»Vollkommen gescheitert«

Experte: Auch mit einem fertigen BER kann das Berliner Flughafenkonzept nicht funktionieren

17.07.16
„Nicht funktionierender Luxus-Flughafen für die Billigfliegerei“: Experte sieht dauerhaft schwarz für den BER Bild: action press

Frank Welskop war in den 90er Jahren Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses bei der Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburg. Danach war er als Politikberater im Berliner Abgeordnetenhaus tätig. Bereits 2009 hat er das Buch „BBI – ein neuer Berliner Bankenskandal?“ veröffentlicht und darin das BER-Desaster frühzeitig vorhergesagt. Mit Frank Welskop sprach Norman Hanert.


PAZ: Herr Welskop, bereits 2009 haben Sie davor gewarnt, dass der neue Großflughafen auf eine finanzielle Ka­tastrophe zusteuert. Hat sich die Lage im Berliner Luftverkehr seitdem etwas verbessert?  
Frank Welskop: Die Lage ist noch dramatischer geworden. Als Klaus Wowereit im Jahr 2001 Bürgermeister wurde, lag der Umsatz pro Passagier und Jahr bei der Flughafengesellschaft noch bei knapp 15 Euro. Inzwischen ist er auf knapp elf Euro abgesunken. Der Durchschnitt der deutschen Verkehrsflughäfen liegt bei zirka 25 Euro. Laut letztem Geschäftsbericht hat Fraport sogar 42 Euro Umsatz je Passagier generiert. Im Vergleich zu Berlin hat Frankfurt nur rund doppelt so viele Passagiere, aber ungefähr das Zehnfache an Umsatz.


PAZ: Die beiden Berliner Flughäfen melden doch aber jedes Jahr neue Rekorde an Passagierzahlen. Wie kommt es dann zu diesen Mini-Umsätzen?
Welskop: Schuld an der massiven Umsatzlücke ist die Low-Cost-Strategie der Flughafengesellschafter. Berlin ist mit einem Anteil von zirka 70 Prozent der Flüge zur Hauptstadt der Billigflieger mutiert. Zudem ist Berlin auch damit gescheitert, von der Rolle als innerdeutscher Zubringer wegzukommen. Damit ist man weit davon entfernt, wie ursprünglich geplant, eine internationale Luftverkehrs-Drehscheibe zu werden. Es fehlen die umsatzbringenden Umsteiger und Interkontinentalflüge wie in Frankfurt. BER wird sich aber auch in der Zukunft nicht zum dritten Drehkreuz in Deutschland entwickeln. Frankfurt und München haben die Claims längst abgesteckt.


PAZ: Aus Ihrer Sicht hat das Scheitern der Drehkreuzstrategie weitreichende Folgen?
Welskop: Nach dem Scheitern der Privatisierung gab es 300 Änderungswünsche vonseiten der Politik. Dabei sollte vor allem die Botschaft vermittelt werden, in Berlin entsteht ein konkurenzfähiges Drehkreuz. Die direkte Folge war, dass man viel zu wenig Gepäckbänder und Check-In-Schalter plante, dafür aber viel Non-Aviation-Fläche für die angeblich vielen Umsteiger. Nun soll BER erweitert werden, um die Massen von Passagieren durch die Billig-Fliegerei überhaupt abfertigen zu können.


PAZ: Das treibt die Kosten weiter in die Höhe?
Welskop: Nach offizieller Lesart ist man jetzt schon bei Kosten von rund 5,6 Milliarden Euro angekommen. Jetzt kommen nochmal 2,6 Milliarden dazu, damit man unter anderem den alten Flughafen Schönefeld für elf Millionen Passagiere aufpeppen kann. Diese 2,6 Milliarden Euro sind weit mehr, als der BBI ursprünglich mit 1,7 Milliarden Euro kosten sollte!


PAZ: Sehen Sie weitere Probleme?  
Welskop: Das gravierendste Problem ist, dass der BER bei einer Eröffnung im Jahr 2017 nur eine Kapazität von 22 Millionen Passagieren hätte, jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits 33 Millionnen in Berlin erwartet werden. Falls der BER 2017 eröffnet, müsste Tegel ein halbes Jahr später geschlossen werden. Lässt man Tegel wiederum offen, hätten die vom Flug­lärm betroffenen Anwohner um Tegel ab Herbst 2017 einen milliardenschweren Anspruch auf Schallschutz.


PAZ: Wie sehen die Chancen aus, dass BER künftig Gewinne abwirft?  
Welskop: BER wird nach heutigen Voraussetzungen nicht in der Lage sein, auch nur in die Nähe der Gewinnschwelle zu kommen. Dazu wären ganz andere Umsätze nötig. Wesentlich mehr als 400 Millionen Euro sind bei einem Aufkommen von 33 Millionen Passagieren pro Jahr nicht zu erreichen. Für einen kostendeckenden und gewinnträchtigen BER-Betrieb wären mindestens 800 Millionen Euro Umsatz nötig. Durch die Billigfliegerei wird BER aber immer eine riesige Umsatzlücke haben. Als großes Drehkreuz kommt der Flughafen zu spät. Das hängt mit der fatalen Fehlentscheidung der Politik zusammen, an einem Standort zu bauen, der laut Raumordnungsverfahren überhaupt nicht geeignet ist. Man wusste von vornherein, dass dort kein 24-Stunden-Betrieb möglich ist. Auf Kosten der Steuerzahler wird nun faktisch ein nicht funktionierender Luxus-Flughafen für die Billig-Fliegerei gebaut. Im Geschäftsbericht von 2015 ist mittlerweile ein Bilanzverlust von 723 Millionen Euro ausgewiesen.


PAZ: Wie sieht vor diesem Hintergrund die Zukunft für den BER aus?      
Welskop: Wir haben einen halbfertigen Großflughafen, der auf Grund der Probleme beim Brandschutz nicht eröffnet werden kann. Mein Eindruck ist sogar, dass die Thematik „Brandschutz“ nur eine Art von Deckmantel ist, hinter dem noch gravierendere Probleme versteckt werden. Ich kann an dieser Stelle bezeugen, dass bei der Anhörung zum Planfeststellungsantrag im Jahr 2000 von dem Gutachter Professor Hözel (Uni Karlsruhe) eindringlich davor gewarnt wurde, das Terminal an dieser Stelle zu errichten, denn man baue auf einer Wasserscheide, was das Bauwerk durch Absenkungen massiv gefährden würde.


PAZ: Sie sehen das Projekt in mehrfacher Hinsicht als gescheitert an?   
Welskop: Auf jeden Fall, der BER ist baulich, technisch und betriebswirtschaftlich gescheitert. Nun muss nur noch die Politik die Pleite eingestehen.


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Kommentare

Axel G.:
25.07.2016, 12:41 Uhr

Schon seit den Zeiten Friedrichs des Großen war Berlin die gehätschelte und aus eigener Kraft nicht lebensfähige Residenz, und in Zeiten des Kalten Krieges wurde diese Prägung aus globalstrategischen Gründen noch weiter gefördert.Daraus hat sich die Lebenseinstellung ergeben, die Wowereit mit "arm aber sexy" beschrieb und die jedem, der nicht dort wohnt und dessen Steuergelder dazu missbraucht werden, diesen Laden über Wasser zu halten, die Zornesadern anschwellen lässt. Dieser Befund geht quer durch alle Parteien, und zu DDR-Zeiten galt das auch für Ost-Berlin. Das sogenannte Flughafenkonzept dieser Stadt steckt so tief in der Grütze, dass man wirklich nicht weiß, wie es dort je wieder hinauskommen soll. Schließlich hat man 2008 ja auch noch Tempelhof ohne jede Not geschlossen. Die Grundlage war das unter Diepgen beschlossene und zum Zeitpunkt der THF-Schließung längst nicht mehr aktuelle private Finanzierungskonzept für den BER, welches dem privaten Konsortium in rechtswidriger Weise maximalen Konkurrenzschutz garantieren sollte. Man stelle sich vor, der BER-Flughafen wäre in Sperenberg gebaut worden: das Resultat wäre ein Flughafen in der brandenburgischen Pampa gewesen, nur auf dem Luftwege oder per Transrapid in angemessener Zeit erreichbar und die anderen drei geschlossen! Nun hat man in THF eine verkommene Freizeitwiese mit Grillplätzen, die über 45 Meter breite Fahrradwege anfahrbar sind, in Tegel einen aus allen Nähten platzenden Regionalflughafen ohne S-oder U-Bahnanbindung und in Schönefeld einen Low-Cost-Flughafen, dessen Infrastruktur auf DDR-Niveau verharrt, während die Eröffnung des daneben, wieder für Steuergelder aus der ganzen Nation gebauten BER konsequent administrativ sabotiert wird. Es bedurfte außerdem einer gehörigen Portion von Residenz-Größenwahn, um die Einbildung zu entwickeln, dass die Luftverkehrsbranche neben Frankfurt und München innerhalb Deutschlands nach einem dritten Hub-Flughafen verlangt!


Dietmar Fürste:
17.07.2016, 10:52 Uhr

Eine bestürzende Einschätzung! Aber - warum sollte ausgerechnet dieses Projekt gelingen?

Wie sich auch beim Projekt Stuttgart 21 herausgestellt hat, gibt es bei solchen Vorhaben deshalb keine Kosten-Deckelung, weil letztlich der wehrlose Steuerzahler dafür geradestehen muss und niemand aus der Politik jemals für solch ein angerichtetes Chaos zur Verantwortung gezogen wird!

Nach dem gleichen Prinzip werden ja auch die milliardenschweren Mehrkosten für die medizinische Versorgung der neuen Zugewanderten, z.B. für die sehr kostenintensive Hepatitis-C-Therapie von ca. 1/2 Million dieser Menschen, schlicht per Zusatzbeitrag auf die gesetzlich Versicherten umgelegt.

Ob der Wähler sich diese Austeritätspolitik noch länger bieten läßt, wird sich sicher bald zeigen.


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