Was Bonn und BND vorher wussten

Vor 50 Jahren beendeten Warschauer-Pakt-Truppen mit dem Einmarsch in die CSSR den Prager Frühling

27.08.18
Im Zentrum der Tschechoslowakei angekommen: Panzer der Sowjetarmee auf dem Wenzelsplatz Bild: pa

Am 20. August 1968, um 23.11 Uhr, wurden auf dem Radarschirm des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) die ersten sowjetischen Glitzer im Luftraum Prag gesichtet. Ein russisches Flugzeug täuschte dem dortigen Flugplatz einen „Luftnotfall“ vor und bat um Landeerlaubnis. Tatsächlich waren es mehrere Maschinen, die schwerbewaffnete KGB-Truppen beförderten. Die Okkupation der CSSR hatte begonnen.

Unvergesslich sind die Bilder, wie Sowjetpanzer und Einheiten des Warschauer Paktes gegen die aufgebrachte Bevölkerung blutig vorgingen und die Reformbewegungen in der Tschechoslowakei gewaltsam beendeten. Bereits Ende Mai hatte der DDR-Staatssicherheitsminister Erich Mielke indirekt mit einem Einmarsch gedroht mit den Worten: „Der Kampf gegen die Konterrevolution ist eine internationale proletarische Pflicht.“ Die Spitzen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, die am 5. Januar des Jahres den Reformer Alexander Dubcek zum Ersten Sekretär der Partei gewählt hatten, der Regierung und des Parlaments wurden verhaftet und nach Mos­kau verschleppt. Noch am 24. August erklärte der tschechoslowakische Außenminister vor dem UN-Sicherheitsrat, entgegen allen Propagandabehauptungen des Ostblocks habe sein Land keine militärische Unterstützung Moskaus angefordert und es sei die aktuelle Besatzung als Akt der Gewalt zu verstehen. Nur zwei Tage später endeten im Kreml die „Verhandlungen“ zwischen den Führungen der CSSR und der UdSSR mit der Unterzeichnung des „Moskauer Protokolls“, in dem die Okkupation des Landes „akzeptiert“ wurde.
Am 24. September lobte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ die NVA-Soldaten „für ihren Einsatz“ beim Einmarsch in Prag, es entstand darüber sogar ein Lied. In Wahrheit hat entsprechend einem Befehl des Generalsekretärs des ZK der KPdSU Leonid Breschnew kein einziger DDR-Soldat an der Aktion teilgenommen, die Erinnerungen an den Einmarsch der Wehrmacht 1939 waren in der Tschechoslowakei noch zu frisch.
Der illegale Widerstand in der CSSR dauerte noch lange an, immer wieder riefen die Freiheitssender im Untergrund verzweifelt den Westen um Hilfe – die auch dieses Mal nicht erfolgte. Wa­shington wollte wegen der vom Kreml beherrschten CSSR keinen Dritten Weltkrieg riskieren. Zudem glaubten die Amerikaner und auch die Briten bis zur letzten Minute fest, dass Breschnew die Tschechoslowakei „mit Rück­sicht auf die Weltöffentlichkeit“ nicht überfallen würde. Noch am 31. Juli schätzte das Bundeskabinett in Bonn eine derartige Besetzung als „unwahrscheinlich“ ein, was den BND-Präsidenten Reinhard Gehlen von „so viel Naivität“ sprechen ließ. Seine Männer hatten dem Auswärtigen Amt die Aufmarschpläne des Warschauer Pakts vorgelegt und es – teilweise unter Tränen – beschworen zu reagieren.
Der BND hatte schon am 10. Mai, also ein Vierteljahr vor dem Einmarsch, die Gefahr erkannt. Ihn alarmierten die sowjetisch-polnischen Großmanöver mit 80000 Mann und 2800 Panzern direkt an der Grenze zur CSSR. Elf Tage später erhielt der BND erste Hinweise auf größere Truppenbewegungen in Richtung CSSR. Ende Juni begannen in der Tschechoslowakei die Manöver der Warschauer-Pakt-Staaten, doch nach ihrer Beendigung blieben die sowjetischen Panzer mit gefüllten Tanks und genügend Munition zurück. Eine Analyse in Pullach sprach von „brillanter Vorübung für eine spätere Invasion“. Am 30. Juli meldeten die AWACS-Flugzeuge der NATO, an den Grenzen zur CSSR seien nunmehr 20 Ostblock-Divisionen aufmarschiert, die sich in den Wäldern versteckt hielten. Am 18. August meldete der deutsche Nachrichtendienst nach Bonn „starke Anzeichen für einen geplanten Angriff“. Am 20. August verstummte kurz nach 21 Uhr der gesamte Funkverkehr der Truppen des Sowjetblocks – was stets ein sicheres Zeichen für einen bevorstehenden Angriff ist. Zwei Stunden später ging die relative Freiheit der CSSR zu Ende. Der BND hatte damals eine gute Quelle in Moskau, sicherlich in hohen Offizierskreisen, und angeblich einen Major der sowjetischen Militärspionage GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije, Hauptverwaltung für Aufklärung) in Sachsen. Tatsache ist, dass Pullach einen Mitarbeiter direkt zu Dubcek schickte mit der Warnung vor einer Okkupation – doch auch er konnte an sie nicht glauben.
Die Bundeswehrbrigade, welche die bundesdeutsche Grenze zur CSSR zu sichern hatte, wurde sofort in Marsch gesetzt. Der verantwortliche Offizier, der seine Pflicht erfüllte, hatte wegen seines Vorgehens indes später in Bonn etliche Schwierigkeiten. Von den an der Grenze stationierten US-Einheiten raste ein Jeep mit zwei schwerbewaffneten Soldaten in die Tschechoslowakei, vergebens versuchten US-Hubschrauber sie zu finden. CSSR-Grenzsoldaten versteckten beide vor Sowjettruppen, zwei Tage später wurden sie der bayerischen Landespolizei übergeben. Hätten diese nicht zuvor die Grenzpfähle erneuert, wären die Moskauer Armeen vielleicht ins bundesdeutsche Bayern eingedrungen, denn ihr Kartenmaterial war veraltet. Offen bleibt, ob das völlig überraschte Bonn in einem solchen Fall handlungsfähig gewesen wäre.    
    Friedrich-Wilhelm Schlomann


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