Umgang mit diesem untadeligen Mann.
Hätte Wörner Charakter gehabt, dann hätte er dem verlogenen „Moralisch-Geistige-Wende“-Kanzler nicht scheinheilig kalkulierend den Rücktritt angeboten, sondern ihn gleich genommen.


Aber es sollten gleich und gleich weiter unter sich bleiben, und das wußte er vorher.


Marcus Junge:
19.08.2019, 20:09 Uhr

"Geschätzt trotz der »Kießling-Affäre«"

Ganz sicher nicht, so wie fast genau 20 Jahre später bei Hohmann / Günzel, zeigte dieser Fall warum die CDU ein Haufen Charakterschweine ist. So wie Merkel und Konsorten über General Günzel und davor ihren Partei"freund" und MdB Hohmann hergefallen sind, ist Wörner über Kießling gekommen, dem auch keiner half.

Außerdem hat Wörner rein gar nichts unternommen, um die Maßnahmen der rot-gelben Verbrecher rückgängig zu machen. So blieb es bei "Offizier ein Beruf wie jeder andere auch", den roten BW-Unis und dem "Kampf gegen rächts", auch als "Traditionserlaß bekannt, genau ein Anti-Traditionserlaß (alles Schmidt als Verteidigungsnull oder unter seiner Kanzlerschaft).

Also nein, Wörner ist typisch BRD und das ist ein gewaltige Beleidigung.


Hugo Th. Fürst:
19.08.2019, 12:21 Uhr

Kleine Berichtigung: W. flog nicht den Starfighter, sondern die Fiat
G 91


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