Waren’s die Nazis?

Warum Merkel die Täter von Paris nicht nennt, was man »instrumentalisieren« darf und was nicht, und wie man Protest erstickt / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

21.11.15

Wer waren eigentlich die Täter von Paris? Fragen wir die Frau, die schon von Amts wegen am besten Bescheid wissen muss im Land – unsere Kanzlerin. Angela Merkel hat am Tag danach eine offizielle Stellungnahme abgegeben zu dem Massaker, dem mindestens 132 Menschen zum Opfer fielen.
Darin lesen wir, die Täter waren – „die“. Wie bitte? Ja, wer denn jetzt? Wer ist mit „die“ gemeint? Das sagt die Kanzlerin nicht, sie erwähnt die Täter mit keinem Wort, außer mit der Bezeichnung „die“: An die Franzosen gerichtet verspricht sie: „Wir werden gemeinsam mit Ihnen den Kampf gegen die führen, die Ihnen so etwas Unfassbares angetan haben.“
Gegenüber den Tätern verhält sich Merkel mit dieser Formulierung natürlich sehr taktvoll, indem sie ihnen die schmachvolle Erwähnung in dem grausigen Zusammenhang erspart. Wir indes stehen angesichts von so viel rhetorischer Rücksichtnahme etwas ratlos da.
Wenn uns schon die Worte nicht weiterbringen, dann vielleicht die Taten, mit denen Politik und Behörden auf den Massenmord reagieren. Und siehe da: Es gibt einen Hinweis! Der Verfassungsschutz hat angekündigt, als Reaktion auf Paris 250 zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Na also, und wenn wir jetzt noch erfahren, gegen wen die Leute eingesetzt werden, dann haben wir bestimmt die Information, wer an der Seine gemordet hat.
Von den 250 neuen Verfassungsschützern werden 150 eingestellt zur besseren Bekämpfung des Rechtsextremismus. Danach müssen es Nazis gewesen sein, die in der französischen Hauptstadt dieses unfassbare Gemetzel angerichtet haben. Aus diesem Grunde wurde als erste Reaktion ja auch der Schutz der Asylheime in Deutschland verstärkt.
Wie? Was höre ich Sie sagen? Das in Paris waren gar keine Nazis, sondern Islamisten? Na, Sie sind gut, und wie erklären Sie mir dann die gezielte Aufstockung beim Verfassungsschutz und das mit den Asyllagern? Und wieso liest man im Netz überall, dass wir wegen Paris vor allem besorgt sein sollten vor angeblichen Islamfeinden wie den Pegida-Spazierern?
Das liegt wahrscheinlich daran: Als ein verrückter Mann auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker eingestochen und die Frau beinahe getötet hatte, stellte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner fest: „Pegida hat in Köln mitgestochen.“ Derselbe Stegner ließ nun verlauten: „Versuche, (die) Pariser Gewalttaten von rechts zu instrumentalisieren, sind pietätlos gegenüber den Opfern und widerwärtig.“
Das eine darf also „instrumentalisiert“ werden, das andere nicht, daher das Gewürge um die Täter von Paris. Deren Schandtat lässt sich nämlich nicht so einfach in Stellung bringen, um die Gegner der herrschenden Politik mit blutigem Dreck zu bewerfen, wie dies dem Genossen Stegner im Falle des Reker-Attentats so virtuos wie gewissenlos gelungen ist.
Vielmehr sieht man die Gefahr, dass böse Geister Rückschlüsse aus Paris ziehen könnten hinsichtlich von Fragen wie Multikulti, offene Grenzen und Massenzuwanderung. Ergo müssen wir versuchen, die Pariser Vorfälle von allen Hintergründen und Verursachern zu trennen, bis sie völlig losgelöst von allen Zusammenhängen schwerelos im Raum schweben wie ein entfernter Himmelskörper, der mit uns, unserer Politik oder vordringenden radikalreligiösen Strömungen auf unserem Planeten nicht das Geringste zu tun hat.
Keiner zieht diese Linie gründlicher durch als die Kanzlerin. Bei ihr haben die Täter nicht nur keinen Hintergrund und kein Motiv. Sie besitzen nicht einmal einen Namen, daher nennt sie sie bloß „die“.
Ob die Deutschen das wohl mitmachen? Vernunftbegabte Staatsbürger haben ja diese ekelhafte Angewohnheit, nach „Fakten“ zu fragen, nach „Ursachen“, also nach den Hintergründen. Insbesondere, wenn es sich um einen Massenmord handelt, der auch sie demnächst treffen könnte, wenn sie an einem Berliner Glühweinstand stehen, ein Rock-Konzert in Hamburg besuchen oder in einem Münchener Café sitzen, wenn sie durch Dresden schlendern oder in Köln Tauben füttern – völlig egal, der Schatten des Todes aus der Hand des Islamischen Staates liegt ab sofort allerorten über uns. Mit dieser Gewissheit im Nacken könnten die Menschen etwas unbequem werden, was bei Politikern nie gut ankommt.
Dem begegnen die hohen Herrschaften mit einer ausgefeilten Doppelstrategie. Einerseits werden die Bürger eingeschüchtert: Wer die Nerven verliert oder gar etwas ins Unreine spricht, was ihm (mit ein  bisschen bösartiger Phantasie) als islamfeindlich oder gar rechtsradikal ausgelegt werden könnte, der bekommt Ärger. Daher verharren die Menschen in sprachloser Trauer um die Pariser Opfer oder in atemloser Furcht vor dem, was ihnen selbst drohen könnte, statt dass sie nach Hintergründen fragen oder eine eigene Meinung äußern.
Das wirkt ganz wunderbar: Hören Sie mal Leuten zu, die ihr Unbehagen über die Asylflut zum Ausdruck bringen wollen! Herrlich, wie die sich um sich selbst winden und das übliche, eingetrichterte Ausflüchte-Repertoire absondern: „Nicht, dass Sie jetzt glauben, ich sei irgendwie rechts oder so, ich habe sogar mal die Grünen gewählt!“ Absolut erbärmlich, das Gequatsche, soll heißen: Die Einschüchterung funktioniert blendend!
Es sei denn, die Deutschen durchschauen das Spiel irgendwann. Das werden wir daran erkennen, dass sie plötzlich sagen: „Was schimpfen Sie? Ich sei rechts? Stimmt, da liegen Sie absolut richtig, und jetzt?“ Dies wäre das Signal, dass es gefährlich wird. Denn wer so trotzig dagegenhält, der hat das Zaumzeug des Untertanen abgelegt und sich zum frei denkenden Bürger emanzipiert, mit anderen Worten: Er ist eine Bedrohung.
In dem Moment muss die zweite Stufe der Strategie eingeleitet werden. Was ist überhaupt „rechts“? Einst bezeichnete man, wenn kein „-extrem“ oder „-radikal“ drangehängt war, damit das bürgerliche Lager von den Nationalliberalen über die Christdemokraten bis zu den Konservativen.
Inzwischen ist es gelungen, „rechts“ zum politmoralischen Straftatbestand umzulügen. Um die damit erreichten Möglichkeiten zu nutzen, müssen die „Rechten“ aber auch ab und zu „die  Maske fallen lassen“. Hier kommen die 150 zusätzlichen Rechtsextremismus-Bekämpfer beim Verfassungsschutz ins Spiel. Diese Leute ausgerechnet als Reaktion auf Paris einzustellen, ist nämlich keineswegs so balla balla, wie es auf den ersten Blick erscheint.
Seit der NPD-V-Mann-Affäre haben wir’s schwarz auf weiß, dass der Verfassungsschutz nicht nur Beobachter, sondern vor allem emsiger Mitveranstalter, nicht selten gar Hauptveranstalter rechtsextremer Umtriebe in Deutschland ist. So liegt der Verdacht nahe, dass die 150 zusätzlichen Kräfte vor allem Schwung in diese Szene bringen sollen, damit „rechts“ das Wort für das absolute Böse bleibt und die Deutschen voller Schrecken derart gebannt auf das Treiben „am rechten Rand“ blicken, dass alles andere in den Hintergrund tritt.
So könnten staatliche Rechtsextremisten-Darsteller bei Pegida-Demos mitlaufen und im günstigen Moment was Scheußliches sagen, damit der herbeigeeilte Staatssender das „wahre Gesicht der angeblich besorgten Bürger“ zeigen kann. Mit dieser Masche erstickt man Protest weitaus effektiver als mit simpler Gegenpropaganda der Marke „Pack“ und so. Wer wollte in so einem Moment noch von Islamisten reden? Oder vor offenen Grenzen und wachsenden Ghettos in unseren Städten warnen? Und wer will dann noch „rechts“ sein?
Als Angela Merkel kurz vor den Pariser Anschlägen wohlgemut verkündete, „die Kanzlerin hat die Lage im Griff“, haben einige Kommentatoren nur bitter gelacht. Das war verfrüht. Die haben nämlich bloß nicht verstanden, wie die Frau Merkel das gemeint hat.


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Kommentare

Andreas Sieber:
28.11.2015, 15:19 Uhr

„Was schimpfen Sie? Ich sei rechts? Stimmt, da liegen Sie absolut richtig, und jetzt?“

Das mache ich schon seit Jahren so. Wirkt Wunder und öffnet das Gegenüber für vernünftige Gespräche.

mfG


Claus Reber:
23.11.2015, 14:06 Uhr

Wie immer ein sehr gut geschriebener Artikel, der den Leser zumindest zum Nachdenken anregen sollte. Es fällt ja im heutigen Medienalltag oft schon schwer, bei bestimmten Themen auch mal quer zu Denken und die Dinge einfach mal von einer anderen Seite zu betrachten. Täglich versucht man unsere Gedanken in eine politisch gewollte Richtung zu lenken. Das Spiel der Politik und vieler Medien ist nicht neu. Jemand begeht eine Tat, sei es aus der linken Szene oder durch Asylbewerber selber und schon steht nach kurzer Zeit der erste Politiker vor der Kamera und fordert einen stärkeren Kampf gegen alles was sich rechts vom linken Mainstream bewegt. Dabei werden bewusst AfD und Pegida mit der NPD in einen Topf geworfen. Politiker wie Stegner, Gabriel und Fahimi sind dabei besonders durch ihre Hetze und ihren verbalen Ergüssen allen Kritikern gegenüber besonders aufgefallen. Meine Hoffnung ist, dass die Menschen anfangen die Dinge zu hinterfragen und nicht alles ungefiltert glauben was uns jeden Abend in den Nachrichtensendungen eingetrichtert wird. Artikel wie der obige können dazu beitragen den Leser zu sensibilisieren und kritischer mit den Medien zu sein.


Martin Kratz:
23.11.2015, 08:53 Uhr

Danke für diesen Beitrag. Meine Demoerfahrung deckt sich mit Ihren Schlussfolgerungen.


Jürgen Forbriger:
21.11.2015, 10:21 Uhr

Deutsche Politiker sind feige und verblödet - fällt mir dazu nur noch ein. Ein Schutz für Deutsche gibt es nicht. Alles dient dem Machterhalt! Es ist gewollt, daß der Terror weiter geht in Deutschland.


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