»Ware Haus statt Warenhaus«

Bei der Fusion von Karstadt und Kaufhof geht es nicht zuletzt um Immobilien

25.09.18
Trier ist kein Einzelfall: Mancherorts liegen Filialen von Karstadt und Kaufhof dicht beieinander und leisten einander Konkurrenz Bild: pa

Die Warenhausriesen Kaufhof und Karstadt fusionieren. Vordergründig geht es um Wettbewerbsvorteile. Hinter der Megafusion stecken aber auch handfeste Immobilienspekulationen. Nicht umsonst heißt es in der Immobilienbranche zu der Fusion: „Ware Haus statt Warenhaus“.

Der Onlinehandel, insbesondere Amazon, ist in den vergangenen Jahren zum Totengräber für den klassischen Warenhandel geworden. „Der US-Internetkonzern ist heute eine Billion Dollar wert, das Warenhausgeschäft von Karstadt und Kaufhof so gut wie nichts. Beide haben den Anschluss an die moderne Einkaufswelt komplett verschlafen“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“.
Besonders für Kaufhof mit seinen 96 Warenhäusern war die Fusion mit dem langjährigen Konkurrenten die letzte Option. Das Unternehmen kämpft seit der Übernahme durch das nordamerikanische Unternehmen Hudson’s Bay Company (HBC) Ende 2015 mit Umsatzrückgängen und roten Zahlen.
„Strategisches Ziel ist es, das Einzelhandelsgeschäft zukunftsfähig zu machen und im digitalen Zeitalter einen der führenden Omnichannel-Anbieter entstehen zu lassen“, teilten die HBC und der österreichische Karstadt-Besitzer, die Signa Holding, in einer gemeinsamen Erklärung mit. Karstadt-Chef Stephan Fanderl soll künftig die Leitung des Konzerns innehaben, die Mehrheit der Anteile am neuen Unternehmen liegt künftig bei der Signa Holding. Die HBC bleibt mit gut 49 Prozent die Rolle des Juniorpartners.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sollen sowohl Karstadt als auch Galeria Kaufhof vorerst als Marken bestehen bleiben. Der neue Einzelhandelsriese wird europaweit 243 Standorte halten und rund 32000 Mitarbeiter beschäftigen. Kaufhof und Karstadt machten im vergangenen Jahr einen Umsatz von zusammen etwa 5,4 Milliarden Euro.
Experten beurteilen die Chancen des neuen Konzerns als gemischt. Während Kaufhof mehr und mehr zum Auslaufmodell geworden sei, habe Fanderl Karstadt wieder auf Kurs gebracht.
Aber vor allem im Online-Bereich gibt es strategische Rück­stände. Allein Amazon ist derzeit an einem Drittel des Gesamtum­satzes im deutschen E-Commerce beteiligt, Tendenz steigend. Sowohl Karstadt als auch Kaufhof haben großen Aufholbedarf. Die Signa Holding und die HBC teilten mit, dass sich im Bereich der „leistungsfähigen Onlineplattformen“ durch den Zusammenschluss „zahlreiche Chancen“ böten.
Doch das Faustpfand des neuen Unternehmens ist ein anderes. Defizitär, so schildern es Branchenkenner, sei das Warenhausgeschäft, aber die Immobilien, in denen dieses Geschäft betrieben werde, sei Gold wert. „Deren Wert ist zuletzt immens gestiegen, so wie der von Handelsimmobilien in zentraler Stadtlage generell. Vielen Prognosen zufolge geht es so weiter, solange die Zinsen niedrig und die Finanzierungsmöglichkeiten günstig sind“, heißt es in einer Analyse der „Süddeutschen Zeitung“.
Das „Handelsblatt“ berichtet, das zentrale Element sei aus Sicht der HBC aber eine dahinterliegende Immobilientransaktion gewesen. Die Signa halte künftig 50 Prozent an 57 Kaufhof-Häusern. Im Gegenzug flössen allein 411 Millionen Euro in Cash an den bisherigen Kaufhof-Eigentümer.
Zusätzlich könne die HBC nun 230 Millionen Euro an Hypothekenkrediten in Europa ablösen. Investoren des in Toronto notierten Konzerns hätten bereits seit Monaten angesichts des schwächelnden Handelsgeschäfts gefordert, dass die HBC Werte aus ihrem großen Immobilienbesitz realisiert. Mit dem Abschluss in Europa könne das Unternehmen nun Vollzug melden. „Diese Transaktion schafft signifikante Werte für unsere Anteilseigner und verbessert unsere Bilanz“, betonte Helena Foulkes, Vorstandschefin der HBC.
Wie es für die Mitarbeiter weitergeht, ist bislang unklar. „Bild am Sonntag“ geht davon aus, dass alleine bei Kaufhof rund 5000 der noch 17000 Beschäftigten gehen müssten. Es sei „respektlos“, wie durch Berichte über einen Kahlschlag bei Kaufhof mit „der Psyche unserer Kolleginnen und Kollegen umgegangen wird und Verlustängste geschürt werden“, heißt es in einem internen Schreiben des Gesamtbetriebsrats an die Belegschaft, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitierte. Den Arbeitnehmervertretern bei Kaufhof lägen bislang keinerlei Informationen über einen Personalabbau vor. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat sich gegen eine Fusion ausgesprochen. Vertreter der Gewerkschaft äußerten die Hoffnung, die Kartellbehörden könnten die Megafusion in letzter Sekunde doch noch verhindern.
Kartellamtspräsident Andreas Mundt kündigte gegenüber „Spiegel Online“ an, die Fusionspläne genau zu prüfen: „Wir stellen uns auf ein extrem umfangreiches und aufwendiges Verfahren ein.“ Es müssten sowohl die Folgen für die Kunden als auch für die Lieferanten geprüft werden. Wie das Nachrichtenmagazin weiter berichtet, sähen Experten den Zusammenschluss als einzige Chance. Kaufhof sei ohne eine Fusion „erledigt“, und auch Karstadt könne nach einer Phase der Konsolidierung wieder in rote Zahlen rutschen. „Ein Selbstgänger ist der Zusammenschluss jedoch keinesfalls“, erklärt Gerd Hessert, Honorarprofessor für Handelsmanagement an der Universität Leipzig: „Jetzt geht es darum, dass Konzepte geschrieben und umgesetzt werden, die wieder eine Erlebnissituation Warenhaus schaffen – modern, zukunftsfähig und auch für die Jugend attraktiv.“    Peter Entinger


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